Mädchenstübchen – nirgend eine Spur von der Gesuchten . Kopfschüttelnd zog sie sich zurück und lenkte unwillkürlich ihre Schritte zu einer andern Thür , leise öffnete sie dieselbe , das Mondlicht füllte den kleinen Raum mit weißem flimmerndem Glanz , und in diesem silbernen Lichte , da stand unbeweglich die holde schlanke Mädchengestalt und schaute zum Fenster hinaus . Wie gebannt blieb die alte Frau stehen und sah zu dem lieblichen wohlbekannten Bilde hinüber , war es denn noch Jugendzeit ? War das denn die Lisett wieder , die dort stand ? „ Er kommt , “ jubelte da eine süße Stimme , „ er kommt . Ich habe das Licht gesehen . “ Und leicht und zierlich war Lieschen an der alten Frau vorübergehuscht und dann wie ein holder Spuk verschwunden . Richtig , da drüben schimmerte ein Licht im Thurmstübchen , die alte Frau stützte sich fest auf das Tischchen am Fenster und starrte hinüber , ihr Jugendtraum war wieder erwacht , „ allgütiger Gott ! “ sagte sie leise und die Hände verschlangen sich , „ träume ich denn , träume ich ? “ Und dann trieb es sie hinunter . Mit zögernden Schritten ging sie aus dem Hause ; der Garten lag im weißen Mondlicht , und berauschender Blüthenduft hauchte sie an ; wie einst in ferner , ferner Jugendzeit wandelte sie weiter , die Nachtigallen schlugen so heimlich , und von jenseits des Weges klang in zitternden Tönen das einförmige Concert der Frösche herüber . Jetzt trat sie auf den Kiesplatz vor der Laube – wirklich , es flüsterte da drinnen , leise schlich sie hinzu und bog die Zweige zurück , da saßen sie neben einander auf der Bank , sie hatte den Arm um seinen Nacken gelegt und ihr Gesicht an seiner Brust verborgen , und er küßte immer und immer wieder ihr braunes Haar und nannte sie mit den zärtlichsten Schmeichelnamem . Und jetzt hob sie ihr Gesicht , und in dem hellen Mondstrahl , der sie streifte , sah die alte Frau ein paar große blaue Augen , die mit dem Ausdruck reinsten Glückes an seinem Antlitz hingen , das sich ihnen entgegen bog . Behutsam ließ sie die Zweige fallen und trat zurück – sie hatte genug gesehen . Leise , leise schritt sie wieder den Weg entlang , und dann und wann wischte sie die Augen mit dem Schürzenzipfel . Unter den Lindenbäumen vor der Hausthür lag tiefes Dunkel , sie setzte sich auf die Sandsteinbank und schaute zum Garten hinüber mit gefalteten Händen und die alten Lippen murmelten ein heißes Dankgebet ; was sie kaum zu hoffen gewagt , es war Wahrheit geworden . Von jenseits des Wassers erklang eine frische Mädchenstimme in all die Frühlingsmelodien hinein , ein helles Kleid schimmerte im Mondlicht , näher und näher kam der Gesang , und deutlich tönte jedes Wort in das Ohr der alten Frau : Die Lieb ’ kommt wie der Frühling leis , Eh ’ man gedacht der losen , Und zaubert an ein welkes Reis die allerrothsten Rosen . Sie weckt die schönste Melodei Im Herzen , das noch eben An keine Ros ’ , an keinen Mai geglaubt mehr hat im Leben . „ Lieschen ! Army ! “ rief sie dann laut in den stillen Garten hinüber , als sie unter den Lindenbäumen stand , „ wo seid Ihr ? “ Keine Antwort – nur die Nachtigallen sangen weiter . „ Laß ’ sie , Nelly , “ sagte eine alte Stimme neben ihr , und eine Hand zog sie nieder auf die Bank , „ laß ’ sie den Mai genießen ! Es gab gar so viele Stürme , eh ’ ihre Rosen erblühen konnten . “ Und das Mondlicht zitterte über den Wipfeln der Bäume , das Wasser rauschte , und „ Gott erhalte ihnen die Rosen und den Mai ! “ flüsterte noch einmal der Mund der alten Frau , „ die Rosen und den Mai ! “