vergessen auf dem kleinen Tisch . » Sie sind ja einer , der erlebt , was er sieht ! « sagte sie freudig überrascht . Dann erzählte er , langsam und mit umwölktem Blick , von der Studentenversammlung und dem Haß , der ihm allzu fühlbar aus ihr entgegengeschlagen war . Sie runzelte die Stirn : » Österreich ist unbeliebt , « meinte sie ; » wir haben zu sehr , besonders hier in Toskana , unter seiner Herrschaft gelitten . Traditionelle Antipathien sind nicht leicht auszurotten . « » Italien ist Österreichs Bundesgenosse wie der unsere , « warf er ernsthaft ein ; » ich verstehe nicht , wie Staat und Stadt solche Aufreizungen zur Treulosigkeit , die im Grunde schon Treubruch sind , dulden können . « Norina lächelte ihn an , halb nachsichtig , halb belustigt : » Wie deutsch Sie sind ! Muß man jugendliche Überschwenglichkeiten so tragisch nehmen ? ! Unsere Regierenden wissen , daß man unserem Volk wie den Kindern billiges Spielzeug lassen muß , damit sie nicht , um sich die Zeit zu vertreiben , als Unreife nach ernsteren Dingen greifen . Freilich « , fügte sie nachdenklicher werdend hinzu , » gibt es Leute , die meinen , daß auch dies Spiel den Kindern schon bezahlt wird . Doch ich glaub ' es nicht , will es nicht glauben ! « Schon vom nächsten Morgen an gingen sie miteinander aus . Norina war die Führende . » Ich will Ihnen zeigen , was mir das Liebste und Tiefste ist , « hatte sie gesagt , ehe sie das Haus verließen . Giovannis altes Gesicht preßte sich an die Scheiben des Küchenfensters , als sie die Steintreppe in den Hof hinunter gingen . Sie bemerkten ihn nicht . Norina führte durch die Museen nicht wie eine Lehrende , die etwa Epochen historisch zusammenfaßt , auch nicht wie ein Kunstliebhaber , der in jedem Saal seine Lieblinge vorweist . Sie zeigte vereint , was sich ihr innerlich durch Fühlen und Erleben verknüpfte . Daher kam es , daß sie häufig , nur um eines einzigen Bildes willen , von einem Museum zum anderen gingen . » Man hat meine Art einmal als echt weiblich bezeichnet , « sagte sie lächelnd , » und eine Freundin von mir meinte , ich müsse mich dadurch beleidigt fühlen . Als ob es nicht gerade das Schönste wäre , zu sein , was man ist . Das Elend so vieler Frauen besteht doch gerade darin , daß sie es nicht sein dürfen . « Sie standen im Botticellisaal der Uffizien . » Kein Künstler hat Seligkeit und Tragik des Weibes so tief empfunden , wie er , « meinte sie . » Schauen Sie diese Madonnen ; es sind nicht die frommen Mägde nordischer Künstler - denken Sie nur an den Van der Goes drüben ! - es sind nicht die Himmelsköniginnen der Alten ; es sind Mütter , die das ganze Mutterschicksal ahnungsvoll vorempfinden - das gräßliche Schicksal , das ihr Fleisch und Blut erbarmungslos von ihnen reißt . Und nun sehen Sie in das Antlitz dieser den Fluten eben entsteigenden Göttin der Liebe und der Schönheit : Sie weiß , mit dem Augenblick , da ihr Fuß die Erde betritt , wird sie Weib - wird sie Madonna . Und Schwerter werden durch ihre Seele gehen ! « Sie schwieg und senkte die Lider tief über die Augen . Bald darauf zeigte sie ihm in der Akademie Giottos thronende Mutter Gottes : » Das ist eine Königin , aber nicht die der Christen , denn Giotto ist , obwohl er einer der Frömmsten und Gläubigsten war , der Antike weit näher als der Kirche . Diese dort ist nicht Christi Mutter , die erst der Sohn krönt , sie ist Demeter , die mütterliche Erde selbst , in sich ruhend , durch sich vollendet . Sie müßte nicht ein Kind , sie müßte viele auf ihrem breiten Schoße halten . « Und mit verklärten Zügen sah sie dann zu Botticellis Primavera auf , als ob sein Frühling in ihr widerstrahle . » Das ist aber das Höchste , « sagte sie leise , » und nur wenigen spreche ich davon . Andere Künstler sehen in keuschen Mädchen die Verkörperung des Lenzes . Hier streut die Frühlingsgöttin ihre Blumen auf den Weg der gesegneten Frau , die Grazien tanzen vor der werdenden Mutter , und der kleine Liebesgott , dessen Pfeil sie so tief getroffen , flattert verheißungsvoll vor ihr her . « » Wer sagte Ihnen das ? « frug Konrad betroffen , dem sich das rätselvolle Bild , dessen Gestalten ihm so zusammenhanglos erschienen waren , plötzlich in seiner Herrlichkeit offenbarte . » Mein Herz , « antwortete sie einfach . Alles Empfinden schien bei dieser kinderlosen Frau ihrer Mütterlichkeit zu entspringen . Sie sprachen auf dem Heimwege von vielem anderen . Aber bei ihr schienen sich Gedanken innerlich immer weiter aneinander zu knüpfen , denn plötzlich sagte sie - einen Satz mitten durchbrechend : » Glauben Sie , bitte , nicht , daß ich so töricht wäre , anzunehmen , ein Künstler , wie Botticelli zum Beispiel , hätte in seine Werke hineingelegt , was ich herauslese . Nein : nur , weil er so reich ist wie die Natur , so unbewußt schaffend wie sie , gibt er wie diese , was wir brauchen . « Zwischen Konrad und Norina entstand eine seelische Intimität , die allmählich zu einer gegenseitigen Einfühlung führte , deren Äußerungen ihnen selbst fast unheimlich erschienen : Der eine setzte unwillkürlich den unausgesprochenen Gedanken des andern fort oder gab einer Empfindung deutlichen Ausdruck , die sich dem anderen noch nicht in Worte hatte fassen können . Aus den Vormittagen , die sie zuerst miteinander zubrachten , wurden lange Tage . Sie bemerkten nicht mehr , was sie im Anfang noch verletzen , ja gegenseitig erkälten konnte , daß der alte Graf sie mit einer gewissen Absichtlichkeit allein ließ ,