Kann ich das annehmen ? « fragte sie mit Tränen in den Augen . » Aber , gnädige Frau ... « » Unbedingt , Mutter , « sagte Allert ruhig . Viktor Rositz war doch baff , mit wie wenig Worten das abgemacht wurde . Er hatte viel erwartet : Ausrufe , schlecht verhehlten Jubel , schöne Redensarten , Lobpreisungen des Edelmutes seines Vaters . - - Und er sah nur eine stille Würde , die sich sogar bemühte , die Ergriffenheit zu verbergen . Es imponierte ihm . Guter Geschmack , dachte er . Und er dachte auch an seine Mama . Den Seufzer , der ihm da aufquellen wollte , unterdrückte er . Der Abend wurde überraschend nett . Tulla kam und war aufgeregt vergnügt . Und fand ihren Bruder so wohltuend elegant . Und er brachte die ganze vertraute Atmosphäre mit , die solche Sicherheit gab . Das Leben schien leichter . Es war doch beinahe , als sprächen nicht alle Menschen die gleiche Sprache . Und Viktor war schon bei dem Vorgericht seiner Sache sicher : Tulla hatte mit diesem Allert ganz gewiß kein heimliches Verlöbnis angebandelt . Komische Kerls , diese beiden Hellbingsdorfe : ließen sich ' ne brillante Partie entschlüpfen . Mama konnte mit Knapsen und Knausern drohen , aber die reiche Zukunft blieb . Na , das war Sache dieser Herren ... Und er meinte , daß Tulla sich großartig rausgemacht habe in den Hamburger Wochen und wirklich entzückend sei . Er bekam auch ihr Porträt zu sehen und fand es fabelhaft . Es sei geschmeichelt , sagte er , sonst ein Kunstwerk ersten Ranges . » Geschmeichelt ? « fragte Sophie und sann dem Wort nach . Sie hatte in das feine , dunkeläugige Gesicht vielleicht all ihre eigenen Gedanken und Träume hineingemalt ; das junge Wesen so dargestellt , wie sie inbrünstig hoffte , daß es sich entwickle . - - Dann bat Sophie , das Bild der Familie Rositz übersenden zu dürfen ; auf Wunsch des teuren Verstorbenen sei es gemalt , als Andenken an ihn möchte sie es seiner Gattin und seinen Söhnen widmen . Und Viktor nahm es mit einer ergebenen Verbeugung an . - - Am andern Morgen reisten die Geschwister ab . Sophie geleitete sie an den Zug . Eine tiefe Traurigkeit war in ihr . Nun erst , mit diesem Abschied verlor sie den heimgegangenen Freund ganz und verlor eine schöne Hoffnung . Auch Tulla schien ganz außer sich zu sein ... Sie warf sich in die Arme der Frau , die sie förmlich umworben hatte , um durch die Mutter den Sohn zu erobern . Sie hatte sie auch lieb , ja , von ganzem Herzen . Mit einem Male fühlte sie : da war Wärme und Liebe für sie ... Aber sie hatte nicht hinübergekonnt zu diesen teuren Menschen . Und Tulla dachte : ich begreif es nie ! ... Niemals versteh ' ich , warum er schwieg ! - Von neuem kam Verzweiflung über sie . Und sie meinte : dies sei ein Unglück , das ihr das Leben zerbräche . Die Frau aber , an deren Schulter sie weinte , wußte in ihrem erfahrenen Herzen : du wirst dich trösten . Denn sie hatte gestern abend wohl gespürt , wie der Bruder sie rasch hinüberriß in die gewohnten Anschauungen , wie es gleichsam erwachend durch Tullas Wesen ging . Und weiter dachte sie : eines Tages , zurückdenkend , wirst du ihn plötzlich verstehen und dich sehen , wie du bist - oder wenn du nie erkennst , warum er dir entsagen mußte , dann ist eben dein Leben ganz ins Flache hineingeglitten . Der letzte Kuß - das letzte Winken . - Der Zug fuhr davon - rasch - sacht - ein langer , dunkler , beweglicher Körper im bläulichen Dunst des Frühlingsmorgens . Sophie stand noch eine Weile sinnend unter dem Schmerzgefühl einer großen Leere . Wenn eine Hoffnung unerfüllt abstirbt , das ist beinahe wie das Sterben eines Menschen , eine Lücke entsteht , aus ihr heraus scheint einen Entmutigung anzuwehen . Aber da war die Arbeit - Sophie hatte halb zehn eine Sitzung - der uralte Senior der Familien aller Vierbrincks kam dann , von seinem Diener gestützt , die vielen Treppen herauf , immer stolz , dies noch leisten zu können ; immer in der Erwartung , daß Sophie diesen Beweis seiner Jugendfrische mit vielen , bewundernden Worten preise . Sie versuchte vorweg , sich zu sammeln , stellte das feine , kluge , unendlich durchfältete Greisengesicht vor sich hin . - Vergebens - sie dachte zu viel zurück und voraus - Heute abend ! Ja , sie ahnte : diese Stunden heute abend konnten über das Herzensleben ihres ältesten Sohnes entscheiden ... Sie kam an einer Anschlagsäule vorbei und sah ein großes Plakat ... Weiß , nur mit kräftigen , schwarzen Buchstaben bedruckt , stand es voll sachlichen Ernstes zwischen all den bunten Flächen , auf denen sich da ein überschlanker Frauenleib in grasgrünem Kleid auf rotem Grunde verrenkte , dort ein Clownkopf mit knalligen Backen und gelber Spitzmütze vor Behagen über eine neue Zigarettensorte grinste - - Das uneheliche Kind und die sexuelle Aufklärung Vortrag von Doktor Marya Möller Und darunter der Saal , die Zeit , der populäre Eintrittspreis . Und tief am schwarzen Rande , gleich einer Unterschrift : Frauenvereinigung zur Hebung der Sittlichkeit . Ihre Gedanken wurden schwerer . Sie wünschte unwillkürlich , daß Allert dies Plakat nicht zu Gesicht bekäme . Aber man mußte ja darauf gefaßt sein , daß es gerade in seiner Gegend , als Ruf an alle Fabrikmädchen , vielfach angeschlagen werden würde . Und obschon kein Name darauf stand außer dem der Vortragenden , würden für Allert sich all diese Buchstaben zu dem einen Namen formen , und dies ganze Plakat würde ihm entgegenschreien : Marieluis - - - - Sie hörte ihn sagen , was er ihr einmal geantwortet hatte : » Das ist alles