. Und zwischen diesem Schaffen und Bauen der Sätze und Gedanken blitzten die mächtigsten Kugeln auf gegen die Unbilden der Aristokratie ; aber auf Blitz und Knall folgte eine ganz unerwartete Wendung der Rede , die scharfen Augen und Mundwinkel waren wieder sanft und glatt , man glaubte sich getäuscht zu haben , man wurde von neuen Interessen erschüttert , und ein neuer Blitz ward von noch größeren Dingen verdrängt , und die Rede schloß mit einem erschütternden Aufrufe zum Kampfe auf Leben und Tod , so daß man selbst nicht wußte , war die Stimme wieder gewachsen oder nicht , hat der Redner zuviel oder zuwenig gesagt , soll man jubeln oder trauern , hassen oder lieben . Aber durchgeschüttelt und gerüttelt , ja erschüttert war alles bis in das innerste Mark , und der lang verschlossene Atem rang sich bei den meisten stöhnend an die Luft . Der Redner war verschwunden , und Valerius fragte in der Betäubung hastig seinen verhüllten Nachbar , wer da gesprochen , obwohl es schien , als ob der Mann unter seinem Mantel nicht gestört sein wolle . » Joachim Lelevel , « war die Antwort . Lelevel , wiederholte Valerius vor sich hin , gleich als fände er einen alten Bekannten . In der Gruppe der Bauern ward der Name wiederholt , und sie schienen nicht weniger ergriffen zu sein von jener Rede als die Gebildeteren . Man glaubt es nicht , wie fein die geistigen Empfängnisorgane dieses Volkes sind . Die Zeit der Knechtschaft hat sie noch geschärft ; wo das ganze Wort nicht erlaubt ist , da lernt man schnell das halbe verstehen - die breite prunkende Art der Rede , das rhetorische Wesen konnte nur bei den Römern entstehen , der weite Länderübermut liegt darin , und darum hat sich jene Gattung in der neueren Zeit auch vorzüglich auf die Franzosen vererbt . Ein unterdrücktes Volk macht wenig Worte . So erklärte sich auch in diesem Augenblicke Valerius jene auffallende Erscheinung unter der Wildraufe , wo die Bauern soviel wie nichts gesagt hatten , und doch für unberufene Ohren zuviel gesagt zu haben fürchteten . Sie glaubten , auch ihre Auslassungen seien behorcht worden . Das ist ein Hauptunglück der Knechtschaft eines Volkes , daß sie die Unbefangenheit verlieren , daß sie Begriffe , welche ihnen zu sprechen verboten sind , am Ende selbst nicht auszudenken wagen , daß sie mißtrauisch werden . Die Gedanken jener Insurgenten waren nicht einmal reif in ihnen geworden , noch weniger hatten sie etwas Vollständiges ausgesprochen , und dennoch glaubten sie zuviel gesagt , die schmerzensreiche Brust viel zu weit geöffnet zu haben . Mit dieser kranken Sagazität und Kombinationsgabe des Verdachtes hatten sie aber Lelevel vollkommen verstanden . Und es mochten wirklich größtenteils dieselben Bauern sein . Bei der Bewegung , welche nach jener Rede unter ihnen entstanden war , erblickte Valerius deutlich das wilde Gesicht des stürmischen Slodczek . Ein anderer Redner war indessen aufgetreten : er war in der Uniform des vierten Regiments , und der Ausdruck seines Gesichts war barsch , unschön , voll Leidenschaft und schlecht verhehlten Grimmes . Er sprach mit wenig Rückhalt herben Tadel aus über die unzureichende Tätigkeit der zeitigen Regierung in Sachen des Krieges und der gesellschaftlichen Umgestaltung , verlangte durchgreifende Reformen gegen die Aristokratie des Landes auf der einen Seite und schonungslose Allgemeinheit der Bewaffnung durch alles Volk , das polnisch spräche . Valerius ward an den Jakobinerklub in Paris erinnert , und als er den Redner verlangen hörte , daß man aufräumen müsse unter all den Leuten , an welchen der leiseste Verdacht des Russentums hafte , da stieg das blasse Angesicht des steinernen Saint-Just vor seinen Blicken auf , und jenes entsetzliche Wort suspect , suspect , das Losungswort der Schreckenszeit , schwirrte um seine Ohren . Diese Erscheinung unumwundener Sprache bei einem allgemeinen Charakter , wie er sich eben an jenem ersten Redner und jenen insurgierenden Bauern herausgestellt hat , darf nicht verwundern . Der Mut ist keinen Gesetzen unterworfen , und jener tollkühne Mut belebte einen großen Teil der damals tätigen polnischen Jugend , die sich im vierten Regimente konzentrierte . Jener Mut übersprang selbst die national gewordenen Eigentümlichkeiten . Diese Rede erregte einen tosenden Lärm , und sie ward eigentlich nicht zu Ende gebracht , sondern der immer höher steigende Sturm übertäubte sie - es lebe Driwiecki - der Name des Redners - es lebe Polen ! brauste der Lärm durcheinander , und besänftigte sich nur zur Regelmäßigkeit , indem er in den donnernden Gesang des bekannten Volksliedes : » Noch ist Polen nicht verloren « überging . Valerius sah die Bauern außer sich vor Bewegung , Tränen liefen ihnen in die Bärte , und sie umarmten und küßten sich stürmisch . Er wollte den Saal verlassen . Unweit der Tür sah er im Dunkeln einen Mann stehen , der abgesondert von allen übrigen dem Sturme der Begeisterung nicht nachzugeben schien . Valerius ging dicht an ihm vorüber . Es war der Schmied . » Gut Nacht , Florian , freust du dich nicht bei solchen Dingen ? « - » Es kommen ernste Zeiten - gute Nacht , Herr ! « Dem Valerius schien es , als folge ihm sein Nachbar , der Mann im weiten Mantel . Als er sich aber vor dem Hause umblickte , gewahrte er nichts . Hastig eilte er nach dem Hause des Grafen Kicki . 15. Auf Flur und Treppen rannten gallonierte Bediente hin und her . Alles war licht und hell , die Musik tönte aus dem Saale - es war ein ganz anderes Element , in welchem sich Valerius wieder fand . Sein empfängliches Wesen nahm auch willig die neuen Eindrücke auf . Seit er das feste Steuer seiner Lebensrichtung verloren hatte , hielt er es fürs Beste , sich dem Leben anzufügen , wie es sich eben darbiete , sein Schifflein schwimmen zu lassen , wie es der Strom treibe . Aber seine Natur widersprach diesem Vorsatze faktisch