Hoffnungen , daß wir mit Augen Paradiese wähnen . So ungefähr war es Einhart im Blute immer lebendig gewesen . Einhart hatte daheim eine richtige Auferstehung gefeiert . Die Zeit der Wanderschaft , die er ein Jahr mit leidenschaftlichem Sinn betrieben , lag jetzt längst hinter ihm . Er war durch die Reichtümer fremder Länder , durch die Fülle wirklichen Weltschauens mit offenem Verlangen hindurch gewandert und hatte Herz und Sinne voller Dränge mit heimgebracht . Und Ahnungen genug . Und sein Blick wurde reich . Seine Freiheit zu bilden , war gewachsen . Auch seine Andacht vor dem Geheimnis allenthalben war groß geworden , und seine mitleidigen Gefühle für die Übermenge derer , die in den Vorhöfen ihrer Sehnsuchten grau in grau wie die zerlumpten Bettelleute vor den Türen der blumengeschmückten Osterkirchen hoffnungslos harren . Alle Dinge weichen zurück in der Zeit . Man weiß zuletzt nicht , ob sie einmal wirklich gewesen ? So ist alles Geschehene nur wie ein Bild , das kleiner und blasser hintreibt und eines Tages nicht ist . Seit Johanna starb , war ein Jahrzehnt und manches Jahr noch vergangen . In solchem Zeitraum bleichen viele Dinge . Und die Luft um manche Seele wird kühl wie Herbstluft . Einhart war nicht Kind noch Jüngling mehr . Seine Stirn hatte Falten , die aus der grabenden Verinnerlichung seines Prüfens sich längst tief eingezeichnet . Seine feinen Lippen lagen streng . Eine tiefe Furche zog sich zwischen der mageren Nase und den herben Mundwinkeln hin , die seinem Gesicht einen Hauch von Gram aufprägte , eine unbestimmte Schicksalsbegleitung , die nie ganz stille wurde , auch wenn seine Augen mit Feuerfunken gütig blickten , und sein Lächeln von sanfter Einfalt über die gelbgrauen Züge huschte . Er war ein wenig grauhaarig geworden . Als er es zufällig entdeckt hatte , hatte er gelacht . Einhart hatte Menschen und Dingen gegenüber eine völlige Ruhe gewonnen . Er hatte sich jetzt ein Lebenlang gewöhnt , Wesen und Ereignisse zu betrachten , wie ein überlegener Zuschauer das Getümmel auf einer Stadtstraße ansieht . Oder öfter noch , wie ein leidenschaftlicher Sammler den schönen , blauen Libellen mit Netz und Nadel nachtrachtet , um sie für seine Schaukästen einzufangen , mag auch solcher Schönheit eigene Seele dabei verhauchen . Einhart war wirklich ein Meister geworden . Wenn Meisterschaft der Name ist nicht für ein rundes , sicheres Können , sondern für das zähe Vorwärtsringen zum eigensten Eigentum , für die ewig ringende Mühewaltung , also daß die Blöcke , die er aus dem Steinbruch brach , manchmal nur halb behauen niederfielen , immer eigenartig genug , aber oft halb begreiflich zuerst , nicht gleich bekannt und geliebt und glatt , daß sie dem herkömmlichen Gefühl oft trotzten . Einharts Meisterschaft lag auch in der Kraft seines Standpunktes . Nie hätte er sich zum herkömmlichen und durchschnittlichen Formwerke je aus seiner Höhe zurück gewandt , den eigenen Blick voll innigster Verwöhnung aussendend , so daß ein Jugendzug in seinen Mienen geblieben , etwas wie Demut , etwas , das wie im Kinde selber immer noch gläubig und traulich das Letzte erwartet . Das kleine , weiße Haus mit den grünen Jalousien , das Einhart gemietet hatte , lag vor der Stadt . Sein großer Atelierraum war jetzt mit mancherlei köstlichen Dingen behangen , feinen , gestickten Seiden und blaßfarbigen Teppichen . Auch zwei antike Grabreliefs hingen da . Bequeme Liegestühle standen auf weichen Tierfellen herum . Und eine Menge gerahmter und ungerahmter Leinwanden waren gegen die Wände gestellt oder ragten auf Staffeleien . Ein kleiner Diener , ein wenig zu kurz geraten in einem sehr langen , blauen Arbeitskittel , Schwenkfeld genannt , der außerdem sechs Finger statt fünf an jeder Hand besaß , ging dienstwillig in Hof und Werkstatt um . Und eine weißhaarige , bebrillte Konditorswitwe versah als Wärterin Küche und Wohnstätte . Und Einhart sah jetzt die Fülle getaner Arbeit mit Zufriedenheit an . Er war verwundert , wie es möglich gewesen , so die Zeit ungehört hingehen zu sehen und nicht zu achten . Es dünkte ihn , daß er in den neuen Werken sich endlich rein gewaschen von aller Absicht . Ganz nur der göttliche Zufall hatte gewaltet . Und der selige Einfall hatte die Gesichte herzugetragen . Er wußte längst , daß es sich nicht erjagen läßt . Daß die Schönheit auch im schaffenden Leben kommen muß , einem selber zum Erschauern , wie die geheimnisvollen , kristallenen Spiegelungen im Wassergrunde hintreiben , indes der Blick verloren in den Waldsee eintaucht . Es war jetzt wirklich nur in freiem Reigen heran gekommen die ganze Zeit . Er hatte allen Ernst völlig abgeschüttelt und lebte neu und neu eine Zeit unmittelbaren Frohgefühles an den Dingen . Die Jahre , die er mit einer vergrabenen Sucht nach dem Sinn gelebt , deuchten ihm überwunden . Die Bilder , die er augenblicklich zu einer Sonderausstellung das erste Mal vereinigen wollte , würden es zeigen , welchen Weg er genommen . Die Frische seiner Pinselstriche war überraschend . Und Einharts Losgebundenheit von aller Überlieferung hatte das ganze Jahr angehalten . Festliche Gefühle , eine Welt der sonderlichsten Einfachheit , schöne Leiber in freien Bewegungen , einfältige , beglückende Landschaften , darin man leben mochte wie auf Paradieswiesen , inniges Menschentum in Ausdruck und Gebärden . Auch manche heimlichen Triebe der Menschenseele offenbarte Einhart in seinen Tafeln mit seltsam herbem Formgefühl . Er sagte viele Male , daß er zu einer reinen Kindsleidenschaft zurückgekehrt wäre . Daß er sich von aller Tiefe , aller Bedeutung , aller Richtung frei gemacht hätte zum einfachen Lieben der Dinge , zu lebendiger Schönheit , zum echten , sonnenhellen Spiele der Kunst . So hatte Einhart nach seiner Heimkehr Sommer und Winter lang einsam gelebt und gearbeitet . Nun begann wieder Frühling zu werden . Als er im Malkittel in seinen Garten trat , darin , wie er einzog , Rosen geblüht hatten , zog ihn jetzt ein Ruch von jungen Veilchen