Zustande auf die Universität gegangen , um nach dem Willen seiner Eltern Jurisprudenz zu studieren . Es entwickelte sich in ihm damals eine ganz besondere Liebhaberei für Bücher , die fast die Art einer Leidenschaft annahm , über der vernachlässigte er beinahe seine Studien , und um die gewöhnlichen Vergnügungen seiner Altersgenossen und Kameraden bekümmerte er sich gar nicht , so daß er sich zu einem etwas sonderlinghaften Menschen entwickelte . Hierüber war seine Familie nicht sehr vergnügt , die wünschte , daß er sich benehmen solle wie Andere , und ihm auch einige Jugendtorheiten gern verziehen hätte , wenn sie von der gewöhnlichen Art gewesen wären , denn sie befürchteten , daß er als ein wunderlicher Mann später keine glatte Laufbahn haben werde , die ihnen allen als das Erstrebenswerteste erschien . Deshalb wurde er in den Ferien auf Besuch zu einem unverheirateten Oheim geschickt , der in einer kleinen Stadt als Kreisarzt lebte und als ein fröhlicher und allen Lebensgenüssen in Unbefangenheit ergebener Mann bekannt war . Vor dem hätte man ein leichtes Blut wohl sehr gehütet , diesen jungen und allzubraven Mann aber hoffte man durch ihn zu der gewünschten mittleren Art von Führung und Auffassung des Lebens erziehen zu können . Des Oheims Betragen machte aber einen ganz unerwarteten Eindruck auf den Jüngling ; denn der hatte bis dahin ganz treuherzig alles aufs Wort geglaubt , was öffentlich von unserm gesellschaftlichen Leben gesagt wird , und hatte nichts geahnt von den geheimen Veränderungen , durch welche die einzelnen Stände , Berufe , Klassen und Personen diese Meinungen ihren besonderen Bedürfnissen anpassen , und nun machte sich der Oheim , der von altjunggesellenhaftem Zynismus war , einen besonderen Spaß daraus , den jüngferlichen Neffen aus diesen Vorstellungen zu entfernen und begann damit , daß er ihm seine sämtlichen Liebesgeschichten nach der Reihe erzählte . Er war aber ein hochgewachsener schlanker Mann mit schneeweißem Knebelbart , rötlichem Gesicht und blitzenden blauen Augen , der so recht herzhaft aus der Brust heraus zu lachen vermochte über den etwas verkümmerten Neffen . Wie er noch Junge war , wohnte neben seinem Elternhause eine Hebamme , die eine einzige Tochter hatte , in seinem Alter , ein schwarzäugiges , rasches und hübsches Mädchen . Einmal mußte er eine Bestellung ausrichten und traf sie allein in der Stube ; da hängte sie sich um seinen Hals , küßte ihn stürmisch ab und bestellte ihn auf den Abend in den Garten , und die war seine erste Liebe gewesen , damals war er zwölf oder dreizehn Jahre alt ; eine Art Rührung huschte über das Gesicht des alten Erzählers , wie er davon sprach . Vor wenigen Jahren kam er einmal wieder in seine Heimat ; und wie er allein durch das Holz ging , begegnete ihm ein sauberes und freundliches altes Mütterchen , die sprach ihn an und fragte , er kenne sie gewiß nicht mehr , und dann nannte sie sich ihm als diese alte Liebste und sagte seufzend , es seien nun fünfundvierzig Jahre vergangen seitdem , nun sei sie lange Großmutter , und da wolle er gewiß nichts mehr von ihr wissen ; aber da sei doch die Jugend noch einmal wieder in ihm wach geworden . Es stand da aber eine schöne alte Buche , die ihre Äste weithin breitete , daß in einem runden Kreise unter ihr kein Unterholz war , sondern nur die gerollten braunen Blätter , zwischen denen einige weiße Blümchen wuchsen . Dem Jüngling tat sich in diesen Wochen ein zauberischer Garten auf voll herrlicher Früchte , die ihn lockten , daß er sie pflücken sollte , nur dürfe er nicht zu zaghaft sein , sondern müsse ohne Furcht den Fuß über die Schwelle setzen ; und so zog eine ganz unbändige und verstandlose Lebenslust in die fast vertrocknete Seele des Jünglings . Es floß aber am Ende des Gartens ein Fluß leise und rasch dahin , der sehr tief war und klardunkles Wasser hatte , und über ihn neigte sich , genau auf der Grenze des Nebengartens , eine alte Weide mit tiefhängenden gelben Ruten , an denen der Frühling kleine helle Blättchen hervorgetrieben hatte . Hier stand der Jüngling oft auf einer vorstehenden Wurzel , hatte den Stamm umfaßt und sah in das still dahinschießende Wasser , denn in seiner Klarheit schwammen kleine Fischchen in einem langen Zuge ; sie schwammen gegen den Strom , und oft standen sie unbeweglich , und plötzlich zuckten sie einmal blitzschnell mit den Schwänzen und flohen auseinander . Diesem Spiel sah er lange zu mit behaglicher Freude und ohne sich Gedanken zu machen ; denn wie der Frühling unsere Sehnsucht erregt und unsre Lust zum Leben , so spendet er uns auch eine süße und träumerische Mattigkeit , in welcher die Stunden rasch dahinfließen mit leisem und gleichmäßigem Rauschen . An einem Nachmittage , wie er an diesen Platz gehen wollte , erblickte er auf der Nachbarseite durch das Gebüsch , das noch licht war , ein Mädchen in hellen und zarten Kleidern , das ganz in derselben Stellung stand wie sonst er selbst , denn sie stand auf der äußersten und unterspülten Wurzel des schrägstehenden alten Baumes und hatte den zarten Arm um den ausgehöhlten Stamm geschlungen und die Gestalt mit dem Köpfchen vorgeneigt , und schaute angestrengt in das lautlos fließende Wasser . Wie sie sein Rascheln hörte , blickte sie sich schnell um , und hatte kornblumenfarbene Augen und ihre Gesichtshaut sah aus wie ein Rosenblättchen , und schien verlegen , und es fiel ihm auf , daß unter der Oberlippe , die etwas zu kurz war , weiße Zähnchen hervorblinkten , das ganz wundervoll reizend erschien . Nun wurden die beiden bald miteinander bekannt , und es zeigte sich , daß sie die Tochter einer Witwe war , deren Mann einen Kaufmannsladen gehabt , die recht ärmlich und allein in dieser kleinen Stadt ihr Leben hinbrachte . Das Mädchen hatte viel gelesen aus den Büchern ihres Vaters , aber nur unsre Klassiker