wenig erhobener Stimme rief er wieder : » Mutter ! Mutter ! « » Sie sind krank ? Ihr Brief ließ mich das nicht vermuten . Sie liegen schon längere Zeit ? « » O ja ! Seit zweiundzwanzig Jahren . Mutter ! Mutter ! « Wie aus der Wand hervor trat ein altes Weiblein , braun wie eine ausgebrannte Kohle , verbrannt vom Leben , auf dem Kopfe ein wenig aschengraues , dünnes Haar , mit roten , ausgeweinten Augen , in deren Grund es warm und stetig leuchtete . Sie streckte eine hartgearbeitete , runzelige , aber feingeformte Hand aus , der Besucherin entgegen ; mit der Linken hielt sie ein großes , frisches Brot an das weite , blaue Kattunjäckchen gedrückt . Die ausgeweinten Augen blitzten auf , und eine tiefe , innige Güte , die kein Leiden zu verzehren vermocht , sprach aus ihrem Gesicht . Mit den Worten des Sohnes begann sie : » Ach , aber das freut mich ! Frau Josefine Geyer , das freut mich aber auch , daß Sie zu uns kommen ! Sitzen Sie ! Nicht auf die Bank , hier auf den Sessel , daß mein Rudolf Sie auch sehen kann ! « Josefine saß und blickte bald den Kranken , bald die Mutter an . Wie ähnlich sie sich waren , obwohl in den Zügen ganz verschieden , und obwohl die Frau in Tracht und Aussehen eine schlichte Bäuerin war , während der Sohn mit dem geistvollen Gesicht und den schlanken Händen keinem Stand und keiner Klasse angehörte . Aber auch der Mutter Ausdrucksweise und Benehmen hatte etwas Freies , Vornehmes , Gehobenes , wie Josefine das nie bei einer Bäuerin gefunden . Mit unendlicher Liebe blickte sie auf den kranken Sohn und sagte : » Er hat ' s sich so arg gewünscht , daß Sie kommen möchten , er hat etwas auf dem Herzen ... Es plagt ihn bei der Nacht . « » Ja , es plagt mich , « wiederholte der Sohn , » aber Sie sind nun meine Hoffnung . « Er hob mit der rechten Hand ein ovales Spiegelchen am Griff von der Wolldecke seines Lagers und brachte es unter seine Augen . » Ich sehe Sie gut , « sagte er lächelnd , » wie jung und frisch Sie sind , o , das ist herrlich ! Mit Hilfe dieses kleinen Spiegels , den ich bewege , schaffe ich mir Ersatz dafür , daß ich die Augen nicht bewegen darf . Nein , den Hals kann ich nicht drehen , die Nackenwirbel sind verwachsen . Die kleinste Bewegung - auch der Augen - macht mir arge Krämpfe , tagelang . Aber so geht ' s. « Er bewegte das glitzernde Spiegelchen . » Das Gras wird grün , die Spatzen tragen zu Nest . Aber die herrliche Zeit für mich ist vorbei - nun - es geht halt auch so ... « » Wann war die herrliche Zeit für Sie ? « fragte Josefine mit angehaltenem Atem . » Im Winter , da ist meine Mutter bei mir , « lächelte der Kranke , » im Sommer bin ich viel allein , die Mutter ist draußen , auf unserem Land . Aber die Tür ist offen , es kommt Besuch , sie kommen alle herein , bald der eine , bald der andere , Grüeß Gott sagen . Das ganze Dorf kommt , sogar jene , die ich lieber nicht sähe , « setzte er mit unterdrücktem Ton hinzu . Die Mutter ging hinaus , um einen Kaffee zu bereiten für die Besucherin . » Wie konnten Sie den Weg aufzeichnen , den Sie so lange nimmer gegangen sind ? « wunderte sich Josefine . » Den habe ich im Kopf . Das Gedächtnis ist eine wunderbare Kraft ! Ich habe nie zuvor daran gedacht , daß ich die Lage unserer Wohnung im Dorfe und das Dorf selbst so fest im Kopfe hätte , aber als ich mir überlegte , daß Sie den Weg nicht kennten , und daß es notwendig wäre , Sie allen Fragens zu überheben , da nahm ich den Stift und das Papier und zeichnete jenen Weg ohne Mühe und ohne Nachsinnen . In solchen Augenblicken fühlt man sich reich . Sie fanden sich gut zurecht ? Es gab keine Fehler ? « Er war unbeschreiblich rührend in seinem kindlichen und so begreiflichen Ehrgeiz und bewunderungswürdig in seiner Dankbarkeit . » Oft und oft , viel öfter wohl , als ich selber weiß , bin ich , während ich hier lag , den halbstündigen Weg zur Station und zurück gewandert und habe so im Geiste repetiert . Aber Häuser sind gebaut worden , die ich nie gesehen , Güter haben andere Grenzen erhalten , da kam dann die Phantasie , die unentbehrliche Göttin , zu Hilfe , daß alles der Wirklichkeit entsprach . Innig dankbar zu sein - wieviel Ursache habe ich jeden Tag ! « Er sah so gehoben , so glücklich aus , dieser Leidende mit dem unbeweglichen Nacken und der beweglichen Seele ; mit den kraftlosen Gliedern und der sieghaften Intelligenz . Und dazu diese kindliche Freude an seinem eigenen Können , dieser liebenswürdige menschliche Zug , der alle Zärtlichkeit erweckt . Josefine sprach mit ihm über seine Krankheit . Er antwortete so , als handle es sich um eine dritte Person , nicht um ihn selbst . Eine heitere Objektivität war hier , eine abgeklärte Ruhe ohne Hoffnung . » Ich habe eine Entzündung und Verwachsung der Halswirbel , eine dadurch bedingte Zerrung und Schädigung des verlängerten Marks . Es begann , ohne nachweisbare Ursache , als ich im Seminar war , ich zählte siebzehn Jahr . Gelähmt ? Nein , bis jetzt nicht , dauernd nicht , aber kraftlos . Ich wäre so dankbar , wenn es nur so bliebe . Aber es wird nicht . Schon einmal gab es eine Lähmung hier im rechten Arm . Vorübergehend war ich blind ,