angewendet werden darf , das weniger heilig , weniger rein ist als der Zweck . Wenn Sie Einfluß auf Ihren Freund haben , liebster Herr von Wegemann , und den haben Sie ja - ebenso wie auf andere machthaberische Kreise - dann benutzen sie ihn , um zu warnen ... darum habe ich Sie bitten wollen ... « » Nein , mein lieber Dotzky , ich enthalte mich jeder Einmischung in öffentliche Angelegenheiten - ich nehme meinen Ruhestand ernst . Und außerdem teile ich da weder Ihre Befürchtungen noch Ihre Auffassungen . Sie haben von staatsmännischer Politik keinen rechten Begriff . Da muß man sich wehren , so gut man kann und die Mittel , die man anwendet , nicht nach ihrem idealen , sondern praktischen Gehalt prüfen . Der gute Zweck ist doch die Hauptsache . Wenn wir den monarchischen und den christlichen Gedanken schützen , schützen wir da nicht den Boden auf dem wir stehen und die Luft die wir atmen ? Die anderen , unsere Gegner , die haben wieder ein Interesse daran , diese Prinzipien zu unterminieren und tun es mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln - soll man das geschehen lassen ? Sie sind ein ganz vortrefflicher Mensch , mein lieber Rudi , ein liebenswürdiger Träumer , aber von dem Ernst und den Pflichten des staatsmännischen Berufs haben Sie keine Ahnung ... Idealismus und Ästhetik und dergleichen sind ganz schöne Dinge , gehören aber auf ein anderes Feld : ins Künstlerhaus , in die Pflegestätten klassischer Studien , aber doch nicht in die Volksvertretung und Ministerkabinette - in diesen muß ... « Rudolf hatte mit wachsender Ungeduld zugehört : » Verzeihen Sie , daß ich widerspreche , « unterbrach er jetzt . » Meine Meinung ist die : nachdem Volksvertretung und Ministerkabinette die Stätten sind , wo dem Leben der Völker die Richtung gegeben wird , so obliegt die Pflege des Ideals gerade diesen ; denn dahin strebt doch die Kultur : daß die Schönheitsideale und Sittlichkeitsnormen das Leben durchdringen . Wir werden uns gegenseitig nicht überzeugen , sehe ich - es wäre fruchtlos , weiter zu disputieren , dennoch habe ich bei dieser Unterhaltung gelernt , sie hat mir einen tiefen Eindruck in die Ursachen der gegenwärtigen Kämpfe und Kampfweisen gewährt ... « » Warum sagen Sie gegenwärtig ? Es ist ja immer derselbe Kampf , mein Lieber , wie er seit Erschaffung der Welt getobt hat und wie er in Ewigkeit weiter toben wird - der Kampf zwischen Gut und Böse . « Rudolf schüttelte den Kopf : » In Ewigkeit ? Das ist wieder eine Verkennung des Entwicklungsgesetzes . Dieser lange Kampf ist aber nur darum bis heute unentschieden geblieben , weil das Gute noch nicht versucht hat , sich durch Gutes durchzusetzen , weil immer noch das Böse als Mittel sanktioniert ward . Ein neues , ganz neues Licht muß die Geister erhellen - und das wird kommen . Gerade so , wie - auf physischem Gebiet - das elektrische Licht entdeckt wurde , wird auf geistigem Gebiet eine neue Erkenntnis erstrahlen , durch die die Macht des sogenannten Bösen - nicht mit Unrecht Macht der Finsternis genannt - endgültig überwunden wird . « Wegemann zuckte lächelnd die Achseln : » Schwärmer ! « » Danke , « sagte Rudolf , indem er aufstand . » Ich nehme diese Bezeichnung als Ehrentitel an und - nichts für ungut . Ich füge nur hinzu , daß , wenn ich einigermaßen schwärmerisch von der Größe einer vorhergesehenen Zukunft spreche , ich dabei die kleinen , tunlichen , praktischen Schrittchen nicht übersehe , die schon heute nach jener Richtung getan werden können , und die jeder von uns zu tun sich bemühen soll . Jetzt adieu - und nochmals Dank für die lehrreiche Unterhaltung . « Am selben Abend reiste Rudolf von Wien ab . Sein Ziel war Venedig . Vom stillen Zauber dieser Stadt , dem er sich durch vierzehn Tage hingeben wollte , versprach er sich Linderung für sein durch die letzten Vorgänge verwundetes Gemüt . XXXII In der Wohnung seines Vaters lag Hugo Bresser . Die Kugel , die ihn verwundet hatte , war zwar glücklich gefunden und entfernt worden , aber noch schwebte der Patient zwischen Leben und Tod . Im Krankenzimmer herrschte Halbdunkel ; die Fenstervorhänge waren zugezogen , denn Hugo vertrug kein Licht , es tat ihm weh . Am Kopfende des Bettes stand der alte Vater , und an der Seite saßen zwei Frauen , Sylvia und Martha . Nach dem Duell hatte Anton Delnitzky Wien verlassen . Seiner Frau ließ er ein Schreiben zurück , worin er ihr die von ihr verlangte Freiheit gab . Die » Scheidung soll vollzogen werden « - schrieb er - » den Grund hast Du dazu gegeben . Deinen Geliebten habe ich natürlich niederschießen müssen ; nach dem was vorgefallen , hatte weder er noch ich eine andere Wahl , als auf den Kampfplatz zu gehen . Und Du und ich können miteinander nichts mehr zu tun haben ; wir können uns gegenseitig auch nicht verzeihen , was wir einander angetan . Du hast unsere Ehre tödlich verletzt - und ebenso verletzte ich Deinen Liebhaber . Da gibt es keine Verzeihung - weder für Dich noch für mich . Wir sind miteinander fertig . « Als Sylvia von der Ohnmacht erwachte , in die sie bei jenem Auftritt gefallen war , befand sie sich auf ihrem Bette , auf das man sie gebracht hatte . Sie wußte nicht , wie lange sie bewußtlos gewesen , noch was weiter geschehen war . Daß ein Zweikampf folgen würde , wußte sie , und ein fürchterlicher Zorn stieg in ihr auf über die elenden Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft , die als Auskunftsmittel für schwierige Lagen den Mord eingesetzt haben . Als ob das Töten irgend etwas gut machen könnte ! Die beiden Männer würden sich schlagen - das war klar . Ein wildes Verlangen , dieses Duell zu verhindern , erfüllte sie