es in seiner Verblendung wagt , zu bestimmen , welches Wort der einzig richtige Name des Weltenlenkers sei ! Hast du als Christ den Mut , Gott Allah oder Chodeh zu nennen , Effendi ? « » Wenn ich überhaupt schon den Mut besitze , von Gott oder gar im Gebete mit Gott zu sprechen , so ist der Mut , den du meinst , wohl selbstverständlich . Ich besitze nicht die Macht , Gott vorzuschreiben , wie er sich in den verschiedenen Ländern der Erde nennen zu lassen habe . Und ich bin auch nicht so wahnsinnig , zu behaupten , daß Gott ein Wesen sei , dessen Namen nur aus Buchstaben des deutschen Alphabetes zusammengesetzt werden könne . « » So denke auch ich . Man giebt ihm in jeder Sprache und in jeder Anbetungsweise so viele und so verschiedene Namen ; aber er ist und bleibt stets derselbe . Welches Menschenwort könnte ihn umfassen ? Von welchem irdischen Gebäude dürfte man sagen , daß er hier ausschließlich wohne ? Darum haben wir zwar die Säulenhalle da drüben errichtet , aber wir nennen sie nicht sein Haus , sondern unser Gotteshaus . Dieses haben wir für uns gebaut , nicht aber zur Wohnung dessen , der allgegenwärtig ist und sich nicht etwa von einem andern Orte und von andern Menschen entfernen kann , um , uns zum Vorzuge , bei uns einzuziehen . Wer einen besondern Ort für Gott bestimmt , der begeht die Sünde , dem allumfassenden Geiste die Fesseln von Raum und Zeit anlegen zu wollen . - - - Warum ist es zu allererst Chodeh , von dem ich zu dir spreche ? Warum habe ich nicht mit etwas anderem begonnen ? Du solltest vor allen Dingen und zunächst wissen , wem dieses Haus und dieses kleine Reich gehört , dessen Lichter du da unten glänzen siehst . Ich wollte dir damit sagen , daß du dich bei Leuten befindest , welche wissen , wem sie angehören . Und wir sagen nicht bloß , daß wir ihm dienen , sondern wir sind jederzeit bereit , dieses Wort in Thaten zu verwandeln . Horch ! Da hast du gleich Gelegenheit , so eine That zu hören . « Die beiden Glocken begannen , über uns zu klingen . » Warum läutet man ? « fragte ich . » Um zum Gebete aufzufordern . Irgend ein Bewohner unsers Thales sendet in diesem Augenblicke seine Seele zu Chodeh empor ; er hat das hier gemeldet ; die Glocken klingen , und so weit ihre Stimmen zu hören sind , faltet jedermann die Hände , und tausende von Herzen beten mit . Ich thue es auch ! « » Ich ebenso ! « Es war , als ob diese meine zwei Worte mit Willen begabte Wesen seien , welche meine Hände faßten , um sie ineinander zu legen . Muß man wissen , um was jemand bittet , um mit ihm beten zu können ? Nein ! Der Glaube trägt die Nächstenliebe himmelan ; der Gegenstand des Wunsches braucht nicht genannt zu werden . » Euer Vater weiß , was ihr bedürfet , noch ehe ihr darum bittet . « Giebt es vielleicht ein Dogma oder irgend ein Glaubensbekenntnis , gegen welches ich gesündigt hätte , indem ich hier als Mensch mit andern guten Menschen meiner brüderlichen Pflicht gedachte ? Ich hoffe : keines ! Es sei denn , daß eine Religion existiere , welche die Verknöcherung des Herzens zur unbedingten Folge hat ! Es war eine ganz eigenartige Atmosphäre , aus welcher ich hier an diesem Orte und in dieser Stunde körperlich und geistig Odem sog. Da unten in Basra hatten wir die pest- und fieberschwangern Dünste einer nicht bloß orographischen Tiefe eingeatmet ; hier oben aber umwehte mich , auch nicht bloß äußerlich , eine Lebensluft , die frei von Keimen zum Erkranken war . Ich hätte behaupten mögen , daß nie ein Glockengeläut so rein erklungen sei wie dieses hier . Vielleicht waren die aufsteigenden Fürbitten von eben derselben Lauterkeit , weil niemand wußte , um wen und um was es sich handelte . Dieser von jeder Aeußerlichkeit erlöste Gottesdienst wirkte so unmittelbar und siegreich auf das Gemüt , daß eine Frage nach Knigges » Umgang mit Andersgläubigen « gar nicht aufkommen konnte . Nur einem vollständig herz-und gemütslosen Menschen wäre es zuzutrauen gewesen , hier ohne sowohl innere als auch äußere Teilnahme zu bleiben . Als der letzte Ton der Glocken zwischen den Bergen verklungen war , verharrte der Ustad noch einige Zeit im Schweigen ; dann wendete er sich mir wieder zu und sagte : » So wie jetzt wurden die Glocken geläutet , mitten in der Nacht , als man dich und den Scheik der Haddedihn hier bei mir eingebettet hatte . Es gab keinen einzigen Dschamiki , der sich nicht dem Schlafe entriß , um für euch zu beten . Und alle , alle , sind auch dann noch mit dieser Fürbitte einverstanden gewesen , als sie erfuhren , daß ihr unsern Chode Gott und Allah nennet . Wäret ihr beide bei uns gestorben , so hätten wir euch nicht etwa abseits eingescharrt , sondern ihr wäret unter Glockenklang und Liedersang auf den Berg getragen worden , wo alle unsere Brüder und Schwestern liegen , die sich verwandelt haben . Wir hätten euch gesegnet , wie wir sie gesegnet haben , und euch die schönsten und duftendsten unserer Rosen auf die Gräber gepflanzt . Denn wir verheimlichen nicht , was wir wissen und was wir glauben und was kein guter unbefangener Mensch bezweifeln kann , nämlich daß nicht wir die Richter sind , welche über die Seligkeit oder Verdammnis der Sterblichen zu bestimmen haben . Sag , würde man auch bei euch Christen einem Andersgläubigen die Glocken läuten und den Segen geben ? Ich frage dich nicht , um eine Antwort zu erhalten , denn ich weiß , daß du sie mir nicht geben darfst . « Als er jetzt schwieg ,