man draußen in der Küche , wo Annie , wenn die Schulstunden hinter ihr lagen , ihre Zeit am liebsten verbrachte , was insoweit ganz natürlich war , als Roswitha und Johanna nicht nur das kleine Fräulein in gleichem Maße liebten , sondern auch untereinander nach wie vor auf dem besten Fuße standen . Diese Freundschaft der beiden Mädchen war ein Lieblingsgespräch zwischen den verschiedenen Freunden des Hauses , und Landgerichtsrat Gizicki sagte dann wohl zu Wüllersdorf : » Ich sehe darin nur eine neue Bestätigung des alten Weisheitssatzes : Laßt fette Leute um mich sein ; - Cäsar war eben ein Menschenkenner und wußte , daß Dinge wie Behaglichkeit und Umgänglichkeit eigentlich nur beim Embonpoint sind . « Von einem solchen ließ sich denn nun bei beiden Mädchen auch wirklich sprechen , nur mit dem Unterschiede , daß das in diesem Falle nicht gut zu umgehende Fremdwort bei Roswitha schon stark eine Beschönigung , bei Johanna dagegen einfach die zutreffende Bezeichnung war . Diese letztere durfte man nämlich nicht eigentlich korpulent nennen , sie war nur prall und drall und sah jederzeit mit einer eigenen , ihr übrigens durchaus kleidenden Siegermiene gradlinig und blauäugig über ihre Normalbüste fort . Von Haltung und Anstand getragen , lebte sie ganz in dem Hochgefühl , die Dienerin eines guten Hauses zu sein , wobei sie das Überlegenheitsbewußtsein über die halb bäuerisch gebliebene Roswitha in einem so hohen Maße hatte , daß sie , was gelegentlich vorkam , die momentan bevorzugte Stellung dieser nur belächelte . Diese Bevorzugung - nun ja , wenn ' s dann mal so sein sollte , war eine kleine liebenswürdige Sonderbarkeit der gnädigen Frau , die man der guten alten Roswitha mit ihrer ewigen Geschichte » von dem Vater mit der glühenden Eisenstange « schon gönnen konnte . » Wenn man sich besser hält , so kann dergleichen nicht vorkommen . « Das alles dachte sie , sprach ' s aber nicht aus . Es war eben ein freundliches Miteinanderleben . Was aber wohl ganz besonders für Frieden und gutes Einvernehmen sorgte , das war der Umstand , daß man sich , nach einem stillen Übereinkommen , in die Behandlung und fast auch Erziehung Annies geteilt hatte . Roswitha hatte das poetische Departement , die Märchen- und Geschichtenerzählung , Johanna dagegen das des Anstands , eine Teilung , die hüben und drüben so festgewurzelt stand , daß Kompetenzkonflikte kaum vorkamen , wobei der Charakter Annies , die eine ganz entschiedene Neigung hatte , das vornehme Fräulein zu betonen , allerdings mithalf , eine Rolle , bei der sie keine bessere Lehrerin als Johanna haben konnte . Noch einmal also : Beide Mädchen waren gleichwertig in Annies Augen . In diesen Tagen aber , wo man sich auf die Rückkehr Effis vorbereitete , war Roswitha der Rivalin mal wieder um einen Pas voraus , weil ihr , und zwar als etwas ihr Zuständiges , die ganze Begrüßungsangelegenheit zugefallen war . Diese Begrüßung zerfiel in zwei Hauptteile : Girlande mit Kranz und dann , abschließend , Gedichtvortrag . Kranz und Girlande - nachdem man über » W. « oder » E.v.I. « eine Zeitlang geschwankt - hatte zuletzt keine sonderlichen Schwierigkeiten gemacht ( » W. « , in Vergißmeinnicht geflochten , war bevorzugt worden ) , aber desto größere Verlegenheit schien die Gedichtfrage heraufbeschwören zu sollen und wäre vielleicht ganz unbeglichen geblieben , wenn Roswitha nicht den Mut gehabt hätte , den von einer Gerichtssitzung heimkehrenden Landgerichtsrat auf der zweiten Treppe zu stellen und ihm mit einem auf einen » Vers « gerichteten Ansinnen mutig entgegenzutreten . Gizicki , ein sehr gütiger Herr , hatte sofort alles versprochen , und noch am selben Spätnachmittage war seitens seiner Köchin der gewünschte Vers , und zwar folgenden Inhalts , abgegeben worden : Mama , wir erwarten dich lange schon , Durch Wochen und Tage und Stunden , Nun grüßen wir dich von Flur und Balkon Und haben Kränze gewunden . Nun lacht Papa voll Freudigkeit , Denn die gattin- und mutterlose Zeit Ist endlich von ihm genommen , Und Roswitha lacht und Johanna dazu , Und Annie springt aus ihrem Schuh Und ruft : Willkommen , willkommen . Es versteht sich von selbst , daß die Strophe noch an demselben Abend auswendig gelernt , aber doch nebenher auch auf ihre Schönheit beziehungsweise Nicht-Schönheit kritisch geprüft worden war . Das Betonen von Gattin und Mutter , so hatte sich Johanna geäußert , erscheine zunächst freilich nur in der Ordnung ; aber es läge doch auch etwas darin , was Anstoß erregen könne , und sie persönlich würde sich als » Gattin und Mutter « dadurch verletzt fühlen . Annie , durch diese Bemerkung einigermaßen geängstigt , versprach , das Gedicht am andern Tage der Klassenlehrerin vorlegen zu wollen , und kam mit dem Bemerken zurück . » Das Fräulein sei mit Gattin und Mutter durchaus einverstanden , aber desto mehr gegen Roswitha und Johanna gewesen « - worauf Roswitha erklärt hatte : » Das Fräulein sei eine dumme Gans ; das käme davon , wenn man zuviel gelernt habe . « Es war an einem Mittwoch , daß die Mädchen und Annie das vorstehende Gespräch geführt und den Streit um die bemängelte Zeile beigelegt hatten . Am andern Morgen - ein erwarteter Brief Effis hatte noch den mutmaßlich erst in den Schluß der nächsten Woche fallenden Ankunftstag festzustellen - ging Innstetten auf das Ministerium . Jetzt war Mittag heran , die Schule aus , und als Annie , ihre Mappe auf dem Rücken , eben vom Kanal her auf die Keithstraße zuschritt , traf sie Roswitha vor ihrer Wohnung . » Nun laß sehen « , sagte Annie , » wer am ehesten von uns die Treppe heraufkommt . « Roswitha wollte von diesem Wettlauf nichts wissen , aber Annie jagte voran , geriet , oben angekommen , ins Stolpern und fiel dabei so unglücklich , daß sie mit der Stirn auf den dicht an der Treppe befindlichen Abkratzer aufschlug und stark blutete