Schönheitsplätzen gewesen war , an denen jahraus , jahrein viele Tausende Zerstreuung suchen , um schließlich die Wahrnehmung zu machen , daß auch das ödeste Daheim immer noch besser ist als das wechselvolle Draußen . Er hatte sich nach schriftlicher Verabschiedung von der Prinzessin und nach einem ausführlichen und herzlichen Briefe an Arne , den er anrief , ihn in diesen schweren Tagen nicht verlassen zu wollen , erst nach Brüssel und dann nach Paris begeben , aber so wenig zu seiner Zufriedenheit , daß er um Ostern bereits in Rom und einige Wochen später auch schon in Sorrent eingetroffen war , in demselben Sorrent , in dem er gehofft hatte mit Ebba glückliche Tage verleben zu können . Diese glücklichen Tage waren nun freilich ausgeblieben ; aber der all die Zeit über auf ihm lastende Druck war im Verkehr mit einer liebenswürdigen englischen Familie , mit der er gemeinschaftlich eine Dependance des Tramontana-Hotels bewohnte , doch schließlich von ihm abgefallen , und er hatte wieder leben und , was noch wichtiger , sich um das Leben anderer kümmern gelernt . So waren Wochen vergangen , unter Wagenfahrten nach Amalfi und unter Bootfahrten nach Capri hinüber , wobei die Schiffer ihre Lieder sangen ; aber die heiße Jahreszeit , die bald einsetzte , vertrieb ihn , früher , als ihm lieb war , aus dem ihm zusagenden Idyll bis in die Schweiz hinauf , die es ihm diesmal freilich , sosehr er sie sonst liebte , nirgends ganz recht machen konnte : der Genfer See blendete zu sehr , der Rigi war zu sehr Karawanserei und Pfäfers zu sehr Hospital . So beschloß er denn , weil ' s ihn , wenn nicht in die Heimat , so doch wenigstens weiter nordwärts in die germanische Welt überhaupt zurückzog , es mit London zu versuchen , an das ihn freundliche Jugenderinnerungen knüpften und wohin ihn die mit ihm zugleich von Sorrent aus abgereisten englischen Freunde mit einer Art Dringlichkeit geladen hatten . Nach London also ! Und da war er nun seit einem halben Jahr und empfand unter Verhältnissen und Lebensformen , die den schleswig-holsteinischen einigermaßen verwandt waren , soviel von Heimatlichkeit , wie sie der Heimatlose gewärtigen konnte . Ja , die gesellschaftlichen Verhältnisse konnten ihn befriedigen , und manches andere kam hinzu , das wohl angetan war , ihn von dem immer wachsenden Gefühl seiner Einsamkeit auf wenigstens Stunden und Tage frei zu machen . Eine kleine Theaterpassion , die schon in zurückliegender Zeit die Tage seiner Londoner Attachéschaft so angenehm gemacht hatte , wurde wieder lebendig , und das ganz in der Nähe von Tavistock-Square gelegene Prinzeß-Theater sah ihn regelmäßig auf einem seiner Parkettplätze , wenn der gerade damals mit seinen Shakespeare-Revivals epochemachende Charles Kean heute den » Sommernachtstraum « oder das » Wintermärchen « und morgen den » Sturm « oder » König Heinrich VIII. « in bis dahin unerhörter Pracht auf die Bühne brachte . Zu diesem Charles Kean trat er denn auch im Laufe des Winters in persönliche Beziehungen , und als er schließlich in dem von Künstlern und Schriftstellern vielbesuchten Hause des berühmten Tragöden auch noch die Bekanntschaft von Charles Dickens gemacht hatte , sah er sich , übrigens ohne deshalb seine dem Landadel angehörigen Freunde Sorrentiner Angedenkens vernachlässigen zu müssen , in allerlei Theater- und Literaturkreise hineingezogen , deren lebhaftes und von heiterster Laune getragenes Treiben ihn ungemein sympathisch berührte . Namentlich Dickens selbst war seine Schwärmerei geworden , und bei Gelegenheit eines Whitebait-Dinners in Greenwich ließ er seinen neugewonnenen Freund leben , den großen Erzähler , von dem er zwar nur den » David Copperfield « kenne , der aber als Verfasser dieses Buches auch der Sanspareil aller lebenden Schriftsteller sei . Mehr von ihm zu lesen , wozu er von den übrigen Anwesenden am Schluß seines Toastes unter Lachen aufgefordert wurde , behauptete er ablehnen zu müssen , da » Copperfield « auch von Dickens selbst schwerlich übertroffen worden sei , weshalb ein weiteres Lesen eigentlich nur zur Herabminderung seiner Begeisterung führen könne . Reunions wie diese , daran auch gefeierte Damen aus der Künstlerwelt , namentlich die schöne und vielumworbene Miss Heath und vor allem die geniale Lady-Macbeth-Spielerin Miss Atkinson beinahe regelmäßig teilnahmen , waren mehr als eine bloße Zerstreuung für Holk , und er hätte sich durch diesen Verkehr nicht bloß seiner Einsamkeit entrissen , sondern auch geradezu gehoben und erquickt fühlen können , wenn er sich einigermaßen frei gefühlt hätte . Dies war aber genau das , was ihm fehlte ; denn gerade der Fleck Erde , daran er mit ganzer Seele hing , auf dem er geboren und durch Jahrzehnte hin glücklich gewesen war , gerade der Fleck Erde war ihm verschlossen und blieb es auch mutmaßlich , wenn es ihm nicht glückte , seinen Frieden mit der Gesellschaft zu machen , einen Frieden , der wiederum eine Versöhnung mit Christine zur Voraussetzung hatte . Daran war aber nach allem , was er aus der Heimat hörte , nicht wohl zu denken : denn sosehr die Gräfin darauf hielt , daß seitens der Kinder an schuldiger Rücksicht nichts versäumt und beispielsweise jeder Brief des Vaters ( er schrieb oft , weil ihn ein Gefühl der Verlassenheit dazu drängte ) respektvoll erwidert wurde , so vergeblich waren doch andererseits alle bisher unternommenen Schritte zur Herbeiführung eines Ausgleichs gewesen . Mit der ihr eigenen Offenheit hatte sich Christine , dem Bruder gegenüber , über diese Frage verbreitet , und zwar diesmal unter Beiseitehaltung alles moralischen Hochmuts . » Ihr alle « , so schrieb sie , » habt Euch daran gewöhnt , mich als abstrakt und doktrinär anzusehen , und ich mag davon in zurückliegenden Jahren mehr gehabt haben , als recht war , jedenfalls mehr , als die Männer lieben . Aber das darf ich Dir versichern , in erster Reihe bin ich doch immer eine Frau . Und weil ich das bin , verbleibt mir in all dem Zurückliegenden ein Etwas , das mich in meiner Eitelkeit