« » Sie wird zu Hause zu wachen haben , da sonst niemand dort ist ! « sagte Marie Salander trocken , ihren Unwillen zurückhaltend . » So müssen wir sorgen , hörst du , Mann ! Wir wollen hingehen , oder geh du allein und bring ihm etwas Geld , im Fall sie ihn etwa ausgeplündert haben ! Ich will indessen heimlaufen und einen Vorrat von Speis und Trank bereitmachen , hörst du nicht ? « Der Vater Weidelich hörte freilich nicht . Er zergrübelte unablässig den Gedanken , daß ihm Unehrlichkeit und Verbrechen in Gestalt des eigenen Sohnes nahetreten und überdies sein ganzer bescheidener Wohlstand , den er in so vielen Jahren mit saurer Arbeit errungen , in Rauch aufgehen solle und er ärmer dastehen würde , als er im Anfang gewesen ; denn den Hof im Zeisig hatte er zu seiner Zeit noch mit Hilfe eines kleinen väterlichen Erbes erworben . Und wenn es so käme , könnte er von vorn anfangen in seinem Alter ? Wolle es Gott , so würde es doch nicht so kommen , es könne ja nicht sein ! Da er solchergestalt in seiner Grübelei verharrte und keine Antwort gab , vergaß die Frau ihren Vorsatz und sank mit zerfahrenen Sinnen in sich zurück . Marie Salander benutzte die herrschende Stille , um nach einem Glase frischen Wassers zu gehen und sich dann still in eine Ecke zu setzen , in der Absicht , nicht nur selbst einen Augenblick der Sammlung zu gewinnen , sondern auch das vom Unheil ergriffene Ehepaar zu einer kurzen Ruhe zu verlocken . Es gelang ihr auch , beinah ein halbes Stündchen zu überstehen , ohne daß die Stille anders als durch ein Stöhnen oder Seufzen unterbrochen wurde . Mit rascheren Schritten als gewöhnlich kam ihr Mann heran . Sie dankte dem Himmel , als sie ihn hörte , und ward doch über seinen Anblick betroffen , der von Sorge und großem Ärger Zeugnis gab . » Da sind wir ja alle beisammen ! « sagte er , im Zimmer stehend , » augenscheinlich wißt ihr die Neuigkeit schon ! « » Leider ja ! « ließ sich Vater Weidelich vernehmen , der über Salanders Ankunft erwacht und aufgestanden war . » Ich bin zuerst hierhergekommen , Herr Salander , um Sie um Rat zu ersuchen , was zu tun sei . Es ist hoffentlich doch nicht so arg , wie es im ersten Schrecken aussieht ! « » Es ist schlimm genug ! « erwiderte Salander , der die üble Verfassung Weidelichs und auch diejenige der Frau bemerkte . Diese war scheinbar teilnahmslos in ihrem Lehnstuhle sitzengeblieben , mit abgewandtem Gesicht , und Frau Marie , die aus ihrem Winkel hervortrat , deutete gegen ihren Mann auf sie hin . Dieser suchte sich deshalb schonender auszudrücken , als er gestimmt war . » Der Unterbeamte , der bei Ihnen war , « fuhr er Weidelich gegenüber fort , » ist auch zu mir auf das Bureau gekommen . Es scheint aber ein voreiliger und diensteifriger Mensch zu sein ; mir fiel auf , daß er nicht genaueren Aufschluß geben konnte und überhaupt am Sonntag in solchen Geschäften herumlief . Auch bei mir wollte er vernehmen , was ich allenfalls für den Schwiegersohn zu tun gesonnen wäre , damit eine Strafklage unterbleiben könne . Das ist eine gute Meinung , die jedoch zu einem Bescheid vorderhand nicht hinreichte . Ich machte mich auf den Weg , um geeigneten Orts Bestimmteres zu vernehmen . Es ist keine Rede von Fahrlässigkeiten und dergleichen Dingen , deren Folgen niedergeschlagen werden könnten . Isidor hat unter Mißbrauch des Amtes so unglaublich kühne Dinge unternommen , daß die Entdeckung immer an einem Haare hing und endlich in vergangener Woche eintrat . Drei Tage dauerte die Untersuchung der Bücher auf seiner Kanzlei . Gestern waren die Hundertundfünfzigtausend überschritten , und noch soll kein Ende abzusehen sein . Darum wurde das Verfahren in Unterlaub abgebrochen und nach Münsterburg verlegt . « » O Herr Jesus ! « tönte es vom Schmerzenssitze der Mutter Weidelich her mit einem Jammergeschrei . Vater Jakob suchte wieder seinen Stuhl . Die vernommene Zahl erhellte ihm wie eine Brandfackel die Lage . Auch Martin Salander fühlte sich ermüdet , desgleichen die Gattin Marie , und so saßen die vier alternden Personen schweigend umher , wie der Zufall es fügte . Nach einer geraumen Weile wimmerte die Frau Weidelich : » Wäre ich doch lieber zur Kirche gegangen , so hätte ich noch eine Stunde gehabt , wo ich von nichts wußte ! Das wär noch ein gutes Stündlein gewesen , und hätte guter Dinge nach Haus gehen können , ohne es mir ansehen zu lassen ! « Abermals nach einigen Minuten rief sie : » Jetzt muß es doch sein ! Jakob , wir wollen gehen , daß wir unter Dach kommen ! « Da sie sich gleichzeitig aufraffte , so gut es ging , nahm sich auch der Mann zusammen und trat mit gebrochenem Wesen zu Salander , der sich ebenfalls erhoben . » Es tut mir leid , « sprach er mühselig , » daß wir Ihnen soviel Ungelegenheit machen - « Die Stimme versagte ihm , und er schwieg . Martin gab ihm die Hand ; er sah , wie der Mann litt , und , die eigene Beschwernis vergessend , sagte er mit allerdings zweifelhaftem Troste zu ihm : » Wer kann heutzutage behaupten , er sei vor dem allgemeinen Übel sicher ? Es ist wie die Reblaus oder die Cholera ! Wenn Euch einer schief ansieht , so dürft Ihr ihm nur sagen , er soll erst nach Haus gehen und nachschauen , ob ' s nicht schon dort sei ! « Inzwischen hatte Amalie Weidelich mit ihrem Hute zu schaffen , der sich wegen der Erregungen der Frau verschoben und nicht mehr recht sitzen wollte . Sie suchte ihn vor einem Spiegel zurechtzurücken und festzumachen , und Marie Salander kam ihr zu Hilfe