den schönen , fast noch neuen Hut immer wieder aufzuprobieren , den ihr die Frau Amtsrätin geschenkt hatte , und das Stubenmädchen überlegte unter lustigem Trällern , wie sich wohl ihr Geschenk , ein Kaschmirkleid der alten Dame , am schönsten modernisieren lasse . Drunten in der Lamprechtschen Küche sah es anders aus , weil man ja doch ein Herz und keinen Stein in der Brust hatte , wie Bärbe immer sagte . Um das Packhaus hatte man sich freilich nicht zu kümmern , wie es seit Jahren Brauch und Gesetz im Vorderhause war ; aber wenn in einer Wohnung » nur über den Hof ' nüber « eine Schwerkranke lag , da konnte es doch ein Christenmensch nicht fertig bringen , zu thun , als sei dieses Haus ein bloßer Steinhaufen , in welchem keine menschlichen Herzen lebten , die in Angst und Bedrängnis schlugen . Und deshalb war man still und gedrückt in der Küche und hantierte unwillkürlich geräuschloser als sonst üblich . Bärbe hatte gestern gegen Abend Wasser am Hofbrunnen geschöpft , und da war auch die Aufwärterin aus dem Packhause gekommen , um einen frischen Trunk zu holen . Die Frau hatte tief alteriert erzählt , daß Frau Lenz vor einigen Stunden einen Schlaganfall gehabt habe , sie könne nicht sprechen und die linke Seite sei gelähmt - der Doktor , der noch an ihrem Bette sitze , nehme die Sache sehr bedenklich . Und die Thränen waren ihr aus den Augen geschossen bei der Schilderung , wie der alte Herr Lenz totenblaß im Zimmer auf und ab gehe und die Hände ringe und in seiner Angst und Herzensnot nicht einmal einen Blick für den kleinen Max habe , der in einer Ecke am Bett der Großmama kauere , ihr immerfort in das entstellte Gesicht sähe , und auch nicht den kleinsten Mundbissen zu sich nähme . Und dann hatte sie der alten Köchin weiter ins Ohr geraunt , Frau Lenz habe schon den ganzen Tag über sehr aufgeregt ausgesehen , und nachmittags sei der alte Herr nach Hause gekommen , ganz weiß im Gesicht und mit einer so heiseren Stimme , als verlechze ihm die Kehle . Sie , die Aufwärterin , sei in die Küche an ihre Aufwaschgelte gegangen ; aber gleich darauf habe sie einen dumpfen Fall gehört , und das sei drüben im Zimmer die Frau Lenz gewesen , die zu Boden gestürzt sei ... Was geschehen sein müsse , worüber sich die arme Frau erschreckt habe , wisse sie nicht , hatte die Aufwärterin gesagt . Aber die Frau Amtsrätin wußte es - der Landrat hatte den alten Lenz auf das Amt kommen lassen , um ihm die unerbittliche Thatsache mitzuteilen , daß sich nichts , auch nicht das kleinste Papierblättchen , nicht die geringste Notiz , weder über den gesetzlichen Ehevollzug des verstorbenen Kommerzienrates mit seiner zweiten Frau , noch bezüglich des nachgeborenen Sohnes im Nachlaß gefunden habe . - - Das Geheimnis , das vom Packhause herüber mit seinen Fäden das stolze Vorderhaus zu umspinnen gedroht hatte , schien somit dem Dunkel verfallen , das so viele ungelöste Rätsel der Welt für alle Zeiten deckt . Noch blieb dem alten Lenz allerdings die persönliche Nachforschung in den Kirchen von London , wo die Trauung seiner Tochter , die Taufe seines Enkels stattgefunden ; allein in dem Briefe der jungen Frau war die Kirche nicht genannt , in welcher sie » als glückseliges Weib an seiner Seite gestanden und den Ehering empfangen habe « ... Der alte Lenz hatte ferner dem Landrat erzählt , er habe eines Tages von der Pflegerin seiner Tochter , die zugleich ihre Freundin gewesen , die Nachricht erhalten , daß ihm ein Enkel geboren sei , und drei Tage darauf sei ein Telegramm eingelaufen mit der Meldung , daß die junge Frau im Sterben liege . Er habe zwar schleunigst die Reise nach London angetreten , um sein einziges Kind noch einmal zu sehen , sei aber doch zu spät gekommen - die Erde habe sie bereits gedeckt . - Das Heim seiner Tochter , eine wahrhaft fürstlich eingerichtete Wohnung , habe er verlassen gefunden ; nur die Pflegerin sei noch dagewesen , um auf Befehl des Kommerzienrates alles Mobiliar versteigern zu lassen . Sie habe ihm mitgeteilt , daß der Kommerzienrat , nachdem er die letzte Handvoll Erde auf den Sarg der Verstorbenen geworfen , sofort abgereist sei . Er habe sich wie ein Wahnsinniger gebärdet , so daß sie ihm meist angstvoll aus dem Wege gegangen sei . Seinen Knaben habe er nicht einmal angesehen , geschweige denn geliebkost - weil das arme Kind die Veranlassung zu Blankas Tode gewesen . Trotzdem habe er den kleinen Neugeborenen samt der Amme mit sich genommen , denn London wolle er nicht wiedersehen , sollte er gesagt haben . Den ganzen Nachlaß der Verstorbenen an Kleidungsstücken , Leibwäsche und dergleichen habe er ihr für die Pflege geschenkt , hatte die Dame hinzugesetzt , aus dem Schreibtisch aber habe er alle Briefschaften und sonstigen Papiere an sich genommen . Nicht ein beschriebenes Blättchen sei mehr in den Fächern zu finden gewesen , hatte der alte Lenz dem Landrat weiter berichtet , und ein solch schriftliches Andenken von seiner Tochter sei das einzige gewesen , das er sich gewünscht , auf welches er Anspruch gemacht habe . So sei ihm nichts geblieben , als ihr kleiner Liebling , das Hündchen Philine , das verlassen in einer Zimmerecke gekauert und ihm dankbar die liebkosende Hand geleckt habe ... Erst nach Jahresfrist sei damals der Kommerzienrat in seine deutsche Heimat zurückgekehrt , ein völlig verwandelter Mann , dessen Ausbrüche der Verzweiflung die alten Eltern seines heimgegangenen Weibes tief erschüttert und geängstigt hätten ... Im Dunkel der Nacht sei er zu ihnen gekommen . Da erst hätten sie erfahren , daß er den kleinen Max nach Paris in die Pflege der Witwe eines verstorbenen Geschäftsfreundes , einer hochgebildeten , ausgezeichneten Frau gegeben habe . Das Kind sei damals gut aufgehoben gewesen