wollen , aber die Bäuerin schreckte vor jeder Berührung des jungen Weibes zurück und wollte es weder am Kopf- noch am Fußende des Bettes sitzen haben ; anfangs boten ihr die häufigen , halbe Tage langen Besuche des alten Sternsteinhofers willkommenen Anlaß , ihre Wärterin gar aus der Stube zu schaffen , dann lag sie und hielt oft durch Stunden mit ihren abgezehrten Fingern die rauhe , hörnerne Rechte des Alten über der Bettdecke fest , es war die einzige Hand , die sie zu halten hatte und dabei ein Vertrauen empfand , daß diese auch sie gerne halten möchte , während bei allen Handreichungen Tonis und Helenens sie das ängstliche Gefühl ankam , die beiden ließen sie zwischen den Armen hinabgleiten - oh , wie tief ! Wenn nach einem solchen Krankenbesuche der alte Bauer über den Hof seiner Ausnahm zuschritt , so fluchte und wetterte er laut , daß jeder , der um die Wege war , es hören konnte , und belegte dabei des Herrgottlmachers Wittib mit einem Titel , der in aller Kürze das strikte Gegenteil einer Vestalin besagt ; aber es geschah das lediglich zu seiner eigenen Erleichterung , ohne der Geschmähten irgendwelchen Ärger zu bereiten , denn der Schimpf war so groß , daß es niemand wagte , denselben ihr ins Gesicht zu wiederholen . Es war , wie gesagt , zu Anfang , daß der alte Sternsteinhofer seine meiste Zeit bei der kranken Bäuerin zubrachte , mählich kam er seltener , schließlich blieb er gar lange von dem einen auf das andere Mal weg ; dazu bestimmten ihn zwei Gründe . Er hatte geglaubt , die Schwiegertochter würde ihres Siechtums Meister werden , bald wieder auf die Beine kommen , und darum suchte er sie zu zerstreuen , keine Gedanken an Vernachlässigung und Vereinsamung in ihr aufkommen zu lassen und sie bei gutem Mute zu erhalten ; der Gesunden wollte er dann beistehen , ihre Rechte zu wahren und mit den ungebetenen Gästen den Kehraus zu tanzen . Als er aber merkte , daß die Bäuerin immer mehr verfiel und von Kräften kam , da suchte er sie selten heim und blieb nur für kurz ; zusehen , wie es mit solch einem Aufgegebenen Schritt für Schritt zu Ende ging , und sich so unmittelbar an sein eigenes mahnen zu lassen , das war nicht seine Sache . Andernteils machte ihm gerade dieser Stand der Dinge den Anblick Helenens nur um so verhaßter . So flüchtig auch alle bisherigen Begegnungen mit ihr gewesen , die zufälligen , wo beide ohne Gruß aneinander vorüberhuschten , und die unausweichlichen in der Krankenstube , wo sie ihm schweigend den Stuhl an das Bett rückte , mit der Schürze darüberwischte und dann zur Türe hinausging , von nun ab vermied er geflissentlich all und jedes Zusammentreffen , da er mit großem Unbehagen fühlte , wie ihm in der Nähe dieses Weibes die Fäuste zuckten , aber gleichzeit das Wort versagte . Was ihn diese Bettlerin , wenn nicht fürchten , so doch scheuen machte , er wußte es selbst nicht . Ja , die wußte , was sie wollte , hat unverrückt ihr Ziel im Aug behalten , gleich bereit , wenn es dasselbe zu erreichen galt , darnach zu laufen oder langsam Fuß vor Fuß zu setzen , und obwohl sie schon einmal nach einer Seite » abgekugelt « war , kommt sie jetzt von der anderen heran und erreicht ' s ! Sie wird ' s erreichen . Ein harter Kopf und ein fester Will ! Nicht , wie es sonst damit bei den Weibern bestellt ist . Schlüg ihr der Teufel ein Bein unter , jetzt , wo sie den Fuß zum letzten Schritt hebt , glaublich , sie wüßt doch auf den Fleck zu fallen , wo sie hinrechnet ! - - Nur Ärger war dort oben in der Krankenstube mehr zu holen , Gift und Galle einzuschlucken und der armen Seel damit nicht geholfen , überhaupt nimmer zu helfen . Der Alte hielt sich davon , und die Kranke mußte sich nun den langen , bangen Tag über die Gesellschaft Helenens gefallen lassen . Wenn dann manchmal der kleine Muckerl zur Türe hereinpolterte , die Mutter aufsuchen , wofür er jedesmal einen scharfen Verweis erhielt , so sah die Bäuerin in der ersten Zeit von dem gesunden , rotbäckigen Jungen weg nach der Wiege , in der ihr eigenes , halblebiges Würmchen lag , ihre Augen wurden feucht , und langsam perlten schwere Tropfen über ihre Wangen ; später aber ließ sie auch das gleichgültig , nur wenn ihr Mann in der Stube war und mit begehrlichen Blicken an dem schönen Weibe hing und dieses es ihm mit unwilligem Zublinken verwies , dann blitzte es in den tiefdunklen Sternen auf , rege und glühend folgten sie jedem Mienenspiel , jeder Gebärde der beiden und ließen nicht nach , ihnen zu folgen , bis zu dem Tage , wo diese Augen - voll lautloser , herber Anklage , voll stummer , weher Herzenspein - brachen und der alte Sternsteinhofer sie zudrückte , da die Scheidende diesen Liebesdienst von ihm erbeten . » Hast nit viel Guts ghabt « , sagte er . » Warst wohl a reiche Bäurin , aber dabei a arms Weib . Der Herr laß s ' ruhn in Frieden , und ' s ewige Licht leuchte ihr . Amen . « XXI Welchen Wandlungen die Volksstimmung unterliege , das zeigte sich auch in Zwischenbühel gegenüber den Geschehnissen auf dem Sternsteinhofe . Ein grober Verstoß gegen landläufige sittliche Grundsätze und Anschauungen erweckt vorerst laute Entrüstung gegen beide Schuldige , aber bald führt das Zusammenlebenmüssen zu Bedachtnahmen und Nachgiebigkeiten gegen den einen wehrhafteren Teil und zum Unrechte gegen den wehrlosen , auf dem allein die üble Nachrede haftenbleibt , bis die Leute , Schimpfens und Anteilnehmens müde , gleichgültiger werden und mählich zu vergessen anfangen ; einmal noch - mag nun neue Unbill hinzukommen oder nicht - lodert wohl das Zornfeuer