ich habe wenigstens nicht allein gewacht ! « - » O gewiß sind wir auch verliebt , bis über die Ohren ! « sagten sie etwas betroffen , faßten sich aber sogleich , und die Ältere fuhr fort : » Weißt du was , Vetterchen , wir wollen gemeinsam zu Werke gehen ; vertraue uns einmal deine Leiden , und zum Danke dafür sollst du unser Vertrauter werden und unser Rettungsengel in unseren Liebesnöten ! « - » Es dünkt mich , du hast keinen Rettungsengel notwendig « , antwortete ich , » denn an deinem Fenster steigen die Engel schon ganz lustig die Leiter auf und nieder ! « - » Hört , nun redet er irre , es muß schon arg mit ihm stehen ! « rief Margot , rot werdend , und Lisette , weiche noch beizeiten sich verschanzen wollte , setzte hinzu : » Ach , laßt den armen Jungen in Ruh , er ist mir recht lieb und dauert mich ! « - » Schweig du ! « sagte ich noch mehr erbost , » dir fallen die Liebhaber von den Bäumen in die Kammer ! « Die Bursche klopften in die Hände und riefen : » Oho , steht es so ? Der Maler hat gewiß etwas gesehen , freilich , freilich , freilich ! Wir haben ' s schon lange gemerkt ! « und nun nannten sie die begünstigten Liebhaber der beiden Dämchen , welche uns den Rücken wandten mit den Worten : » Larifari ! ihr seid alle verlogene Schelme und der Maler ein recht böser Hauptlügner ! « Lachend und flüsternd unterhielten sie sich hierauf mit den anderen beiden Mädchen , die nicht recht wußten , woran sie waren , und alle würdigten uns keines Blickes mehr . So hatte ich das Geheimnis , das ich am Morgen großmütig zu verschweigen gelobt , noch vor Untergang der Sonne ausgeplaudert . Dadurch war der Krieg zwischen mir und den Schönen erklärt , und ich sah mich plötzlich himmelweit von dem Ziele meiner Hoffnungen gerückt ; denn ich dachte mir alle Mädchen als eng verbündet und gleichsam eine Person , mit welcher man im ganzen gut stehen müsse , wenn man ein Teilchen gewinnen wolle . Neuntes Kapitel Der Philosophen- und Mädchenkrieg Um diese Zeit wurde der zweite Lehrer des Dorfes versetzt , und an seine Stelle kam ein blutjunges Schulmeisterlein von kaum siebzehn Jahren , welches bald ein Aufsehn in der Gegend machte . Es war ein wunderhübsches Bürschchen mit rosenroten Wänglein , einem kleinen lieblichen Munde , mit einem kleinen Stumpfnäschen , blauen Augen und blonden gelockten Haaren . Er nannte sich selbst einen Philosophen , weshalb ihm dieser Name allgemein zuteil wurde , denn sein Wesen und Treiben war in allen Stücken absonderlich . Mit einem vortrefflichen Gedächtnisse begabt , hatte er die zu seinem Berufe gehörigen Kenntnisse bald erworben und sich im Seminare daher mit dem Studium von allen möglichen Philosophien abgegeben , welche er den Worten nach auswendig lernte ; denn er behauptete , der beste Volksschulmeister sei nur derjenige , welcher auf dem höchsten und klarsten Gipfel menschlichen Wissens stände , mit dem umfassenden Blicke über alle Dinge , das Bewußtsein bereichert mit allen Ideen der Welt , zugleich aber in Demut und Einfalt , in ewiger Kindlichkeit wandelnd unter den Kleinen , womöglichst mit den Kleinsten . Demgemäß lebte er wirklich ; aber dies Leben war seiner großen Jugend wegen eine allerliebste Travestie in Miniatur . Gleich einem Stare wußte er alle Systeme von Thales bis auf heute herzusagen ; allein er verstand sie immer im wörtlichsten und sinnlichsten Sinn , wobei besonders seine Auffassung der Gleichnisse und Bilder einen komischen Unfug hervorbrachte . Wenn er von Spinoza sprach , so war ihm nicht etwa die Idee aller möglichen Stühle der Welt , als ein Stück zweckmäßig gebrauchter Materie , der Modus , sondern der einzelne Stuhl , der gerade vor ihm stand , war ihm der fertige und vollständige Modus , in welchem die göttliche Substanz in wirklichster Gegenwart steckte , und der Stuhl wurde dadurch geheiligt . Bei Leibniz fiel ihm nicht etwa die Welt in einem greulichen Monadenstaub auseinander , sondern die Kaffeekanne auf dem Tisch , mit welcher er gerade exemplierte , drohte auseinanderzugehen und der Kaffee , welcher im Gleichnis nicht mitbegriffen , auf den Tisch zu fließen , so daß der Philosoph sich beeilen mußte , durch die prästabilierte Harmonie die Kanne zusammenzuhalten , wenn wir den erquickenden Trank genießen wollten . Bei Kant horte man das göttliche Postulat so leibhaftig und zierlich erklingen wie ein Posthörnchen , aus der tiefen Ferne der innersten Brust ; bei Fichte verschwand wieder alle Wirklichkeit gleich den Trauben in Auerbachs Keller , nur daß wir nicht einmal an unsere Nasen glauben durften , welche wir in den Händen hielten ; wenn Feuerbach sagte Gott ist nichts anderes , als was der Mensch aus seinem eigenen Wesen und nach seinen Bedürfnissen abgezogen und zu Gott gemacht hat , folglich ist niemand als der Mensch dieser Gott selbst , so versetzte sich der Philosoph sogleich in einen mystischen Nimbus und betrachtete sich selbst mit anbetender Verehrung , so daß bei ihm , indem er die religiöse Bedeutung des Wortes immer beibehielt , zu einer komischen Blasphemie wurde , was im Buche die strengste Entsagung und Selbstbeschränkung war . Am drolligsten nahm er sich jedoch aus in seiner Anwendung der alten Schulen , deren Lebensregeln er in seinem äußern Behaben vereinigte . Als Cyniker schnitt er alle überflüssigen Knöpfe von seinem Rocke , warf die Schuhriemen weg und riß das Band von seinem Hute , trug einen derben Prügel in der Hand , welcher zu seinem zarten Gesichtchen seltsam kontrastierte , und legte sein Bett auf den bloßen Boden ; bald trug er sein schönes Goldhaar in langen , tausendfach geringelten Locken , weil die Schere überflüssig sei , bald schnitt er es so dicht am Kopfe weg , daß man mit dem feinsten Zängelchen kaum