Wahl , und kein Zug der Vergangenheit , kein gegenwärtiges Interesse leitete mich auf eine Spur . Auch Pläne anderer Art stiegen in mir auf . Wie wärs mit der Gründung eines Asyls für invalide Krieger oder deren Waisen , für das es , leider Gottes ! zurzeit nicht an Anwärtern gebrach ? Oder mit einem Fräuleinstift , für das es , leider Gottes ! keiner Zeit an Anwärterinnen gebrechen wird ? Aber kennt Ihr einen alten Bauer - und ich war solch ein Stück alten Bauers - , der seine Hufe nicht lieber dem Unbedürftigsten seinesgleichen als dem bedürftigsten Gemeinwesen verschreiben würde ? Mir widerstand eine fiskalische oder kommunale Schablonenverwaltung meiner Flur , ich mochte sie mir nur denken unter dem Gepräge einer Individualität , wie zuerst die Gräfin und später ich selber es ihr aufgedrückt hatten , ich forderte für den Wandel der Zeiten einen persönlichen Erben , und begann als Matrone zu beklagen , daß ich in der Jugend nicht den ersten besten Krautjunker geheiratet und mir auf dem natürlichsten Wege die Qual der Wahl abgeschnitten hatte . Was meine äußerliche Stellung anbelangt , so war ich seit dem Frieden nicht durchaus mehr die Einsiedlerin des neuen Turms . Man wußte in dem materiell erschöpften Staate eine besitzende Hand , in der neu erworbenen Provinz eine aufrichtige Anhängerin zu schätzen ; man suchte meinen Rat bei ländlichen Einrichtungen , kurz und gut : von oben herab wie von unten herauf erwies man mir allerlei Ehren , und so bildete sich unwillkürlich ein Verkehr , nicht wie er zwischen Mann und Weib oder gar Weib und Weib , sondern wie er zwischen Mann und Mann gang und gäbe ist ; mich aber würde es gewundert haben , wenn dem anders gewesen wäre . Von Zeit zu Zeit fühlte ich mich nun auch veranlaßt , durch ein Gastgebot dem Ansehen meiner Reckenburg gerecht zu werden ; da gaben denn die gezopften Einrichtungen - Heiducken , goldene Kutsche samt Schimmelgespann und tutti quanti - , gab ihre Harmonie mit der ererbten Ausstattung dem Rufe der Besitzerin ein starkes Relief . Man zitierte die Reckenburgerin als Aristokratin reinsten Wassers , und man tat es mit Recht . Je mehr und mehr empfand ich indessen diese obligatorischen Schaustellungen als einen Vorschub der heimlich eingenisteten Langeweile . Das Herz war hier am wenigsten bei der Sache , und das Verlangen , dem Gebäude , das ich aufgeführt hatte , gleichsam einen Turm aufzusetzen , quälte mich niemals beunruhigender , als nach solcher Unterbrechung des einfachen Tageslaufs . Hätte ich nur einig werden können über das Wo und Wie ! Wie beim Abschied von der Jugend in den Zeiten der Abhängigkeit , so schlich in denen der schrankenlosen Freiheit Jahr um Jahr vorüber , in welchem nur der Mechanismus eingelebter Ordnungen mich aufrechthielt , und ich war fünfzig geworden , als sich mir überraschend ein Ausblick öffnete , dem ich in jungen Tagen gewiß nicht den Rücken gekehrt haben würde . Ich habe weiter oben flüchtig des Grafen , unseres Nachbars , erwähnt . Ihr kennt und verehrt ihn , meine Freunde ; ich brauche daher nicht mehr über ihn zu sagen , als daß ein bedeutender geschäftlicher Verkehr sich zwischen uns erhalten hatte , und daß er schon damals das Vertrauen des Staates und der Stände genoß , wie kein zweiter unserer provinziellen Ritterschaft , deren Ehrenämter und einflußreichste Stellungen denn auch auf seine Person übertragen werden . Und auf keinen mit größerem Recht . Er war und ist ein Beamter von dem Schlage , der sich in den preußischen Annalen einen klassischen Namen erworben hat , ein Mann von so unermüdlicher und uneigennütziger Tätigkeit für das Allgemeine , daß seine privaten Angelegenheiten , vor allen die Verwaltung seines bedeutenden Majorats , merklich den kürzeren dabei zogen . Ich schätzte den Mann nach seinem Verdienst , seine Gemahlin aber gehörte zu den wenigen Weibern , deren Umgang mir nicht beschwerlich fiel . Denn ich hatte auch darin einen männlichen Geschmack , daß nur die frauenhaftesten Eigenschaften der Frauen mir zu Herzen gingen . Einer Amtsverwalterin wie Jungfer Ehrenhardine würde ich auf einer wüsten Insel , glaub ich , zehn Schritt ferngeblieben sein ; das Kind Dorothee hatte selbst als Sünderin den Reiz für mich nicht eingebüßt . Die Gräfin aber war eine schmiegsam zärtliche Seele , das Weib » in Gottes Namen « , wie es im Buche steht , und sicherlich würde ich die Sprößlinge dieses anziehenden Paares , drei noch unbärtige Junkerchen , für das Erbe der Reckenburg in nächsten Betracht gezogen haben , hätte ich sie etwas weniger flott und übermütig heranwachsen sehen . Wohl sagte ich mir entschuldigend , daß bei der zerstreuenden Tätigkeit des Vaters und der gelassenen Umfriedung der Mutter dem jungschäumenden Blute der Zügel gefehlt habe ; unter allen Umständen aber mußte die Zeit einer reiferen Entwickelung abgewartet werden . Vor Jahr und Tag nun war der Graf Witwer geworden . Er hatte die Frau sehr geliebt , sich sehr beglückt durch sie gefühlt und nach ihrem Tode allen geselligen Verkehr , auch den mit mir , abgebrochen . Es schien , als ob er seine Trauer mit ins Grab nehmen wolle , und nichts hätte mich - auch abgesehen von meinem halben Jahrhundert - mehr überraschen können , als ihn eines Tages bei mir eintreten zu sehen und ohne Präliminarien einen Heiratsantrag von ihm zu vernehmen . Der Mann war bei gesunden Sinnen und ernsthaft wie ein Kato , heute mehr denn je . Mich verdroß diese dreiste Begehrlichkeit , wie sie mich von keinem anderen verdrossen haben würde . » Ich zähle fünfzig Jahre , Graf , « sagte ich trocken . » Ich auch , « versetzte ebenso trocken der Graf . » Das heißt : als Mann ein Vierteljahrhundert weniger , « entgegnete ich , und er darauf : » Unter den herkömmlichen Voraussetzungen einer Ehe allerdings . « Seine merkwürdige Offenherzigkeit begann mich zu belustigen . Ich lachte hell auf ;