gewinnend und liebenswürdig war der Doktor Stein ; er spottete nicht mehr über die Unbeholfenheiten und Eigentümlichkeiten des armen Hans , sondern er behandelte sie jetzt mit einem gewissen gutmütigen Humor , den Hans niemals an ihm gekannt hatte und der ihm unendlich wohltat . Nach der Heimat und den Bekannten von Neustadt erkundigte sich der elegante Doktor aufs eingehendste , und die Art und Weise , wie er über die Mutter des Freundes , ihr Leben und ihren Tod sprach , konnte nicht inniger und teilnehmender sein . Er erkannte alte Bücher in der kleinen Bibliothek des Jugendgenossen wieder und erinnerte sich des Tages , an welchem er seinen Namen und das Wort des Chrysostomus vor eine theologische Abhandlung vom Ursprung des Bösen gesetzt hatte : » Pono sedem meam in Aquilonem et ero similis Altissimo . « Als er aber bemerkte , daß er dadurch die Rede auf seinen Übertritt zum Christentum lenkte , brach er schnell ab und fing an , allerlei Fragen zu stellen , die anfangs nur auf das Leben des Freundes im allgemeinen Bezug hatten , dann aber allmählich sich immer fester und bestimmter auf das Leben des Hauslehrers des Geheimen Rates Götz bezogen . Und sehr aufmerksam und sehr zerstreut zu gleicher Zeit war der Doktor Stein während der Fragen . Keine Antwort mußte er sich wiederholen lassen , und doch horchte er auf jedes Geräusch im Hause , auf alle Schritte und alles Türklappen . Als Kleophea anfing zu singen , erhob er sich schnell , setzte sich aber ebenso schnell wieder und fragte : » Das ist nicht die Tochter des Chevaliers , des Kapitän Götz ? « » Nein , es ist Fräulein Kleopheas Stimme . « » Ah ! « Er horchte einige Augenblicke , um dann seine Fragen von neuem aufzunehmen , und gab Hans wiederum mehrfachen Grund zur Verwunderung . Nach der Bauart des Hauses erkundigte er sich , nach der Lage und Einrichtung der Zimmer des ersten Stocks , nach den Bildern an den Wänden und nach der Bedienung in der Küche . Die Lieblingsneigungen der Geheimen Rätin waren ihm nicht gleichgültig und ihre Abneigungen noch weniger . Über Aimé verlangte er ebenfalls eingehende Auskunft , ebenso über den Herrn des Hauses . Endlich war er zu Ende , klappte innerlich sein Notizbuch zu und brachte durch einen sehr feinen Schluß den armen Hans zu der festen Überzeugung , daß er diese vielen Fragen nur aus Interesse an dem Schicksal und jetzigen Leben des Jugendgenossen gestellt habe . » O lieber Hans « , schloß er , » nicht vielerlei , aber viel hast du erlebt . Wer weiß , ob dir nicht der glücklichere Weg von den Göttern vorgezeichnet wurde ? Du bist am Ufer geblieben , und die Wellen haben dir gnädig mitgespielt . Ich habe mich weiter hinausgewagt in die See , weil ich mich für einen tüchtigeren Schwimmer hielt ; aber mit mancher harten Felsenkante habe ich auch Bekanntschaft machen müssen . Du wirst Geduld mit mir haben müssen , wenn ich mich dann und wann nicht mehr gleich in deinen Anschauungen zurechtfinden sollte . « Wer konnte dem widerstehen ? Innig gerührt drückte Hans dem Freunde beide Hände , begleitete ihn mit Tränen im Auge die Treppen hinab und würde ihn noch weiter begleitet haben , wenn er nicht durch den Blick des olympischen Jeans zurückgescheucht worden wäre . Wieder war Hans Unwirrsch nicht tiefer in den Seelenzustand des Doktor Theophilus eingedrungen ; aber eine glückliche Stunde hatte er gewonnen , und das Nachklingen derselben war auch was wert ! An der Mittagstafel richtete die gnädige Frau ihre großen Augen auf den Hauslehrer . » Sie haben heute einen Besuch gehabt , Herr Unwirrsch ! « » Ein Jugendfreund - der Doktor Stein - « , sagte Hans , sich verbeugend . » Ich weiß « , sprach die Dame , und Kleophea richtete ihre großen Augen fast noch forschender auf den Hauslehrer als die Mama . » Man spricht augenblicklich viel von diesem Herrn in der Stadt « , fuhr die Geheime Rätin fort . » Er soll sehr begabt sein , soll große Reisen gemacht haben . Wie kommen Sie zu dieser Bekanntschaft , Herr Unwirrsch ? « Das Herz trat , wie man sagt , dem Kandidaten auf die Zunge . Zum erstenmal durfte er in diesem Hause sprechen , ohne unterbrochen zu werden : er erzählte alles , was er von Moses Freudenstein zu erzählen wußte . Er rühmte sein gutes Herz , seinen scharfen Verstand , seine Gelehrsamkeit . Er wurde sehr warm in seiner Apologie und bemerkte leider nicht , welch ein Schrecken des Leutnants Fränzchen überkam , als sie erfuhr , wer heute das Haus betrat , in dem sie Schutz gesucht hatte . Mit größtem Interesse vernahm die Frau des Hauses , wer der bekannte , ja berühmte Doktor Theophile Stein sei ; - Kleophea war gleichgültig oder schien so ; - der Geheime Rat war wie gewöhnlich nur körperlich anwesend . Von der muntern französischen Waise erzählte Hans nichts , da ihn der Doktor Stein noch beim Abschied bescheiden und scherzhaft gebeten hatte , ihrer nicht zu erwähnen . Am folgenden Tag erschien Franziska nicht bei Tische ; sie war unwohl . Eine ganze Woche lang mußte sie das Bett hüten , und Hans hatte zum erstenmal Gelegenheit , zu bemerken , welch eine Lücke durch ihre Abwesenheit in dem Kreise entstand , der ihn umgab . Sie hatte neben ihm gesessen an der Tafel , und er hatte sich wohl und sicher in ihrer Nähe gefühlt . Kleophea stieß ihn ebensosehr ab , wie sie ihn anzog ; die andern standen ihm kalt , fremd , feindselig gegenüber . Halb unbewußt war das Gefühl gewesen , welches ihn mit dem Fränzchen verband ; nun das Fränzchen nicht da war , trat es klar ins Bewußtsein . Es drangen nur unbestimmte Nachrichten über das Befinden des jungen Mädchens zu dem Kandidaten .