, du böses Kind ? « » Mama , da macht soeben chère tante unserm liebenswürdigen Vis-à-vis die gewohnte Visite ; darf ich ihr eine Kußhand zuwerfen ? « Im geheimen setzte er hinzu : Könnte ich doch die alte Schachtel begleiten ! Victorine de Poppen , née de Zieger , welche bis dahin auf ihrem Diwan im gewohnten apathischen Halbschlummer gelegen hatte , richtete sich höchst lebendig , aufgeregt , entrüstet auf die Ansprache des Sohnes hin in die Höhe : » Leon , ich verbitte mir jetzt ganz ernstlich diese gräßliche Art , in welcher du mir seit deiner sogenannten Umwandlung jeden ruhigen Augenblick verdirbst . Was gehen mich die Leute drüben an ? Du scheinst seit einiger Zeit ordentlich Buch über ihr Tun und Lassen zu führen . Und die Person - ich sage dir , Leon , wenn du deine arme unglückliche Mutter in ein frühzeitiges Grab stürzen willst , so setze diese seit kurzem von dir angenommene abscheuliche Weise fort und ärgere mich durch Erwähnung ihres Namens . Leon , Leon , trotz deiner mirakulösen Besserung machst du mir doch Kummer genug ; Frau von Flöte - « Diesmal war an dem vortrefflichen Freiherrn die Reihe , sich die Nennung eines Namens höchlichst zu verbitten . Der junge Mann fühlte sich , nachdem er von dem Besuch bei der Tante zurückgekehrt war , wieder einmal recht hinfällig an Körper und Geist . Es gab einen Augenblick , in welchem er beschloß , seinen so energisch aufgegriffenen Plan fallenzulassen ; aber eine lichte Gestalt , ein Schein , der drüben an den Fenstern des Bankiers Wienand hinglitt , litt das nicht . Herr Leon von Poppen mußte weiter auf der so kühn beschrittenen Bahn , trotz Kopfweh , Nervenzucken und Rheumatismus . Es war nicht zu verlangen , daß der Baron in der Nacht , welche auf diesen merkwürdigen Sonntag folgte , von Lydda von Flöte anders träumte als von einer Hexe , die auf einem Heiratskontrakt in viel lieblichere Traumbilder störend hereingaloppierte , während Robert Wolf und Eva Dornbluth mit einem tollen indianischen Kriegstanz um das Bett des Freiherrn sich belustigten . Der arme Robert ! Er dachte nicht im mindesten daran , Herrn Leon von Poppen irgendwie , weder geistig noch körperlich , zu belästigen . Auf der Stube des Polizeischreibers gab er sich selbst den wildesten , schwärzesten Phantasien hin , und den Schlüssel zur Stube hatte der Polizeischreiber vorsichtig ausgezogen und in die Tasche geschoben , ehe er seine Wohnung verließ , um sich zu der verabredeten Zusammenkunft auf dem Observatorium des Sternsehers zu verfügen . Im Erker des Nikolausklosters aber sagte Juliane von Poppen : » Ich habe alles reiflich überlegt , ihr Herren . Ich werde meinem Kinde nicht auseinandersetzen , welche Entdeckung wir gemacht haben . Die Tage des armen Herzens sind finster genug geworden ; es ist kaum zu glauben , was es um den Vater leidet . Vielleicht ist es ein hohes Glück , daß diese erste Neigung dem Kinde grade jetzt gesendet wurde . Wir dürfen keinesfalls mit zu harter Hand dareingreifen . Wir wollen der armen Helene diesen blauen Fleck am dunkeln Himmel so lange als möglich lassen ; und wenn wir auch schärfer Wacht halten als bisher , so wollen wir es sie doch nicht merken lassen . Den Jungen , den Schlingel , könnt Ihr freilich schon härter anpacken , Fiebiger . Redet ihm ins Gewissen , Alter . Erinnert ihn an seine Schauspielerin oder Sängerin ; es schadet gar nichts , wenn Ihr ihm den leichten Sinn ein wenig niederdrückt . Der Bursche ist noch sehr jung ; man hat mit seinem Herzen gespielt , nun soll er nicht mit dem meines Kindes spielen dürfen . Laßt ihn tüchtig arbeiten , laßt ihn lernen , legt ihm eine eiserne Hand auf den Kopf und zeigt ihm jetzt das Leben so nüchtern wie möglich . Wenn in dieser Neigung die rechte Kraft ist , so wird er den Kopf schon wieder aufrichten , und die Zukunft wird das Dienliche bringen ! Wir wollen uns nicht zuviel Sorge darüber machen . Wann denkt Ihr den Knaben aus Eurer Schule entlassen zu können , Ulex ? « » Ich hoffe , daß wir ihn im nächsten Frühjahr auf die Universität senden können « , antwortete der Sternseher . » Vortrefflich ! Das paßt ganz . So habt denn gute Acht auf den Knaben , ihr Herren ; für das Mädchen will ich schon sorgen . « - Als Friedrich Fiebiger und Juliane von Poppen vom Turm des Sternsehers niedergestiegen und in den Klosterhof getreten waren , war der erste Schnee des Winters gefallen , und über die Stadt und weit über alles Land lag die weiße Decke gebreitet . Stumm gingen die beiden alten Leute nebeneinander , man hörte ihre Schritte nicht , weder auf dem Hofe von Sankt Nikolaus noch in der Straße , noch in dem Hofe von Nummer zwölf in der Musikantengasse . Sie sahen noch einmal in die Wohnung des Tischlers Johannes Tellering , sie beugten sich still über das Lager des Kranken . Hinter ihnen her war verhüllt ein anderer , noch lautloseren Schrittes , gegangen ; er stand auch jetzt hinter ihnen und blickte ihnen über die Schultern und schüttelte wie sie den Kopf . Alle in dem dämmerigen Gemach ahnten seine Gegenwart und schauderten - - Johannes Tellering sollte nun nicht lange mehr leiden . Als Juliane und der Schreiber aus der Hofwohnung wieder ins Freie getreten waren und mit vollen Zügen die frische Luft geatmet hatten , sagte das Freifräulein : » Wie wunderlich , wunderlich - wie Herzen ihre Hoffnungen da aufbauen , wo ebenso viele Hoffnungen zugrunde gehen ; - o Fritz , es muß doch eine tüchtige Lebenskraft in der Welt stecken ! - - « Noch einmal sahen sich Robert und Helene am Bette des Meister Johannes , und das war gut ; dann endete das Leben des alten Handwerksmannes , und das