ein Genius wie seiner wäre in unserem Staube , unserer Kritik , an unserer Hofluft untergegangen ? In Weimar thront er in einem Tempel , hier hätte er Tempeldienste verrichten müssen . Es fehlt hier an der rechten Sonne , meinen Sie nicht auch ? Und noch immer so viel Rücksichten , Bedenklichkeiten . Es sieht Einer den Andern an , wenn er in die Gesellschaft tritt , und wenn er ihn noch nicht gesehen , fragt er zuerst , ob er auch zu ihm gehört ? Mein Gott ! Diese Geburts- und Standesunterschiede müssten doch verschwinden , wenn die rechte Sonne des Geistes in einem Centralpunkt auf Alle schiene , gleich wie in einem Saal die Kerzen an den Seitenwänden keinen Schatten werfen , wenn ein voller Kronleuchter Alle von oben beleuchtet . So könnte ich mir das Haus der Herzogin denken . Aber sie ist nur eine passagere Erscheinung , und dann ladet sie doch auch nur eine gewisse Elite ein , es ist auch noch manches andere da , doch passons là-dessus . Ebenso können die Kreise der geistreichen Jüdinnen nicht dominirend werden , es stößt sich doch Mancher daran . « Jetzt wusste van Asten , wohin die Geheimräthin steuerte . Warum sollte er nicht in ihre Wünsche eingehen ! Es war keine Sünde gegen die Wahrheit , daß er es für verdienstlich erklärte , wenn eine Dame ihr Haus als Vereinigungspunkt für die Notabilitäten der Intelligenz öffne , eine Dame , die mit klarem Verstande , Belesenheit , seiner Sensualität , und durch den Stand ihres Gatten und ihre eigene Geburt dazu wie berufen scheine . » Sie scherzen ! Das könnte eine Jede , wenn sie wollte . Im Uebrigen , was ist es denn auch besonderes , wenn man etwas anders aussieht , als diese ehrbaren Hausfrauen , die vom Bügeln und Kinderwiegen noch echauffirt scheinen , wenn sie ihr Gesellschaftskleid angelegt haben . Denn allerdings kommt mir Manche vor , wenn sie nach dem Kuchenteller den Arm ausstreckt , als mache sie eine Bewegung , um ein Stück Wäsche über die Leine zu werfen . Und dann , lieber van Asten , Sie spielen auf meine Herkunft an . Ich bitte Sie , um Gottes Willen , nur davon nichts , daß ich von Adel bin . Ueber diese Unterscheidungen sind wir doch hinaus . Sie wissen , daß ich meinen Namen ohne Thränen einem Bürgerlichen hingeopfert habe . Lassen wir die Todten ruhen ! Ja , ich will gern meine Schwäche bekennen , es ist mir manches Mal recht angenehm , ja es schmeichelt mir , wenn ich mich als den Mittelpunkt dieser heitern , von Geist und Witz funkelnden Kreise betrachte . Aber , - sie hielt einen Augenblick inne - aber , wenn sie gegangen , die Lichter ausgelöscht sind , überfällt mich doch wieder , ich weiß nicht was , ein inneres Gähnen , eine Hohlheit . « » Verlangen Sie von einem Spiel ein Resultat ? « » Aber von all dem schwirrenden Geschwätz , von den Händedrücken , den zärtlichen Betheuerungen , was bleibt denn andres als - eine Lüge ! Ich weiß recht gut , daß einige von den jungen Leuten , die am Tisch die Mäßigen gespielt , noch ins Weinhaus eilen , um sich zu restauriren . Es thun es auch noch Andere , Johannes Müller , Herr Dedel , auch vom Prinzen weiß ich es . In ihren Symposien machen sie sich herzlich über uns lustig . Und ich verdenke es ihnen nicht . Gährt und kocht es doch auch in mir , und wenn meiner Natur die erhitzenden Getränke nicht entgegen wären , könnte ich mit ihnen Vergessenheit trinken wollen . - Sie sehen mich verwundert an . Nein , nein , ich versichere Sie , ich empfinde das ganze Unbehagen , von dem man mir erzählt , daß es die Schwelger nach ihrem Rausche fühlen . « Van Asten sah sie betroffen an . » Warum stürzen Sie sich denn in die Lüge , wenn Sie ihre Wirkungen kennen ? « Er verschluckte es . » Und wenn die Leute sich auch wirklich amüsirt haben , « fuhr sie nach einer Pause fort , » wie sie versichern , worüber war es ! Die in der Ecke am lustigsten schienen , lachten vielleicht über mich , über mein Bestreben , ihnen einen angenehmen Abend zu bereiten . Vielleicht über den Geheimrath , unsre Bewirthung , Einrichtung , Gott weiß worüber . Alle sind meine Feinde , Neider , und ich musste doch beim Abschied die Hand ihnen drücken , und sie versichern , wie unendlich ich mich gefreut , sie bei mir zu sehen , warum sie so schnell forteilten . Darum Embrassements , nachgewinkte Küsse , Betheuerungen , daß sie seit lange keinen so vergnügten Abend verlebt . Und wenn sie auf der Straße sind , kaum in den Wagen gestiegen , gähnen sie , wie ich gähne : Gott sei Dank , daß der langweilige Abend vorüber ist . « Welcher Dämon war plötzlich in die seltsame Frau gefahren ! Mit der Gefallsucht , über die er nicht Richter sein wollte , hatte sie begonnen , und aus ihrem Innersten quoll heraus , was sie ihm nicht hatte sagen wollen . War er der Magnet , der ihre verborgenen Gedanken und Qualen wider ihren Willen entlockte , oder welche unsichtbare Macht zwang sie , noch eben in der geschmückten Lüge sich schaukelnd , den hässlichsten Grund der Wahrheit herauszukehren ! Es war eine Wahrheit der Empfindung ; dieser verkniffene Zug um den Mund , dieser böslächelnde Blick konnten nicht heucheln . » Es ist das Mysterium der Natur , « sagte er , » daß oft , wo wir nicht säen , wir Liebe ernten . « » Und doch sind Liebe , Freundschaft , Entzücken und Begeisterung nur Masken für den Egoismus . Mit ihnen will Jeder so viel für sich herauspressen , als er kann .