endet auf dem Schaffot , ohne irgend etwas geleistet zu haben . Erschrick doch nicht so ! Das habe ich bedacht , ehe ich meine Hand ihm gab . Ja , ihm fehlt Charakter , wiederholte sie flüsternd halblaut vor sich hin , und doch will er ihn einer Nation verleihen und meint die Zustände des Volks wie aus einem Gefäß in ' s andere auszugießen zu einer neuen Gestalt . Gäbe es eine Allgemeinheit der Gesinnung , dann möchte dem Einzelnen das Große gelingen , es könnte den Tropfen bilden , der den Becher überfließen macht . Aber so ! - Unsre Zeit fordert ja umgekehrt vom Einzelnen , was sie in solchem Falle von der Allgemeinheit verlangen sollte , eine Thatkraft , die in ' s Unermeßliche reicht : ein Regeneriren all der schlaff gewordenen Gemüther . Und der das könnte , ist , glaube mir , jetzt gar nicht auf der Welt . - Nach der Oekonomie der Natur , setzte sie heiterer hinzu , die eine gute Hausfrau ist , wird er auch wol kaum in unserm Säculum mehr geboren . Einem Manne , wie Otto zum Beispiel , traust du also eine solche Gewalt nicht zu ? Nein , o nein ! rief fast heftig Leontine ; er hat zwar Kraft , auch das Bewußtsein alles Einzelnen , aber nicht das Genie . Er hat ein friedliches Gemüth und neigt sich weit mehr dem Universum , als dem kleinen Vaterlande zu . Doch was fragst du mich ? Gotthard ist vielleicht der Einzige , den wir kennen , der - Aber wo ist er jetzt ? Noch immer in Paris . In den paar Jahren unserer Trennung hat er seine Bahn zu einer Höhe gehoben - Kind , ich sagte dir ja immer , daß er Minister werden würde ! Das sagt Duguet auch von mir , liebe Tante ! rief lustig auflachend Egon , der aus dem Nebenzimmer eingetreten war , aber ich fürchte , du hast es sicherer getroffen . Herzlich willkommen ! Er umarmte und küßte sie . Aber , sprach er fort , indem er sich nach allen Seiten umsah , wo ist denn Otto ? Leontine wurde blaß - leichenblaß . Anna hatte die ganze Zeit hindurch versucht , das Gespräch auf ihn zu bringen , sie hatte den wilden Ausbruch des Gefühls ihrer Freundin vorüberlassen , dann mit des Freundes Anwesenheit sie überraschen wollen , nun nahm ihr der Zufall das Wort von den Lippen . Unaussprechlich tröstlich war Annen die plötzliche Erscheinung ihres Jugendfreundes gewesen ; ihre Lage in Brandenburg war nicht angenehm . Die bei der Geburt von hoher Hand einem der Knaben verliehene Präbende konnte , wie sich bei Regulirung des Eintritts in die Militärschule fand , nicht angenommen werden , sie war gegen die Statuten , Anna ' s Bürgerlichkeit machte sie unmöglich . Egon , in dem sich bereits die Stimmung unserer jetzigen Jugend im Keime zu zeigen begann , war höchst aufgebracht , daß man nicht seiner Mutter wegen eine Ausnahme machte ; er war vorläufig noch ein legitimer Demagoge , der einer ganzen Welt die Freiheit und sich den Grafentitel gönnte . In Berlin war Anna nur einen Tag geblieben ; sie suchte Kronbergs Wünschen hinsichtlich der Kinder möglichst nachzukommen . Dem jüngern , trotz seiner Schwächlichkeit , zum Offizier bestimmten Joseph war diese Militärschule nothwendig , für Egon paßte sie nicht . Sie hatte an Kronberg geschrieben und harrte seiner Entscheidung , als unerwartet Otto , wie der Strahl eines milden schönen Sterns , die Nacht des Zweifels und Trübsinns in ihr brach und zertheilte . Er stand plötzlich im Zimmer und fragte mit den sanftesten Tönen seiner tiefen Stimme : Komme ich dir recht , liebe Anna ? Du bedarfst vielleicht nicht den Arm , aber das Herz - vielleicht sogar den Kopf deines Jugendfreundes . Mit unsäglicher Liebe hatte er sie seit mehren Tagen gepflegt , getröstet , zerstreut ; frisch und jugendlich , erschien er neben Egon fast wie ein älterer Bruder . Er zeigte sich ruhig und doch klopfte sein Herz , wie sonst , Annen entgegen , und doch war sie nicht minder schön , als damals ! Und jetzt mit Einem Male war auch Leontine da und die unvergeßliche Zeit seiner Liebe drang wie eine Gegenwart auf ihn ein . Aber Otto verbarg seine tiefe Erschütterung , er hatte das in seiner Ehe still gelernt . Leontinen traf sein Anblick wie ein Blitzstrahl . Und ich bin katholisch geworden ! dachte sie , was wird er dazu sagen ? An ihrem namenlosen Schreck bei dieser Frage fühlte sie , wie sehr sie noch ihn liebe . Auch sie war vorsichtiger , sie schlug das Auge erst auf , als sie es ruhiger werden fühlte . Immer noch war ihm Anna die seine Seele weckende , erwärmende Sonne , prächtig entfaltete sein Geist die Flügel ihr gegenüber , alle seine Ideen wuchsen und erweiterten sich . Nachts , nachdem er von ihr gegangen , arbeitete er die kühnsten , schwierigsten Probleme seiner Wissenschaft aus , er lebte tausendfach , nach allen Richtungen hin , ohne zu ermüden ; der Morgen fand ihn immer frisch und klar . Aber keinen Augenblick vergaß er seiner Vrenely daheim . Täglich schrieb er ihr , und sein liebevoller , herziger Brief enthielt kein lügenhaftes Wort . Er freute sich mit tiefer , dankbarer Rührung seiner Häuslichkeit , ihrer und des Kindes ; Stunden lang sprach er von ihrer Anmuth , Wahrheit und Güte . Daß sie und Anna zu der nämlichen Gattung Wesen gehörten , fiel ihm kaum ein ; Meilen weit lagen diese Gefühle auseinander . Eine Frau wird diese Doppelempfindung nie verstehen . Bei Anna ' s Trennung von Kronberg war der Name der Capacelli nicht über ihre Lippen gekommen , nur von den Knaben war die Rede gewesen . Anna hatte ihrem Gemahl blos angedeutet , daß sie , allen den Mislauten der Gegenwart ein Ende zu