Depeschen , hört mir zu , wenn ich was erzähle , wir sprechen auch oft von Dir ; ein Mann von kluger freier Einsicht , von edlem Wesen . Er teilt mir aus seiner Herzens- und Lebensgeschichte merkwürdige Dinge mit , er hat viel aufgeopfert , aber nichts dabei verloren , im Gegenteil ist sein Charakter hierdurch frei geworden von der Steifheit , die doch immer mehr oder weniger den Platz freiwilliger Grazie einnimmt , sobald man mit der Welt in einer nicht unwichtigen Verbindung ist , wo man sich zum Teil auch künstlich verwenden muß ; er ist so ganz einfach wie ein Kind und gibt meinen Launen in meiner Einsamkeit manche Wendung . Sonntags holt er mich ab in seinem Wagen und liest mir in der königlichen Kapelle die Messe ; die Kirche ist meistens ganz leer , außer ein paar alten Leuten . Die stille einsame Kirche ist mir sehr erfreulich , und daß der liebe Freund , von dem ich so manches weiß , was in seinem Herzen bewahrt ist , mir die Hostie erhebt und den Kelch - das freut mich . Ach , ich wollt , ich wüßte ihm auf irgendeine Art ersetzt , was ihm genommen ist . Ach , daß das Entsagen dem Begehren die Waage hält ! - Endlich wird doch der Geist , der durch Schmerzen geläutert ist , über das Alltagsleben hinaus zum Himmel tanzen . Und was wär Weisheit , wenn sie nicht Gewalt brauchte , um sich allein geltend zu machen ? - Jedes Entsagen will sie ja lindernd ersetzen , und sie schmeichelt Dir alle Vorteile ihres Besitzes auf , während Du weinst um das , was sie Dir versagt . Und wie kann uns das Ewige gelingen , als nur wenn wir das Zeitliche dran setzen ? Alles seh ich ein und möchte alle Weisheit dem ersten besten Ablaßkrämer verhandeln , um Absolution für alle Liebesintrigen , die ich mit Dir noch zu haben gedenke . 11. März Ach , wenn mich die Liebe nicht hellsehend machte , so wär ich elend , ich seh die gefrornen Blumen an den Fensterscheiben , den Sonnenstrahl , der sie allmählich schmilzt , und denke mir alles in Deiner Stube , wie Du auf- und niederwandelst , diese gefrornen Landschaften mit Tannenwäldchen und diese Blumenstöcke sinnend betrachtest . - Da erkenne ich so deutlich Deine Züge , und es wird so wahr , daß ich Dich sehen kann ; unterdessen geht die Trommel hier unter dem Fenster von allen Straßen her und ruft die Truppen zusammen . 15. März Staatsangelegenheiten vertraut man mir nicht , aber Herzensangelegenheiten , - gestern abend kam noch der liebe katholische Priester , das Gespräch war ein träumerisch Gelispel früherer Zeiten ; ein feines Geweb , das ein sanfter Hauch wiegt in stiller Luft . » Das Herz erlebt auch einen Sommer « , sagte er , » wir können es dieser heißen Jahreszeit nicht vorenthalten und Gott weiß , daß der Geist reifen muß wie der goldne Weizen , ehe die Sichel ihn schneidet . « 20. März Ich bin begierig , über Liebe sprechen zu hören , die ganze Welt spricht zwar drüber , und in Romanen ist genug ausgebrütet , aber nichts , was ich gern hören will . Als Beweis meiner Aufrichtigkeit bekenne ich Dir : auch im Wilhelm Meister geht mir ' s so , die meisten Menschen ängstigen mich drin , wie wenn ich ein bös Gewissen hätte , da ist es einem nicht geheuer innerlich und äußerlich , - ich möchte zum Wilhelm Meister sagen : » Komm , flüchte Dich mit mir jenseits der Alpen zu den Tirolern , dort wollen wir unser Schwert wetzen und das Lumpenpack von Komödianten vergessen , und alle Deine Liebsten müssen denn mit ihren Prätensionen und höheren Gefühlen eine Weile darben ; wenn wir wiederkommen , so wird die Schminke auf ihren Wangen erbleicht sein , und die flornen Gewande und die feinen Empfindungen werden vor Deinem sonneverbrannten Marsantlitz erschaudern . Ja , wenn etwas noch aus Dir werden soll , so mußt Du Deinen Enthusiasmus an den Krieg setzen , glaub mir , die Mignon wär nicht aus dieser schönen Welt geflüchtet , in der sie ja doch ihr Liebstes zurücklassen mußte , sie hätte gewiß alle Mühseligkeiten des Kriegs mit ausgehalten und auf den rauhen Alpen in den Winterhöhlen übernachtet bei karger Kost , das Freiheitsfeuer hätte auch in ihrem Busen gezündet und frisches , gesünderes Blut durch ihre Adern geleitet . - Ach , willst Du diesem Kind zulieb nicht alle diese Menschen zuhauf verlassen ? - Die Melancholie erfaßt Dich , weil keine Welt da ist , in der Du handeln kannst . - Wenn Du Dich nicht fürchtest vor Menschenblut : - hier unter den Tirolern kannst Du handeln für ein Recht , das ebensogut aus reiner Natur entsprungen ist , wie die Liebe im Herzen der Mignon . - Du bist ' s , Meister , der den Keim dieses zarten Lebens erstickt unter all dem Unkraut , was Dich überwächst . Sag , was sind sie alle gegen den Ernst der Zeit , wo die Wahrheit in ihrer reinen Urgestalt emporsteigt und dem Verderben , was die Lüge angerichtet hat , Trotz bietet ? - O , es ist eine himmlische Wohltat Gottes , an der wir alle gesunden könnten , eine solche Revolution : er läßt abermals und abermals die Seele der Freiheit wieder neugeboren werden . Siehst Du , Meister , wenn Du heute in der sternhellen kalten Nacht Deine Mignon aus ihrem Bettchen holst , in dem sie gestern mit Tränen um Dich eingeschlafen war ; Du sagst ihr : » Sei hurtig und gehe mit , ich will allein mit Dir in die Fremde ziehen « ; o , sie wird ' s verstehen , es wird ihr nicht unglaublich vorkommen , Du tust , was sie längst von Dir verlangte , und was Du unbegreiflich unterlassen hast