er ging hinunter . Er wußte nicht , was er drunten wollte . Im Gebüsch flatterte ein halb zerrissenes feines Brief-Papierblatt . Er nahm es , es war von weiblicher Hand und enthielt eine aus einem fremden Briefe kopierte Stelle , wie er aus den sogenannten Gänsefüßen ersah . Ein halbes Blatt , ein entzweigeschlitztes , eine Kopie eines zweiten Briefes - einen ersten hätt ' er nie gelesen - konnt ' er wohl ansehen und lesen : » - Blumen entzwei . Glaub es mir . O wie leicht und froh verschmerzt man eignen Schmerz ! Wie so schwer den fremden , den man , wiewohl schuldlos und gezwungen , hergeführt ! Wie kann ein Wesen , das doch auch ein schlagendes Herz hat , ganze Völker weinen lassen , wenn schon der erste Unglückliche , den man machen müssen , so wehe tut ? Verbirg und verschweige aber meine Klage gewissenhaft , damit sie nicht meinen Vater quäle , der so leicht alles erfährt ! Doch du tust es ohnehin . Indessen steht mein Entschluß so fest als je ; nur will ich ihn bezahlen durch Schmerzen . Ich kann jetzt nichts tun als leiden und besser werden , ich gehe häufiger in die Kirche , ich schreibe öfter an meine Mutter , ich bin gefälliger gegen meinen Vater , gegen jede Menschenseele . Denn es gehört sich , daß ich , da mir die Kirche befiehlt , Freuden zu nehmen , es anderswo einbringe , wo sie es erlaubt , einige zu vermehren . Meine haben längst aufgehört und früher , als ich Ihn verloren . - O sei Du glücklich , meine liebe Raphaela ! - Daraus kannst du sehen , Schönste , wie diese Wunde meiner W. mein zu weiches Herz zerdrücken muß . Leb wohl ! Das goldne Herz , wenn Du es nicht schon beim Schmied bestellet hast , muß durchaus drei Lot wiegen . Den Hasenbrecher und das Armband hat meine Mutter bekommen . Deine Raphaela . « Walt wurde unter dem Lesen aus seinem Fenster namentlich gerufen von Vult mit den freudigsten Mienen ; er las es unterwegs gar aus . » Du kannst « , fing jener lustig an , » meine eustachische Famas-Trompete ? - Nämlich meine kumäische Sibylle der Vergangenheit ? Das heißet meine Mietfackel ? - Himmel , verstehest du mich noch nicht ? Ich meine meine historische Oktapla und acht partes orationis ( denn so viele Mädchen sinds ) ? Zum Henker , die Schnappweife ? Die Pension nämlich ! Von dieser nun erfahr ich eben folgendes aus reinster Quelle , weil der General , der sie zuweilen besucht , ihr , wie alle Neugierige , ebensoviel vorerzählt als abhorcht . Genau genommen , ists die Dogaressa und Direktrice der Mädchen , die dem General für ein paar Neuigkeiten und Höflichkeiten geradesoviel Töchterseelen opfert , als mir referieren , acht . Es war vorgestern , daß der General sein Wiegenfest beging und nach seiner Sitte das hl . Abendmahl vor seinem Mittagsmahl nahm und darauf der Seelen-Arzenei viel nachtrank . Die Tochter muß allemal mit beichten . Ich weiß nicht , ob du viel mit ausschweifenden Großen umgegangen , zu welchen Mönche am leichtesten sagen wie zu Hunden : faites la belle , für welche der Ohrenbeichtstuhl das Absonderungsgefäß ihres geistigen Übertrunks und Überfraßes ist , und welche , wie der Norden , ihre Bekehrung den Weibern verdanken , willst du anders Ludwigs XIV. letzten Stunden glauben . Kurz der General mag so etwas sein . An seinem Geburts- und Beicht-Tage liebt ' er von jeher seine Tochter ganz besonders , weil er eine Art Taufwasser - um zwei entlegne Sakramente durch Flüssigkeiten zu vereinen - den ganzen Tag unter der Gehirnschale dem Kopfe aufgießet . Er hat überhaupt das Gute , daß er aufrichtig gut gegen sie ist ; er sieht ihr sogar nach , daß sie der ihm verhaßten protestantischen Mutter in Leipzig anhängt . Da er nun so den ganzen Tag mit seiner Beicht- und Vater-Tochter beisammen bleibt : so trinkt und weint er sehr . Er foderte jetzt Rechenschaft von ihr , warum sie noch so trauerte , daß sie fast den Grafen mehr zu lieben schiene als ihren Gott und die hl . Kirche und ihren Vater . Sie antwortete heftig : das sei es am wenigsten ; sogar dem Kirchenrate Glanz , der öfters mit ihr über den hl . Glauben gesprochen , habe sie nur höflich zugehört ; den Grafen aber nicht mehr geliebt als jeden guten Menschen ! Zablocki fragte erstaunt , warum sie ihn , bei ihrer Freiheit der Wahl , doch heiraten wollen . Ich dachte , sagte sie , ich könnt ' ihn vielleicht zu unserer Religion durch rechtes Aufopfern bringen . Walt ! einen Philosophen bekehren ! Tauft und tonsuriert lieber eine Perücke ! - Der General lächelte und weinte zugleich vor Lust , lief aber immer mehr auf das weiche zarte Wesen Sturm , stieg ins offne Herz und holte sich das zweite Geheimnis . Sie hoffte nämlich , ihrer abgeschiedenen protestantischen Mutter ( und wohl dem verschuldeten Vater ) zuzeiten ein Kopfkissen aus dem reichen Ehebette zuzuwerfen ; gestand es aber ohne Metaphern . Da konnte sich der trunkene Vater nicht enthalten , zu schwören , ihm solle lieber ein Traubenschuß in den Magen fahren , oder sein Warschauer Prozeß verloren gehen , woll ' er je einem solchen seelentreuen Kinde etwas abschlagen oder aufdringen . Und so weiter ! Bist du getröstet ? « Walt schwieg ; Vult bat ihn um das zerrissene Blatt in seiner Hand . Er las es froh und fand darin seinen Bericht besiegelt und machte seinen Spaß über Raphaelens weibliche Weise , Herz und Wäsche , Größtes und Kleinstes ineinanderzustecken . Aber Walt sagte , eben das , so wie ihr Erzählen , beweise , daß die Weiber mehr episch seien , die Männer hingegen lyrisch . Ein Läufer Zablockis kam hinein und meldete , er