entweder wieder aus einander zu wickeln oder zu zerschneiden , und seine Stärke in der eristischen Vexierkunst153 vor den Athenern , den großen Liebhabern von Hahnen- und Sophistenkämpfen , auszulegen . - Ich merke , liebe Laiska , daß ich zu verstimmt bin , um dich , wenn ich so fortführe , nicht sehr übel zu unterhalten : also lebe wohl , du Einzige , und vergiß der Abwesenden nicht . 55. Lais an Aristipp . Nein , unglücklicher , aber guter und bei aller deiner Schwäche edelmüthiger Kleombrot , du sollst nicht vergessen werden ! Und wenn noch etwas von dir übrig ist , dem es wohl thut wenn deine Freunde sich deiner oft mit Liebe und Wehmuth erinnern , so nimm diesen Trost mit dir hinüber in das bessere Leben , das dich dein Sokrates hoffen ließ ! Wer hätte sich diesen Ausgang einbilden können , lieber Aristipp ? - Und doch dringt sich mir zuweilen der Gedanke auf , wir hätten es sollen . Aber wer selbst wenig Anlage zu irgend einer Art von Schwärmerei hat , kann sich nie lebendig genug in einen solchen Kopf hineindenken , und läßt sich nicht träumen , was für Unheil er in einem mit lauter Zunder und Brennstoff angefüllten Gemüth anrichten kann . Meine größte Sorge ist jetzt , die zarte Musarion stufenweise zu der fatalen Nachricht vorzubereiten . Erst wenn sie sich nach und nach an den Gedanken , daß er nicht mehr ist , gewöhnt hat , darf sie die Art seines Todes erfahren . Ich traue dir zu , du werdest gern hören , daß Kleonidas mir einen guten Theil dessen , was ich durch deine Neigung zum Landstreichen entbehre , zu ersetzen sucht ; und dafür wirst du so artig seyn , auch ihm und mir zuzutrauen , daß er nicht unglücklich in dieser Bemühung seyn könne . Begeistert von dem Antheil , den wir alle an dem Schicksal deines unglücklichen Freundes nehmen , und von Platons Schilderung der Todesstunde des Sokrates , hat er mir die Ideen zu zwei großen Gemälden mitgetheilt , womit er beiden ein Denkmal zu stiften gesonnen ist . Zum ersten hat er bereits eine leichtgefärbte Zeichnung entworfen , die mir seinen Gedanken glücklich zu symbolisiren scheint . Die Scene ist ein weit in die See hervorragender kahler Felsen , an einem wilden klippenvollen Strande , den reizenden Ufern einer entfernten , aus dem warmen rosigen Duft eines stillen Sommerabends , wie unter einem durchsichtigen Schleier , hervorscheinenden Landschaft gegen über . Kleombrot , von der Reue in Gestalt einer Erinnys mit Schlangengeißeln verfolgt , stürzt sich von der Spitze des Felsens herab : aber ein freundlicher Genius , mit mächtigen Flügeln über der schäumenden Brandung schwebend , ist bereit , den Fallenden in seine gegen ihn ausgebreiteten Arme aufzufassen , um ihn an das entgegen liegende Ufer der Insel der Seligen zu tragen , wo Sokrates , zwischen Pythagoras und Solon , von verschiedenen andern Weisen und Heroen der Vorzeit umgeben , aus einem lieblichen Hain ihm entgegen zu kommen scheint . Unter das Bild soll mit goldnen Buchstaben geschrieben werden : er war in Aegina und ist nun bei Sokrates . Um den Tod des Sokrates so wahr als nur immer möglich darzustellen , wird er nächstens eine Reise nach Theben , Athen und Megara unternehmen , und sich mit den vorzüglichsten Freunden des Weisen , mit Kriton , Kritobul , Apollodor , Aeschines , Antisthenes , Cebes und Euklides bekannt machen , um Zeichnungen nach dem Leben von ihnen zu nehmen , damit er sie in dem großen Gemälde desto richtiger bezeichnen , gruppiren und in Handlung setzen könne . Um den lieben Plato auch hier nicht leer ausgehen zu lassen , soll einer aus der Gruppe , die am entferntesten von der Hauptperson ist , seinen Nachbar mit dem Ausdruck der Verwunderung fragen : wo bleibt Plato ? und der andere wird mit Achselzucken antworten : es heißt er sey unpäßlich.154 Du siehest , Aristipp , wem Kleonidas durch dieses Parergon155 einen kleinen Liebesdienst zu erweisen hofft ? - Der Einfall verdiente wenigstens einen Kuß , hör ' ich dich sagen . Auch bekam er ihn , in deinem Namen , auf der Stelle . Aber - wie es zuging weiß ich selbst nicht recht - es mußten wohl ein paar Nektartropfen zu viel darein gekommen seyn ; denn - wir wurden beide ein wenig davon berauscht . - Lass ' dir sagen , Freund Aristipp , - es ist ein gefährlicher Mensch , dein Kleonidas ; du hättest ihn wohl können zu Hause lassen ! Mein Unstern fügte es , als ich zu Athen war , daß Plato die ganze Zeit über abwesend seyn mußte ; denn nun sehe ich erst , wie schmeichelhaft mir seine Eroberung gewesen wäre . Sein Buch hat mir eine große Meinung von der Feinheit seines Geistes und von seinem Dichtergenie gegeben . Wahr ist ' s , man müßte den Sokrates gar nicht gekannt haben , wenn man nicht sehen sollte , daß Plato sich große Freiheiten mit ihm herausnimmt ; und ich wollte selbst meinen besten Halsschmuck dran setzen , er habe bei aller seiner Redseligkeit nicht den dritten Theil von allem dem gesagt , was ihn der junge Schwätzer grübeln und subtilisiren läßt . Indessen ist doch nicht weniger wahr , daß er die Eigenheiten seines Meisters mit vieler Gewandtheit nachzuahmen weiß ; und wiewohl er sie überhaupt ( was den Nachahmern gewöhnlich zu begegnen pflegt ) merklich übertreibt , so ist doch an vielen Stellen das Originale und Auszeichnende im Ton und in der Manier des Alten gar nicht zu verkennen . Aber was mir von diesem Schriftsteller , und dem , was er uns seyn könnte wenn er wollte , den größten Begriff gibt , ist die Darstellung der letzten Stunde seines Helden , von dem Augenblick an , wo er sagt : es werde nun Zeit für ihn seyn , ins Bad zu gehen .