es unfehlbar nur sein unglücklicher Vater hätte sein müssen - ein anderer , den gleichfalls der Schneesturm überfallen , ein von einem deutschen Domherrn und seinem Diener damals erst vor einigen Wochen in Saint-Remy begrabener , ein Deutscher , Friedrich von Asselyn genannt - Den Namen hatte er deutlich und richtig aufgeschrieben ; er stand in Saint-Remy auf meinem vom Bruder Franz gesetzten Grabstein - ... « Die Freunde konnten an dieser Stelle nichts thun , als sich gerührt die Hände drücken ... » Weinen durfte ich bei der Erzählung des Jünglings - denn sein Leid hätte jeden gerührt ... Mein Weinen war aber ein Weinen der Freude , das der junge Geistliche nicht begreifen konnte ... Ich rief ihm , da mein Entschluß , mein Geheimniß zu hüten , so lange deine Mutter lebte , feststehen sollte : Ich kann dir nicht sagen , mein Vincente , daß dein Vater lebt ; aber glaube mir , die Stunde der Trauer , als alles dir zu sagen schien : Du findest ihn , wenn auch im schreckhaftesten Bild des Todes , und du sahst dich dann doch in deiner schmerzlichen Hoffnung getäuscht - diese Stunde , mein Sohn , wird dir gelohnt werden mit ewigen Himmelskronen ! ... Der Jüngling deutete alles im Bilde ... Ich wurde ihm näher verbunden und tiefer verloren wir uns in die großen Aufgaben des Lebens ... Von dieser Zeit an erhob sich mein Inneres zum Dank gegen Gott ... Denn Dank gegen Gott , das ist das Gefühl , dessen Ausdruck wir tausendmal im Munde führen und doch nur selten verstehen , selten in die Ursachen seiner wahren Beseligung zergliedern können ... « Wieder hielten die Freunde inne ... Wieder besiegelte ihr Händedruck den gottgeschlossenen Bund ihres Lebens ... » Nun wagte ich , auch an die Läuterung Anderer , an die der Kirche zu denken ... Gräfin Erdmuthens Glaube überträgt unser Glück auf die Wohlthat der Erlösung durch die Gnade ... Dies Bild der Gnade begriff ich und pries am Glauben der Protestanten , daß sie , die so Vieles aufgaben , was sie noch wie andere Christen hätten hüten und tragen sollen , sich das Bewußtsein einer fast persönlichen Wahl und Führung Gottes gewonnen hatten ... Ich sah die Hand der Vergebung vor mir , ich fühlte an mir selbst die wider Verdienst geschenkte Gnade des großen Erlösungswerkes ... Nun verstand ich die reinen , andächtigen Bücher der Waldenser , kindliche Hingebungen an die Schrift ... Die Bibel wurde mir ein Buch göttlich geführter Menschenschicksale ... Liebe , Glaube und Hoffnung wurde mein Evangelium ... - Warum mehr ? Und wozu irgend etwas , was nicht auf diesem Grunde ruht ? ... So lehrte ich an manchen Tagen unter meinen alten Eichen und die Menschen kamen von nah und von fern , bis die Verfolgungen sie hinderten ... Da hätt ' ich denn schon den wirklichen Tod suchen können , wenn in dieser Welt auf solchen Drang der Tod gesetzt ist ... Immer entschlossener theilt ' ich die Ueberzeugung der Gräfin , daß das Verderben der Welt der Stuhl des Antichrists in Rom ist ... Die Fortschritte der Bibelverbreitung , das Wirken englischer Missionäre gerade auf italienischem Boden , die enge Verbindung zwischen Politik und Religion gerade in diesem Lande , der erwachende Freiheitsdrang Italiens , der nur allein über die Zerstörung der Priesterherrschaft Roms hinweg sein ersehntes Ziel des Volks-und Bürgerwohls erringen kann , alles das erfüllte mich mit hoher Spannung ... Ja , in einer solchen Stunde kam mir der Gedanke , nicht allein meinen zweiten Sohn , Vincente Ambrosi , für die Sache einer großen Reform zu gewinnen - ihn nannt ' ich auch in diesem Sinn schon mein - sondern auch meinen ersten , der , wie ich hörte , in die Netze der Römlinge gefallen war ... Noch schob ich es auf , bis ich hörte , daß sich Dein Wahn sogar an den Unternehmungen jenes Kirchenfürsten betheiligte , von denen mir die Gräfin in höchster Aufregung leidenschaftlichster Parteinahme für den gekrönten Vorkämpfer des Protestantismus in Deutschland erzählte ... Da schrieb ich dem Bruder Franz und dir , Bonaventura , sub sigillo confessionis eine Aufforderung zu einem Tag des Concils unter den Eichen von Castellungo ... Es war eine That , die selbst die Möglichkeit , mich , deine Mutter , uns alle zu beschämen , nicht scheute , eine That der Uebereilung gewiß , geschehen in jener alten Hast , die ich noch nicht ganz überwunden hatte - Ach , es sollten Prüfungen kommen , die mein Blut in ruhigere Wallung , mein Denken in kühlere Erwägung brachten - ... « Cardinal Ambrosi mußte bestätigen , daß Bonaventura ' s Vater schon damals von seiner baldigen Entfernung aus Castellungo gesprochen ... Die Geständnisse kehrten auf den in heftigste Erregung gerathenen , auf und niederschreitenden Vincente selbst zurück ... » Wie aber erreicht man ein allgemeines Concil ? Wie setzt man die Majestät dreier Jahrhunderte des Lichts zum Richter über das Concil von Trident ? Arme Mönche und Landpfarrer haben keine Stimme im Rath der Kirche ! Ein Cardinal , ein Papst muß es sein , der dem Schöpfer das Wort nachstammelt : Es werde Licht ! Und wie wird man Cardinal , wie Papst - ! - So sprach mein Schüler eines Tags mit bebender Stimme . Dazu sind alle Wege offen ! erwiderte ich lächelnd . Keiner ist freilich sicher ! Einer , setzte ich hinzu , wäre neu , der : In Rom ein Mönch im alten Sinn der Väter zu sein ! Werde ein Heiliger , mein Sohn ! sprach ich ... Das will ich werden ! antwortete Vincente ... Ich erschrak , ergriff seine Hand und fuhr fort : Mein Sohn , kein Urtheil über die Menschen und Dinge dieser Erde darf dann früher über deine Lippen kommen , bis die kühle Erde oder der Purpur deine Stirn bedeckt ! Das schwör ' ich zum dreieinigen Gott ! sprach Vincente Ambrosi und