sie in meiner Absicht , als Einsiedler in ihrer Nähe zu leben , nichts Auffallendes finden ... « In Bonaventura ' s Innern klangen die Lieder des Dichters Novalis ... Sein Vater klagte sich nur allein an ... Was sein träumerischphantastischer Sinn hätte aus dem Geist der Zeit entschuldigen können , ergänzte nur die Liebe und Bildung des Sohnes ... » Die Gewissensschuld , der Schmerz um meine That auf dem Hospiz , die Gewißheit , daß aus meinem geglaubten und bestätigten Tode bereits ein neues Leben in der aufgegebenen Heimat erblüht war ( die Gräfin erzählte mir von einer Heirath des Präsidenten von Wittekind , eines Cousins der reichen Erbin , mit der sie zu processiren angefangen - eine Zeitungsannonce nannte den Namen der Gattin Friedrich ' s von Wittekind - ) alles das gab mir eine tiefe Traurigkeit und mehrte den Abschluß mit dem Leben ... So entstand die Neigung , mich um die Lehre der Waldenser zu kümmern ... Gräfin Erdmuthe gab mir die alten Schriften , die sie gesammelt hatte und die in ihrem Text vielleicht niemand so verstand , wie ich ... « Auch Ambrosi war in ein tiefes Erinnern versunken und schien kaum zuzuhören ... Bonaventura chiffrirte inzwischen für sich weiter und las ... Die Darstellung des Vaters lenkte jedoch auf jene Empfindungen zurück , die sich in Ambrosi ' s Innern angesponnen haben mußten ; deshalb begann der Freund aufs neue die laute Mittheilung ... » Ich würde vergebens gerungen haben , aus meinen durch die Ehegesetze geweckten Zweifeln an Roms Hierarchie zu einer Versöhnung mit dem ewigen Grund aller Dinge , der in unserm Gewissen den einzigen Weg zu seiner Erkenntniß vorgezeichnet hat , zu gelangen , wenn nicht ein wunderbares Erlebniß mich zum Frieden mit mir selbst gebracht hätte ... Alle Schätze der Erde sind nichts gegen die Seligkeit eines erlösten Schuldbewußtseins ... Dann streckt jubelnd die Dankbarkeit ihre Hände gen Himmel und ruft : Verhängniß , Zufall oder wie dein Name sein mag , ewiges Gesetz des Lebens , ich bringe dir den Dank einer befreiten Seele bis in den Sphärensang der Sterne - ! ... Unter den vielen , die in meine Waldhütte kamen , um sich Raths zu erholen , wie ich ihn grade geben konnte , kam auch ein anmuthiger Jüngling ... Seine Mienen hatten einen melancholisch trauernden Ausdruck ... Ich konnte ihn nicht sehen , ohne sogleich mit tiefster Wehmuth auch deiner zu gedenken ... Es war verboten , daß sich die geistlichen Schüler von Robillante , überhaupt rechtgläubige Seelen meiner Hütte nahten - dennoch geschah es - ich wurde ein Beichtiger wider Willen ... Auch diese Schüler , die sich oft in den Wäldern tummelten , gingen nicht , ehe ich nicht jedem gethan oder gerathen , wie und was er wollte ... Vielen Umwohnern mußt ' ich Briefe schreiben , andern über ihre Geldsachen rathen , manchen lehrte ich die Sprachen , auch deutsch - Knaben wie Mädchen ... Jener Schüler aus Robillante wollte Deutsch lernen ... Die Gabe der Sprachen schien dem jungen Novizen versagt ; desto reger war sein Forschereifer in Aufgaben der Phantasie und des Gemüths ... Vincente Ambrosi wollte Mönch werden ; ich that nichts , um ihn in diesem Entschluß wankend zu machen , kämpfte auch nicht gegen seinen Glauben , den er mit Hingebung und innerlich ergriff ... In ihm liebte ich dich ... Schon lange bewohnte ich meine einsame Hütte und war noch ohne Seelenruhe , immer noch gefoltert vom Hinblick auf den Sanct-Bernhard und meinen Betrug ... Meine Thränen feuchteten oft mein nächtliches Lager ... Oft trieb es mich , nach dem Hospiz zurückzukehren und nach allem zu forschen , was seither dort geschehen war ... Aber die Vorstellung : Deine Gattin hat sich mit dem Freund vermählt und darf nicht in Bigamie leben ! schreckte mich ; man konnte mich erkennen ; diese einsam wohnenden Mönche behalten die wenigen Eindrücke , die ihnen werden , desto lebhafter ... Immer und immer aber sah mein gefoltertes Gewissen die größten Verwickelungen entstanden aus den verwechselten Portefeuilles , aus dem Hinlegen meines Ringes unter die Sachen , die einem andern gehörten , dessen Spur nun verloren und der , für mich geltend , begraben wurde ... Was half mir das Glück meines äußeren Schicksals , die liebevolle Sorge und der Schutz meiner Gräfin - ... Mir fehlte Seelenfriede ... Diesen fand ich erst , als mich wieder jener Priesterzögling besuchte , der oft in diese Gegend Almosen zu suchen ausgeschickt wurde ... Er klagte über die Nichtbefriedigung seines Innern und erschloß mir zum ersten mal , warum sein Gemüth stets so krank , sein Sinn so traurig war ... Er hatte bei unsrer ersten Begegnung früher Deutsch von mir lernen wollen , weil er nur zu sehr bedauerte , es in einer ernsten Sache , von der er damals nicht sprach - es ließ sich an den Selbstmord des Vaters denken - nicht verstanden zu haben ... Er wäre das einzige Kind seiner Aeltern ; seine Mutter , eine Frau von hoher Bildung , wäre eben aus dem Leben geschieden gewesen , sein Vater , Lehrer der Mathematik am Colleg zu Robillante , um sich in seinem tiefen Schmerz aufzurichten , hätte ihn ins Seminar gegeben und eine Fußreise in die Alpen angetreten ... Um die Savoyer und Deutschen Alpenzu vergleichen , hätte er vier Wochen ausbleiben wollen und wäre nicht zurückgekehrt ... Da alle Nachforschungen ohne Resultat blieben , machte sich nach einigen Monaten der Sohn auf den Weg , um wenigstens Einiges über des Unglücklichen Schicksal in Erfahrung zu bringen ... Der Vater war die Straße über den kleinen Bernhard , den Bernhardin , gegangen , hatte von da aus die Walliser , die Berner Alpen besucht - überall fand er des Vaters Spuren , auch auf der Heimkehr noch am Genfersee , noch in Martigny , ja bis zum Hospiz hinauf ... Da war dann plötzlich derjenige , von welchem er geglaubt hatte , daß