inzwischen hier verzweifeln ? “ fragte die junge Frau leidenschaftlich . „ Nimm mich mit ! Ich bin nicht schwach , Du weißt es – von mir hast Du keine Thränen und Ohnmachten zu fürchten , wo es Thaten gilt , und ich ertrage Alles , nur nicht die furchtbare Ungewißheit und Unthätigkeit , nur nicht das angstvolle Harren auf eine Nachricht , die tagelang ausbleiben kann . Ich begleite Dich . “ „ Eleonore , um Gotteswillen ! “ fiel Erlau entsetzt ein , „ Welch eine Idee ! Das würde Dir den Tod geben . “ Reinhold sah seine Frau einige Secunden lang schweigend an , als wolle er prüfen , wie weit ihre Kraft gehe . „ Kannst Du in zehn Minuten fertig sein ? “ fragte er rasch . „ Der Wagen wartet unten . “ „ In der Hälfte dieser Zeit . “ Sie eilte in das Nebenzimmer ; der Consul wollte nochmals verbieten , bitten , beschwören , aber Reinhold schnitt ihm das Wort ab . „ Lassen Sie sie gewähren , wie ich es thue ! “ sagte er energisch . „ Wir können jetzt nicht der kalten Ueberlegung Raum geben . – Ich sehe meinen Bruder nicht hier , und mir fehlt die Zeit , ihn aufzusuchen . Sagen Sie ihm , was geschehen ist , was ich entdeckt habe . Er soll hier unverzüglich die nöthigen Schritte thun , um uns die Hülfe zu sichern , die wir vielleicht brauchen , und uns dann folgen . Wir nehmen für ’ s erste den directen Weg nach A. Dort wird Hugo weitere Nachrichten von uns finden . “ Er wandte sich , ohne eine Antwort abzuwarten , nach der Thür , wo Ella bereits in Hut und Mantel erschien . Die junge Frau warf sich mit einem kurzen , stürmischen Abschiedsgruße an die Brust ihres Pflegevaters , dessen Protest nicht gehört wurde , dann folgte sie ihrem Gatten . Erlau sah vom Fenster aus , wie Reinhold sie in den Wagen hob , ihr dann nachfolgte und den Schlag zuwarf , wie der Wagen mit Beiden im vollsten Galopp davonbrauste – das war zu viel für die noch immer angegriffenen Nerven des alten Herrn , zumal nach der Angst und Aufregung der letzten Stunden ; fast betäubt sank er in einen Lehnstuhl . Kaum zehn Minuten später trat Hugo ein ; er hatte von einem der Diener bereits die plötzliche Ankunft seines Bruders und dessen ebenso plötzliche Abreise mit Ella erfahren ; auf seine hastigen Fragen erst kam Erlau wieder etwas zu sich . Er war außer sich über den Entschluß seiner Pflegetochter , noch mehr aber über die Eigenmächtigkeit ihres Gatten , der sie so ohne Weiteres mit sich genommen hatte . Ankunft , Erklärung , Abreise , das Alles war ja wie im Sturmwinde geschehen ; diese Handlungsweise glich einer förmlichen Entführung . Und was sollte die junge Frau auf einer solchen Reise ? Was konnte da Alles vorfallen , was geschehen , wenn sie nun wirklich diese entsetzliche Italienerin erreichten ? Der Consul war bei dem Gedanken an all die Möglichkeiten , denen sein Liebling ausgesetzt war , nahe daran , zu verzweifeln . Hugo hörte schweigend den Bericht mit an , ohne besonderes Erstaunen oder Entsetzen zu verrathen . Er schien so etwas erwartet zu haben , und als Erlau geendigt hatte , legte er beschwichtigend die Hand auf dessen Arm und sagte ruhig , aber doch mit einem leichten Beben der Stimme : „ Lassen Sie es gut sein , Herr Consul ! Die Eltern sind jetzt auf der Spur ihres Kindes ; da werden sie hoffentlich den Kleinen finden und – sich auch . “ Die steilen Windungen der Bergstraße hinauf , die durch das Gebirge nach A. führte , bewegte sich ein Wagen . Er kam trotz der vier kräftigen Pferde und der ermunternden Zurufe des Führers nur langsam vorwärts . Es war hier eine der schlimmsten Stellen des ganzen Gebirges . Die Insassen des Wagens , ein Herr und eine Dame , waren ausgestiegen und hatten einen Fußpfad eingeschlagen , der den Weg fast um die Hälfte abkürzte , sie standen bereits oben auf der Höhe , während das Gefährt sich noch in ziemlicher Entfernung von derselben befand . [ 605 ] „ Erhole Dich , Ella ! “ sagte der Herr , indem er die Dame in den Schatten der Felswand geleitete . „ Die Anstrengung war zu groß für Dich ; warum bestandest Du auch darauf , den Wagen zu verlassen ? ! “ Die junge Frau hielt den starren trostlosen Blick noch immer auf die Bergstraße gerichtet , die sich von der andern Seite in das Thal hinabsenkte , und deren Windungen man zum Theil übersehen konnte . „ Wir waren doch immerhin eine Viertelstunde eher auf der Höhe , “ entgegnete sie matt . „ Ich wollte den Weg überblicken , vielleicht schon – den Wagen entdecken . “ Reinhold ’ s Blick verfolgte dieselbe Richtung , in der gleichwohl nichts zu entdecken war als zwei Männergestalten , dem Anscheine nach Landleute , die , rüstig berganwärts steigend , bald in den Biegungen der Straße verschwanden , bald wieder darin auftauchten . „ So nahe können wir ihnen wohl noch nicht sein , “ sagte er beruhigend , „ obgleich wir seit gestern Abend fast geflogen sind . Du siehst wenigstens , daß wir der rechten Spur folgen . Beatrice ist überall gesehen worden und das Kind an ihrer Seite . Wir müssen sie einholen . “ „ Und wenn es geschieht – was dann ? “ fragte Ella tonlos . „ Unser Knabe ist ja schutzlos in ihren Händen . Gott weiß , welche Pläne sie mit ihm verfolgt . “ Reinhold schüttelte den Kopf . „ Pläne ? Beatrice handelt nie nach Plan oder Berechnung . Der Impuls des Augenblicks allein entscheidet bei ihr Alles . Der Gedanke an die Rache ist in ihr aufgeblitzt , und blitzschnell