? “ „ Ich bedaure , sie ist nur für mich allein bestimmt . “ Raven wendete sich ab und trat an das Fenster ; als er sich nach wenigen Minuten wieder umwandte , lag eine fahle Blässe auf seinem Gesichte . „ Das heißt also , man bindet mir vollständig die Hände . Wenn die Revolte sich wiederholt und die Polizei zu deren Bewältigung nicht ausreicht , so bin ich machtlos und die Stadt ist preisgegeben . “ Wilten zuckte die Achseln . „ Ich bin Soldat , Excellenz , und muß gehorchen . “ „ Allerdings , Sie müssen gehorchen – ich sehe das ein . “ Es folgte eine sehr unbehagliche Pause . Der Oberst schien nach irgend einer Ablenkung zu suchen , aber Raven kam ihm zuvor . „ Wenn die Sache so steht , ist die Rücksprache , die ich mit Ihnen nehmen wollte , überflüssig , “ sagte er mit erzwungener Ruhe . „ Bitte , keine Entschuldigung , ich begreife , daß es Ihnen persönlich sehr peinlich ist , aber Sie können es nicht ändern , also brechen wir davon ab ! – Ich möchte noch eine Privatangelegenheit mit Ihnen besprechen . Sie bereiteten mich darauf vor , daß Ihr Sohn eine Bitte an mich richten würde . Lieutenant Wilten hat sich allerdings noch nicht erklärt , und das war in dieser Zeit der Unruhe und Aufregung auch wohl nicht möglich . “ „ Ganz unmöglich , “ stimmte der Oberst bei . „ Ich habe es Albrecht begreiflich gemacht , daß es ein Mangel an Zartgefühl wäre , wenn er Sie jetzt , wo so Vieles auf Sie einstürmt , mit solchen Dingen behelligen wollte . Er ist auch meinen Gründen gewichen ; überdies muß er morgen abreisen . “ „ So plötzlich ? “ fragte Raven befremdet . „ Wohin denn ? “ „ Er geht in einer dienstlichen Angelegenheit nach M. und wird voraussichtlich mehrere Wochen dort bleiben , “ entgegnete der Oberst , der unter dem finsteren , forschenden Blicke des Freiherrn sichtlich verlegen wurde . „ Ich hatte zwar ursprünglich einen anderen meiner Officiere dazu bestimmt , aber ich kann diesen jetzt nicht entbehren , und mein Sohn als der Jüngste ist am leichtesten abkömmlich . Die besprochene Sache kann also vorläufig ruhen ; später , nach Albrecht ’ s Rückkehr , wird sich ja wieder daran anknüpfen lassen . “ Um Raven ’ s Lippen legte sich ein sehr herber Ausdruck , als er erwiderte : „ Ich wünsche im Gegentheil diese Sache jetzt ein für alle Mal zu erledigen . Meine Schwägerin ist leider nicht im Stande , die Hoffnungen zu erfüllen , die sie dem jungen Baron gemacht hat . Sie hat sich überzeugt , daß ihre Tochter doch nicht genug Neigung für ihn besitzt , um sich zu dieser Verbindung zu entschließen , und weder sie noch ich werden irgend einen Zwang auf Gabriele ausüben . “ „ Das würden wir auch niemals zugeben , “ fiel Wilten eifrig ein . „ Nur keinen Zwang , nur keine Ueberredung in solchen Dingen ! Mir freilich wird es sehr schwer , die langgehegte Hoffnung aufzugeben , und mein Sohn vollends wird außer sich sein , aber wenn er auf keine Gegenliebe hoffen darf , so ist es besser , er entsagt bei Zeiten seiner Neigung . Ich werde ihm ernstliche Vorstellungen deswegen machen . “ [ 450 ] „ Thun Sie das ! “ sagte der Freiherr , dem weder der Eifer noch das erleichterte Aufathmen des Obersten bei der Absage entgangen war . „ Ich bin überzeugt , Sie werden einen gehorsamen Sohn finden . “ Er wandte sich zum Gehen . Der Oberst begleitete ihn artig bis zur Thür und wollte ihm dort in gewohnter Weise die Hand zum Abschiede reichen , aber Raven zog die seinige zurück , verneigte sich kühl und verließ das Zimmer . Draußen auf der Treppe blieb er einen Moment lang stehen und warf einen Blick zurück , während er halblaut sagte : „ Also so weit ist es bereits gekommen ! Man sucht die Verbindungen mit mir zu lösen – es müssen doch eigenthümliche Nachrichten sein , die Wilten empfangen hat . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 28 , S. 466 – 467 Fortsetzungsroman – Teil 20 [ 466 ] Als der Gouverneur aus dem Hause trat und im Begriff war in seinen dort wartenden Wagen zu steigen , bemerkte er den Polizeidirector , der soeben die Straße passirte und sich ihm jetzt näherte . „ Soeben wollte ich mich zu Ihnen begeben , Excellenz , “ sagte er , den Freiherrn begrüßend . „ Ich glaubte Sie in dem Schlosse zu finden . “ „ Ich fahre dorthin , “ erwiderte Raven auf den Wagen deutend . „ Darf ich Sie bitten , mich zu begleiten ? “ Der Polizeidirector nahm die Einladnug an , und die beiden Herren stiegen in den Wagen , der den Weg nach dem Schlosse einschlug . Der Freiherr hörte zerstreut auf die Mittheilungen seines Begleiters . Der stolze Mann ertrug mit verbissenem Grimme diese erste Demüthigung , die ihm auferlegt wurde . Man hatte ihn bisher unumschränkt walten lassen und ihm eine Macht eingeräumt , wie sie kein Gouverneur vor ihm besaß , und jetzt , wo er dieser Macht mehr als je bedurfte , jetzt sah er sich auf einmal in all seinen Entschlüssen gehemmt und gebunden . Man entzog ihm den Beistand , auf den er sich stützte und , nachdem er einmal so weit gegangen war , stützen mußte ; man ließ ihn absichtlich allein im Kampfe mit der rebellischen Stadt – Raven wußte sich dieses Symptom zu deuten . Der Polizeidirector hatte einige Minuten lang von verschiedenen [ 467 ] ziemlich unwichtigen Vorfällen gesprochen , die sich im Laufe