Fenster ; es war so einsam in dem Schlosse , so gespenstig öde in all diesen düsteren Räumen und hallenden Gängen , und es war so kalt und leer in den weiten Sälen und Gemächern des gräflichen Palais in der Residenz , das der alternde Mann jetzt ganz allein bewohnte . Der schmerzlich bittere Zug in seinem Antlitz trat schärfer hervor , als er nach Dobra hinüberblickte , wo jetzt das Einzige weilte , was er auf Erden noch liebte – vielleicht hatte der Prälat dennoch Recht gehabt mit seiner Vermuthung . – [ 269 ] Auch in Dobra hatte während der letzten Zeit eine große und tief eingreifende Veränderung stattgefunden . Fräulein Franziska Reich , gegenwärtig Frau Franziska Günther , residirte dort bereits seit länger als zwei Jahren als Gutsherrin an der Seite ihres Gatten . Die alte Jugendliebe hatte bei Beiden schließlich doch gesiegt , wenn dieser Sieg sich auch freilich auf etwas originelle Weise vollzog und jedenfalls keine Spur jener Romantik an sich hatte , an der Luciens Neigung so reich war , die aber Bernhard sowohl als Franziska für sehr überflüssig hielten . Eine jener häufigen Debatten , die , wie gewöhnlich von irgend einem geringfügigen Anlasse ausgehend , sich bis zum hitzigsten Streite steigerten , in dem Fräulein Reich die ganze Heftigkeit ihres heißblütigen Temperaments entfaltete , während Günther seinerseits es sich angelegen sein ließ , sie mit seiner spöttischen Ruhe auf ’ s Aeußerste zu reizen , hatte ganz urplötzlich mit einer Verlobung geendigt . Bernhard hatte mitten im ärgsten Wortgefecht plötzlich seine Hand auf die ihre gelegt und mit seiner ganzen unverwüstlichen Gelassenheit gesagt : „ Franziska , wir müssen endlich einmal dem ewigen Streite ein Ende machen – das Vernünftigste wäre eigentlich , wir heiratheten uns ! “ „ Das nennen Sie dem Streite ein Ende machen ? “ war die in höchster Entrüstung gegebene Antwort gewesen . [ 270 ] „ Sie meinen , er würde dann erst recht beginnen ? Allerdings keine besonders angenehme Aussicht für mich , indessen ich will es einmal darauf hin wagen . Die Hauptfrage ist nur : wollen Sie mich , Franziska ? “ Die mit diesem lakonischen Antrag Beehrte war anfangs noch immer ziemlich entrüstet über die Idee , ihr mitten im Zanke einen Heirathsvorschlag zu machen , ließ sich aber doch schließlich überzeugen , daß es wirklich „ das Vernünftigste sei “ , und Lucie war nicht wenig überrascht , als ihr der Bruder die Erzieherin , die sie eben noch in der hitzigsten Debatte mit ihm verlassen , zehn Minuten später als seine Braut und ihre künftige Schwägerin vorstellte . Drei Monate später hatte Franziska das Regiment in Dobra angetreten , wie es Günther spottweise nannte , indessen war es Thatsache , daß er und ganz Dobra sich nicht schlechter befanden unter diesem Regiment , obgleich die neue Herrin auch als Frau ihr früheres resolutes Wesen nicht verleugnete . Augenblicklich befand sich der Gutsherr in seinem Zimmer und hatte sich dort in die Zeitungen vertieft , als seine Frau eintrat , sehr erhitzt , sehr eifrig , und fast erdrückt von der Last und Wichtigkeit all der Geschäfte , welche Luciens morgen bevorstehende Trauung nothwendig machte , obgleich diese Trauung in aller Stille und nur vor wenig Zeugen stattfinden sollte . „ Es ist vier Uhr , Bernhard ! “ sagte sie mahnend , „ Du wirst Dich wohl jetzt fertig machen müssen , um nach der Bahnstation zu fahren . “ Günther ließ etwas überrascht die Zeitung sinken . „ Ich nach der Bahnstation ? Weshalb ? “ „ Nun , Du weißt doch , daß wir den Herrn Pastor aus der Residenz heute Abend erwarten . Oder willst Du vielleicht einen der Stiftsherren von drüben zu dem feierlichen Acte morgen herüberholen lassen ? Das würde einen schönen Lärm geben , wir erlebten statt der Hochzeit eine neue Auflage der Excommunication ! “ „ Liebes Kind , das Abholen ist Bruno ’ s Sache , “ erklärte Bernhard sehr gleichmüthig . „ Er hat den ihm befreundeten Geistlichen gebeten , die Trauung zu vollziehen , also schickt es sich auch wohl , daß er ihn bei der Ankunft in Empfang nimmt . “ Franziska zuckte die Achseln . „ Bruno ? Als ob der im Stande wäre , jetzt irgend etwas Anderes zu sehen und zu denken als nur seine Lucie , oder auch nur eine Viertelstunde von ihrer Seite fortzugehen , nachdem er heute Morgen erst angekommen ist ! Du wirst wohl selbst hinfahren und den geistlichen Herrn empfangen müssen , er thut es bestimmt nicht und ein Bräutigam ist ja auch immer entschuldigt . “ „ Ja , Bruno ist jetzt wirklich etwas sehr langweilig für alle Anderen ! “ meinte Günther trocken , indem er seine Blätter zusammenlegte . „ Ich weiß nicht , ob es gerade langweilig ist , wenn Jemand seine künftige Frau anbetet – es giebt mehrere Männer , die sich ein Beispiel daran nehmen könnten ! “ sagte Frau Franziska höchst anzüglich . „ Ich hoffe , Du sprachst nur im Allgemeinen ! Oder sollte mir vielleicht diese freundliche Bemerkung gelten ? “ „ Wie Du es nehmen willst ! So viel steht fest , daß ich mich während meines Brautstandes über eine ähnliche ‚ Langweiligkeit ‘ Deinerseits nicht zu beklagen hatte . “ „ Ja , beste Franziska , verzeih ’ , aber Du bist auch nicht – “ „ ‚ Du bist auch nicht darnach , um angebetet zu werden ! ‘ willst Du wohl sagen ? “ unterbrach ihn Franziska neckend . „ Bewahre ! Wie Du mir die Worte auslegst ! Ich meinte nur , ich bin nicht darnach , solche ‚ Langweiligkeiten ‘ zu begehen , und das wirst Du wohl selbst zugeben müssen . Stelle Dir einmal vor , ich wäre Dir zu Füßen gefallen und hätte Dir eine ideal-romantische Scene , so etwa in Bruno ’ s Stil , vorgespielt , ich glaube , Du hättest mir