, auch seine Schuld auf mich zu nehmen und abzubüßen ! Tante , liebe theure Tante , was kann ich für ihn thun , um ihn auf den Weg des Seelenheils zurückzuführen ? Was in meinen Kräften lag , das ist geschehen ; ich gab meine geringe Habe hin , um ihn aus dem Kerker zu befreien , doch habe ich durch diese irdische Fürsorge die Ruhe meiner Seele noch nicht gewonnen . O , Tante , wenn es mir gelänge , ihn zu belehren , wie sollte die Hoffnung auf ein Wiedersehen vor Gottes Thron mein Gemüth erheben ! Aber er ist fern , er kennt meine Wünsche nicht , nicht mein heißes , inniges Flehen zu Gott und allen Heiligen . Er wird in der Welt umherirren freundlos und liebeleer , und endlich unvorbereitet in seinen Sünden dahinfahren . Armer , armer Gustav , was kann ich für Dich thun ! ? « » Bete für ihn , mein Kind ; vertraue auf die Gnade Gottes und die Fürsprache der Heiligen und bete für ihn und für Dich . Aber mein Kind , schütte im Stillen Dein Herz vor dem Allmächtigen aus und sprich nicht so viel und so laut . Du hast auch Pflichten gegen Dich zu erfüllen . « Ein mehrere Minuten langes Schweigen folgte jetzt . » Wie viel Uhr ist es ? « fragte Johanna , ihre Augen aufschlagend . » Halb zehn , meine Tochter . « » Um zehn Uhr wollte er mit dem ehrwürdigen Vater Sebastian eintreffen , um mich von ihm segnen zu lassen . « » Er wird kommen , baue fest darauf , meine Tochter , denn er sehnt sich nicht minder danach , Dir geistlichen Trost zu gewähren , wie Du , ihn entgegenzunehmen . Seine frommen , erhebenden Worte werden Dich trösten und Gott Dir einen kräftigenden Schlummer senden . « Nach diesen Worten schaute die Oberförsterin mit einer kurzen Bewegung nach der Thür hinüber . Es mußte geklopft haben , denn auf ihr » Herein « öffnete sich dieselbe , und in das Gemach trat mit vorsichtigen Schritten der alte Oberstlieutenant . Ein Lächeln des Willkommens belebte Johanna ' s bleiche Züge , während die Oberförsterin ihrem Gatten die Hand reichte und traurig auf ihren geliebten Schützling deutete . Ja , es war mein Vormund selbst ; er zeigte noch immer die aufrechte , straffe Haltung von früher , allein in seinem Gesicht war eine große Veränderung vor sich gegangen . Der freundliche , joviale Ausdruck , der den alten Krieger so wohl kleidete , war verschwunden und an dessen Stelle ein so tiefer , schweren Gram bekundender Ernst getreten , daß sogar ein unbetheiligter Beobachter nicht auf ihn hätte Hinsehen können , ohne die innigste Theilnahme zu empfinden . Nach der ersten Begrüßung betrachtete er Johanna eine Weile sinnend ; sein langer , weißer Schnurrbart zuckte heftig hin und her und mehrfach fuhr seine Hand nach der Augenklappe , um seine schmerzliche Bewegung dadurch zu verbergen . Dann aber trat er dicht neben Johanna hin und seine Hand behutsam auf ihr Haupt legend , fragte er äußerlich ruhig , wie sie sich befinde . » Viel , viel besser , lieber Onkel , « lautete die mit rührendem Ausdruck gegebene Antwort , » indem meine Seele sich mehr zu Gott hinneigt , schwinden meine körperlichen Schmerzen ; Du glaubst nicht , lieber Onkel , welche treue Stütze die katholische Religion gewährt ; legt sie es doch in die Hand der Menschen , nicht nur für ihr eigenes Seelenheil , sondern auch für das längst Verstorbener Sorge zu tragen . Denke nur an meine armen Eltern , wie glücklich für sie , daß ich ihre Sünden auf meine Schultern nehmen darf . « Der Oberstlieutenant warf einen leeren Blick durch das ganze Gemach , räusperte sich mehrere Male und zupfte an seiner Augenklappe , als wenn er sie hätte abreißen wollen , und dann legte er seine Hand wieder auf Johanna ' s Haupt . » Armes liebes Kind , « sagte er sanft , » laß die Verstorbenen , sie befinden sich bei unserm lieben Herrgott , und da sie ihn von Angesicht zu Angesicht sehen , so ist es ihre eigene Schuld , wenn sie ihm keine guten Worte geben . Kümmere Dich mehr um Deine Krankheit , und nicht um der Pfaffen werd – ich wollte sagen , um die Religion in : Allgemeinen . « Johanna schaute ernst zu ihrem Onkel empor , während ein Blick milden Vorwurfs aus den Augen seiner Gattin ihn streifte . » Onkel , zürnst Du mir ? « fragte Johanna endlich nach Minuten langem Schweigen . » Wie könnte ich Dir zürnen , mein Kind ? Ich zürne Dir nicht , und kämest Du auf den Gedanken , mich auch noch um mein letztes Auge zu bringen . « » Ach , Onkel , wenn Du mich so sehr liebst , dann wirst Du auch auf meine Worte hören , aus meine Worte , die vielleicht die letzten Wünsche einer Sterbenden enthalten . Onkel , Du bist in Deinem Leben vielleicht nie in der Lage gewesen , über die Zukunft nachdenken zu müssen , so wie ich jetzt ; höre daher meine warnende Stimme , kehre um auf dem sündigen Wege , auf welchem Du wandelst , geh ' in Dich , bedenke , Du stehst am Abend Deiner Tage ; aber noch ist es Zeit , und die Freude über einen reuigen Sünder wird im Himmel größer sein , als die über hundert Selige – « » Sprich nicht so viel , mein Kind , ich bitte Dich darum , « unterbrach sie der Oberstlieutenant , vor verhaltenem Grimm und vor Trauer seinen weißen Schnurrbart rücksichtslos zerzausend , » nein , Johanna , Du darfst nicht so viel sprechen , es schadet Dir . Damit Du aber ungestörter bist , werde ich jetzt gehen . Gute Nacht , Schätzchen , sich mich nur nicht