der alten Mutter , aber so ein altes Bettelweib mit fünfhundert Mark Pension – das mag doch allein zusehen , wie es fertig wird ! “ „ Du hast ganz recht , “ sagte Aenne fest , aber merklich heiser , „ eben weil wir arm sind , muß ich hinaus und darf deine fünfhundert Mark nicht noch mit aufessen , sie werden ohnehin kaum für dich langen . Die Stimme erstickte ihr vor Aufregung und sie ging schnell hinaus . Tante Emiliens zur höchsten Empörung gereiztes Organ scholl hinter ihr her . „ Seid ihr denn nur alle ganz von Gott verlassen ? “ rief die alte Dame . „ Ist denn ein Mädchen , weil es nicht geheiratet hat , gerade nur gut genug , um dahin gestoßen und geschubbt zu werden , wohin es die eigensinnige Frau Mutter und die freundlichen Herren Brüder für gut befinden ? Hat sie sich dafür gequält mit ihren Studien , Tag und Nacht , um fortan hier in Breitenfels zu versauern ? Glaubt ihr denn nicht , daß sie an ihrem Beruf hängt , oder habt ihr so wenig Verständnis , so wenig Achtung vor der Kunst ? Glaubt ihr denn , ihr Egoisten , ihr werdet sie vor Armut und Not bewahren können , wenn sie ihre Kräfte jetzt nicht nutzt – ihr beiden armen Teufel , die ihr selbst nichts habt – die ihr nie gegeben , nur immer genommen habt , auch die sauer verdienten Groschen des armen Mädchens ! “ „ Bitte , ereifere dich nicht , “ unterbrach der Lieutenant sie kühl , „ und werde nicht ausfallend ! Wer spricht denn davon , daß Aenne ihr Gelerntes und ihre Kunst nicht ferner verwerten soll ? Ihre Konzertreisen kann sie doch von hier aus ebenso gut machen wie von Dresden aus , das ist meine Meinung . „ Das kann sie nicht ! “ schrie Tante Emilie mit einer Stimme , wie man sie ihr nie zugetraut hätte , „ sie muß in der Kunst leben , sie muß Musik hören , gute Musik ; sie will weiter streben , weiter lernen , das geht nicht hier , und kurz und gut , ich habe das Kind ausbilde lassen und habe infolgedessen auch ein Wort mitzureden ! Aenne geht zurück nach Dresden , und wenn die Mutter vernünftig ist , so folgt sie ihr – wenn nicht , dann bleibt sie allein hier , oder einer von euch quittiert und zieht zu ihr , denn ihr seid ihre Kinder so gut wie Aenne – das habe ich gesagt ! Frau Rat war still vor Entsetzen , auch die beiden Söhne schwiegen ; Walter , der Referendar , murmelte nach einem Weilchen : „ Verrückte Weiberwirtschaft ! “ Als aber plötzlich das Weinen der Mutter aufs neue begann , da kam er leise herüber zu seinem Bruder und flüsterte ihm zu . „ Du , laß uns nur ’ mal fortgehen , ich schnappe hier über ! Und so konzentrierten sie sich beide rückwärts und gelangten unbemerkt auf die Straße . Als Frau Rat aus ihrem Weinanfall wieder zu sich kam , stand Aenne neben ihr . „ Bitte , Mama , setze dich an den Tisch , es ist ein Brief gekommen – Tante bringt gleich die Lampe “ . Und sie nahm freundlich die Hand der Mutter und leitete sie zum Sofa . „ Mein gutes , altes Muttel “ , sagte sie leise und küßte sie . Aber Frau Rat fand sich zu schwer gekränkk , sie erwiderte den Kuß ihres Kindes nicht . Ein paar Minuten später war das Zimmer erleuchtet und die alte Frau las den Brief mit dick verweinten Augen . Es war ein Schreiben aus der Herzoglichen Kammer , wonach der Witwe des verstorbenen Medizinalrats May das unentgeltliche Wohnungsrecht in dem Hause , das sie bisher mit ihrem Manne inne gehabt habe , durch des Herzogs Gnade bis an ihr Lebensende verliehen sei . „ Doch einer , der Mitgefühl hat , “ sagte sie , „ doch einer ! “ Aenne rührte sich nicht . Sie hatte eine Handarbeit genommen und nähte . Nun war ihre Sache ganz verloren , das fühlte sie . „ Ihr freut euch wohl gar nicht ? “ fragte die Mutter scharf . „ Ach , Mama , “ antwortete Aenne , „ ich kann mir ja denken , wie schwer es sein muß , von einem Ort fortzugehen an dem man so lange Jahre glücklich war ! Jetzt – freilich – wirst du hier bleiben ? “ „ Und du also zu mir kommen ? “ Aenne sah sie nur groß an , und plötzlich mußte die Mutter den Blick senken vor diesen stillen , ernsten Mädchenaugen . „ Es ist deine Pflicht “ , murmelte sie verlegen . „ Ja , Mutter , und sie wird mir leicht werden , denn ich habe dich sehr lieb , “ sagte Aenne herzlich . „ Ich habe keine Kinder gehabt , “ brummte Tante Emilie , „ aber so viel verstehe ich denn doch davon , daß Pflichten immer gegenseitig sind . “ „ Tante ! “ bat Aenne . „ Was hat sie gesagt ? “ forschte Frau Rat mißtrauisch . Das Klingeln der Hausthür enthob Aenne einer Antwort , dann brachte das Dienstmädchen eine Visitenkarte herein . , Dr .. med.Lehmann , praktischer Arzt ’ , stand darauf . Frau Rat wußte von ihm nur , daß er sich vor einiger Zeit im Städtchen niedergelassen hatte . Sie sagte dem Mädchen , sie lasse den Herrn Doktor bitten , einzutreten . Aenne erhob sich , um hinauszugehen , aber die Mutter rief ihr ungeduldig zu , sie solle bleiben Tante Emilie ließ sich indes nicht halten . Doktor Lehmann trat herein , ein junger , etwas untersetzter Herr , dem die Mensurschramme über der linken Wange gut zu der frischen Art seines Auftretens stand und dem es sichtlich schwer fiel , seinen