dem Plärrer errichtet werden sollte , erzählte , daß im Kulturverein eine Grotesk-Tänzer-Pantomimengesellschaft auftrete , daß er auf dem Herweg die Entdeckung gemacht , es gebe in der Stadt eine Leihanstalt für Kartoffelsäcke und daß in Konstantinopel eine schreckliche Feuersbrunst gewütet habe . Dabei schaute er Daniel und Monsieur Rivière an , bald den einen , bald den andern , hielt die Knurrlaute des einen und die verlegenen Blicke des andern für ermunternd genug , um sein Geschwätz fortzusetzen , rückte an seinem Zwicker , schneuzte sich , strich die ohnehin glatten Haare noch glatter , rieb die Hände umeinander , als ob er sich in besonderer Weise angeheimelt fühle , und kicherte , wenn in seinem Redefluß eine Pause entstand . Auf Gertrud heftete er nur hie und da einen verstohlenen Blick , der sich gleich darauf zurückzog wie der Arm eines Diebes , der sich beobachtet glaubt ; Lenore schien überhaupt nicht für ihn vorhanden zu sein . Als sie endlich aufstand , gepeinigt von seinem Wesen , von der Zerstörung des eben erlebten Eindrucks durch seine Gegenwart , seine herausfordernden , platten , grundlos hämischen , grundlos süßlichen Phrasen , erhob er sich gleichfalls , zog erschrocken die Uhr , bat , seinen Besuch wiederholen zu dürfen und empfahl sich mit einem lächerlich altmodischen Bückling von Gertrud , mit vertraulichem Händeschütteln von Daniel und mit unsicherer Höflichkeit von dem Franzosen . Lenore schien er wieder zu übersehen . Draußen auf der Stiege blieb er stehen , nickte mehrmals mit dem Kopfe und sagte mit einem fast irren Grinsen in die leere Luft hinein : » Auf Wiedersehen , Schönste . Auf Wiedersehen , Allerschönste . Gehab dich wohl , mein Engel , vergiß mich nicht . « In der Stube drinnen flüsterte Lenore beklommen : » Was war das ? Was war das ? « 8 Um Lenore beim Umzug zu helfen , stellte sich Philippine Schimmelweis ein . Zuerst befremdet , war Lenore schließlich des Beistands froh . Der Inspektor nahm kaum irgendwelchen Anteil an einem Vorgang , der ihm als letzte , alle Hoffnung vernichtende Niederlage erschien . Auch an den folgenden Tagen kam Philippine , und allmählich wurde es ihr zur Regel , jeden Tag ein paar Stunden im Haus zu verbringen , entweder bei Lenore oder bei Gertrud unten , so lange diese in der Küche zu tun hatte . Man gewöhnte sich an ihren Anblick und duldete sie . Sie bemühte sich , geräuschlos zu sein und hatte die Miene eines Menschen , der ein wichtiges , aber noch nicht gewürdigtes Amt versieht . Sie studierte das Haus . Sie kannte alle Räume . Am liebsten kam sie um die Dämmerungszeit . Dann sagte sie zu Lenore , sie habe auf der Treppe einen geheimnisvollen Kerl gesehen . Lenore holte die Kerze und sah nach , aber da war nichts zu finden . Dennoch behauptete Philippine steif und fest , es sei einer dagestanden in einem grünen Kamisol und habe ihr eine Nase gedreht . Der Dachboden lockte sie vornehmlich . Sie erzählte in der Nachbarschaft , daß eine Eule droben säße . Infolgedessen geschah es , daß die Kinder , die ringsum wohnten , das Haus zu fürchten begannen , und daß die Kanzleirätin im ersten Stock , durch die Gerüchte verängstigt , ihre Wohnung kündigte . Die neue Inspektorswohnung hatte kein Schutzgitter . Man trat von der Stiege unmittelbar in Lenores Kammer , wo sie schlief und arbeitete . An diese Kammer stieß die ihres Vaters . Die Leute nannten ihn noch immer Inspektor , obwohl er keine Inspektorstelle mehr hatte . Den ganzen Tag blieb er bei geschlossenen Fenstern in seiner engen Kammer , deren eine Wand geneigt war . Wenn ihm Lenore das Frühstück brachte oder ihn zum Mittagessen rief , das sie in der verschlagartigen , winzigen Küche aufgewärmt und in ihrem gleichfalls winzigen Stübchen angerichtet hatte , saß er am Tisch und hatte viele Blätter vor sich liegen , alte Rechnungen und alte Briefe . Und sie lagen immer in derselben Ordnung da . Einmal trat sie unerwartet ein , ohne zu klopfen , da schloß er hastig den Schrank zu , steckte den Schlüssel in die Westentasche und versuchte in einer Weise harmlos zu lächeln , die Lenores Herz stocken ließ . Erst wenn es dunkel war , ging er aus , und wenn er heimkehrte , trug er manchmal ein Paket unterm Arm , das er mit in seine Kammer nahm . Anfangs war Lenore immer unruhig , wenn sie fortgehen mußte . Da bat sie Philippine , sie möge acht geben und keinen Fremden hereinlassen . Philippine hatte eine Schachtel mit Bändern in Lenores Kommode stehen ; sie stellte einen Stuhl neben die Tür , die zur Kammer des Inspektors führte , und wenn ihre Hände müd waren vom Wühlen in den Bändern und ihre Augen sich gesättigt hatten an der Buntfarbigkeit , preßte sie das Ohr an die Türe , um zu lauschen , was der alte Mann trieb . Bisweilen hörte sie ihn sprechen . Es war , als rede er mit einem Menschen . Seine Stimme klang mahnend , ja auch zärtlich . Da erzitterte Philippine vor Furcht und Grauen . Einmal drückte sie die Klinke herab und wollte leise die Tür öffnen , um hineinzuspähen , aber zu ihrem Ärger war das Schloß drinnen verriegelt . Bei Gertrud verrichtete sie kleine Handreichungen und lief zum Krämer oder zum Bäcker . Gertruds Beweglichkeit nahm zusehends ab , das Stiegensteigen fiel ihr schwer , und Philippine ersetzte ihr beinahe eine Magd . Nur solche Dienste , bei denen ihre Kleider schmutzig werden konnten , verweigerte sie . Gertruds scheue Zurückhaltung verdroß sie oft und , eines Tages fragte sie bissig : » Gell , Sie sind recht stolz ? Sie mögen mich wohl nit leiden , gell ? « Gertrud sah sie verwundert an und wußte keine Antwort . Vor Daniel verkroch sich Philippine , sobald sie nur seinen Schritt hörte