- - - - Eine Minute später sitze ich im Café Loisitschek . Ein stilloses , ziemlich sauberes Lokal . Im Hintergrund allerdings eine Estrade mit Holzgeländer ; eine gewisse Ähnlichkeit mit dem alten geträumten » Loisitschek « ist nicht zu leugnen . » Befehlen , bitt ' schön ? « , fragt die Kellnerin , ein dralles Mädel , in einen rotsamtenen Frack buchstäblich hineingeknallt . » Kognak , Fräulein . - So , danke . « - - - - - » Hm . Fräulein ! « » Bitte ? « » Wem gehört das Kaffeehaus ? « » Dem Herrn Kommerzialrat Loisitschek . - Das ganze Haus gehört ihm . Ein sehr feiner reicher Herr . « - Aha , der Kerl mit den Schweinszähnen an der Uhrkette ! erinnere ich mich . - Ich habe einen guten Einfall , der mich orientieren wird : » Fräulein ! « » Bitte ? « » Wann ist die steinerne Brücke eingestürzt ? « » Vor dreiunddreißig Jahren . « » Hm . Vor dreiunddreißig Jahren ! « - ich überlege : der Gemmenschneider Pernath muß also jetzt fast neunzig sein . » Fräulein ! « » Bitte ? « » Ist hier niemand unter den Gästen , der sich noch erinnern kann , wie die alte Judenstadt von damals ausgesehen hat ? Ich bin Schriftsteller und interessiere mich dafür . « Die Kellnerin denkt nach : » Von den Gästen ? Nein . - Aber warten S ' : der Billardmarqueur , der dort mit einem Studenten Carambol spielt , - sehen Sie ihn ? Der mit der Hakennase , der Alte , - der hat immer hier gelebt und wird Ihnen alles sagen . Soll ich ihn rufen , wenn er fertig ist ? « Ich folgte dem Blick des Mädchens : Ein schlanker , weißhaariger , alter Mann lehnt drüben am Spiegel und kreidet seine Queue . Ein verwüstetes , aber seltsam vornehmes Gesicht . Woran erinnert er mich nur ? » Fräulein , wie heißt der Markör ? « Die Kellnerin stützt sich im Stehen mit dem Ellenbogen auf den Tisch , leckt an einem Bleistift , schreibt in Windeseile ihren Vornamen unzählige Male auf die Marmorplatte und löscht ihn jedesmal mit nassem Finger rasch wieder aus . Dazwischen wirft sie mir mehr oder minder sengende Glutblicke zu ; - je nachdem sie ihr gelingen . Unerläßlich ist natürlich das gleichzeitige Emporziehen der Augenbrauen , denn es erhöht das Märchenhafte des Blickes . » Fräulein , wie heißt der Markör ? « , wiederhole ich meine Frage . Ich sehe ihr an , sie hätte lieber gehört : Fräulein , warum tragen Sie nicht nur einen Frack ? oder etwas Ähnliches , aber ich frage es nicht ; mir geht mein Traum zu sehr im Kopf herum . » No , wie wird er denn heißen , « schmollt sie , » Ferri heißt er halt . Ferri Athenstädt . « » So so ? Ferri Athenstädt ! - Hm , - also wieder ein alter Bekannter . « » Erzählen Sie mir doch recht , recht viel von ihm , Fräulein , « girre ich , muß mich aber sofort mit einem Kognak stärken , » Sie plaudern gar so herzig ! « ( Ich ekle mich vor mir selber . ) Sie neigt sich geheimnisvoll dicht zu mir , damit mich ihre Haare im Gesicht kitzeln , und flüstert : » Der Ferri , der war Ihnen früher ein ganz ein Geriebener . - Er soll von uraltem Adel gewesen sein - es ist natürlich nur so ein Gerede , weil er keinen Bart nicht trägt - und furchtbar viel Geld g ' habt habn . Eine rothaarige Jüdin , die schon von Jugend auf eine Person war « - sie schrieb wieder rasch ein paarmal ihren Namen auf - » hat ihn dann ganz ausgezogen . - Punkto Geld mein ' ich natürlich . No , und wie er dann kein Geld nicht mehr gehabt hat , ist sie weg und hat sich von einem hohen Herrn heiraten lassen : von dem ... « - sie flüsterte mir einen Namen ins Ohr , den ich nicht verstehe . » Der hohe Herr hat dann natürlich auf alle Ehre verzichten müssen und sich von da an nur mehr Ritter von Dämmerich nennen dürfen . No ja . Aber daß sie früher eine Person g ' wesen ist , hat er ihr halt doch nicht wegwaschen können . Ich sag immer - . « » Fritzi ! Zahlen ! « ruft jemand von der Estrade herab . - Ich lasse meine Blicke durch das Lokal wandern , da höre ich plötzlich ein leises metallisches Zirpen , wie von einer Grille , hinter mir . Ich drehe mich neugierig um . Traue meinen Augen nicht : Das Gesicht zur Wand gekehrt , alt wie Methusalem , eine Spieldose , so klein wie eine Zigarettenschachtel , in zitternden Skeletthänden sitzt ganz in sich zusammengesunken - der blinde , greise Nephtali Schaffranek in der Ecke und leiert mit der winzigen Kurbel . Ich trete zu ihm . Im Flüsterton singt er konfus vor sich hin : » Frau Pick , Frau Hock . Und rote , blaue Stern die schmusen allerhand . Von Messinung , an Räucherl und Rohn . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Wissen Sie , wie der alte Mann heißt ? « , frage ich einen vorbeieilenden Kellner . » Nein , mein Herr , niemand kennt weder ihn noch seinen Namen . Er selbst hat ihn vergessen . Er ist ganz allein auf der Welt . Bitte , er ist 110 Jahre alt ! Er kriegt bei uns jede Nacht einen sogenannten Gnadenkaffee . « Ich beugte mich über den Greis , - rufe ihm ein Wort ins