Mama war mit dem Inhalt nicht bekannt . Wie sollte sie ? Nicht wahr ? Bei dem Wort Archiv hat sie bloß immer an den Staat und was Wissenschaftliches gedacht - na , und wir reisten denn bald nach Sankt-Moritz , und es hieß , das Geld von Papa käme denn wohl uns Dreien zu ... Aber nu kamen wir ja Palmsonntag zurück . Und Mama meinte : jetzt müsse alles fort aus den Zimmern . Mama will sie anders einrichten - als Gastlogis . Mama erwartet bald einen wichtigen Besuch - ich glaub ' den Baron Legaire - der will mit Berliner Architekten den Durchbau seines alten Schlosses in der Touraine besprechen . « Viktor räusperte sich . Und fuhr dann fort : » Mama warf die Frage auf , ob das Archiv wohl dem Ministerium auszuliefern sei , und hatte solche kindliche Vorstellung . Da sagt ' ich denn , wir wollten erst mal nachsehen . Und Harald konnte doch alles beurteilen als Jurist ! Und so fand es sich denn : es waren lauter Privatpapiere in dem Archiv - von größtem Interesse für unsere Familiengeschichte . Die Rositz sind mal adlig gewesen . Irgendein Vorfahr , der in Not war , hat das von abgelegt . Harald sitzt nu und büffelt sich da ' rein und sagt , wir können es beweisen und dann wieder aufnehmen - ja , und da war denn auch das Testament an seinem ordnungsmäßigen Platz . « Er lachte . » Wissen Sie , was Harald sagte ? Harald sagte : Mama , Du hättst es längst jefunden , wenn ' s an ' ner verrückten Stelle versteckt jewesen wäre , aber an der richtgen haste natürlich nich jesucht - ja so was kann bloß Mama machen . « » Und das Testament ? « fragte Allert . » Was geht es uns an . « » Gleich , gleich , « sagte Viktor Rositz beschwichtigend , denn er nahm an , daß Mutter und Sohn vor Spannung vergingen und sich schon darauf vorbereiteten , Krösusschätze entgegenzunehmen . Da hieß es erst vorweg abwiegeln . » Papa « , berichtete er , » hat in der Hauptsache sein kleines Vermögen Tulla vermacht . Sie soll es ausbezahlt bekommen , wenn sie heiratet . Es sind etwa hundertsechzigtausend Mark . Und Mama sagt : Gut - das ist dann ihre Mitgift - damit muß dann ihr Erwählter zufrieden sein - so lang ich lebe , gibt ' s nicht mehr - sagt Mama . Na , Tulla wird Augen machen ! Sie wissen , reiche Leute denken immer ganz naiv , daß andere Menschen weniger Bedürfnisse und weniger Verbrauch haben als sie , und sind flink bei der Hand mit dem Wort einschränken für andere ! Na - so is Mama eben auch . Und denn is sie eine von den Müttern , die nu mal für Opfer nich zu haben sind - und sie sagt , wo in aller Welt steht denn geschrieben , daß Mütter sich was versagen sollen , bloß damit ' n Schwiegersohn in largere Umstände kommt - « So ! dachte er . Nu wissen se Bescheid - - Weder Sophie noch ihr Sohn begriffen aber im mindesten den Zweck dieser Auseinandersetzung . Doch sagte Sophie freundlich : » Tulla war ein wenig ihres Vaters Liebling , wie oft einzige Töchter « - - Und jetzt glaubte Viktor mit diplomatischer Feinheit alle Vorreden erledigt zu haben . Er ging zu dem über , was seine Zuhörer am meisten anging . » Papa hat auch Ihrer gedacht , meine gnädige Frau . Er hat Ihnen ein Legat von fünfzigtausend Mark vermacht . Ich habe das Testament hier . « Sophie errötete tief . Ihr erstes Gefühl war , mit raschem Blick das Auge des Sohnes zu suchen . Der sah sie herzlich an , nickte leise . - - Sie nahm das Testament . Viktor hatte es etwas umständlich aus seiner Brusttasche geholt . Ihre Hand war unsicher . Ein Frösteln lief ihr über die Haut . Die Schrift eines Toten ! Und im Ohre wachte der Klang seiner Stimme auf . Es war Sophie , als spräche er laut , was sie nun mit tiefer Rührung las : » Meine teure , langjährige Freundin , Frau Sophie von Hellbingsdorf , geborene Freiin von Patow , bitte ich , ein bescheidenes Legat von mir anzunehmen . Durch die Summe von fünfzigtausend Mark beraube ich die Meinen nicht . Ich bin mir auch bewußt , dadurch das Vermögen von Frau von Hellbingsdorf nicht wesentlich zu vermehren . Von ganzem Herzen wünsche ich nur , ihr zu zeigen , daß ich auch in der ernsten Stunde ihrer denke , da ich meinen Nachlaß ordne . « Und geschrieben war dies am Tage vor seinem Zusammenbruch . Vielleicht hatte das Gefühl , daß irgend etwas unheimlich und zerstörerisch heranschleiche , ihn geängstigt , das Empfinden körperlichen Elends ihn schon bedrückt . Und die Kräfte hatten dann am anderen Tage nicht mehr gereicht ; er vermochte seine Geschäfte nicht zu Ende zu führen ... Sophie erinnerte sich , daß er in jener letzten Stunde ihres Beisammenseins Geld für Allerts Unternehmen angeboten . Sie wußte auch , wie ihre Gedanken dieses Geld dann umkreisten , wie ihr Herz , ihre Phantasie dem Toten gleichsam den Vorsatz untergeschoben : es ihr für ihren Sohn zu gönnen . Es erschütterte sie , nun zu erkennen : sie habe seinen Wunsch ahnend und richtig gefühlt . Und ganz gewiß hatten alle jene Worte , die er , nicht mehr Herr einer deutlichen Sprache , der Tochter noch zuflüsterte , von diesem Testament gehandelt - waren vielleicht Grüße gewesen - und eine Bitte : sag ' ihr , sie soll mir das nicht verweigern . - Aus dem großen ewigen Dunkel her streckte er noch seine Hand zu ihr aus - so empfand sie es - gerade in der trübsten Lage wollte er ein wenig helfen ... »