verwirrend , aber nie lehrreich sein ... Und wissen Sie , woher es kommt , daß jene beiden Gestalten sich in Ihrem Kopf vermengen ? Ich will ' s Ihnen sagen . Einfach daher , daß ich in einem meiner Briefe für meine einstige Geliebte den Ausdruck Gespenst angewandt habe . So erklärt sich dieses geheimnisvolle Ineinanderfließen . « » Das wäre nicht unmöglich « , entgegnete Georg . Von irgendwoher , undeutlich , kam schlechtes Klavierspiel . Georg blickte hinaus . Auf der gelben Mauer drüben lag die Sonne . Viele Fenster waren offen . An einem saß ein Junge , die Arme aufs Fensterbrett gestützt , und las . Von einem andern schauten zwei junge Mädchen hinunter in den Gartenhof . Das Klappern von Geschirr war hörbar . Georg sehnte sich nach freier Luft , nach seiner Bank am Waldesrand . Bevor er sich aber zum Gehen wandte , fiel ihm ein : » Was ich Ihnen noch sagen wollte , Heinrich , Ihre Verse haben auch Anna sehr gefallen . Haben Sie weitergeschrieben ? « » Nicht viel . « » Es wäre hübsch , wenn Sie alles , was vom Text fertig ist , heute mit hinausbrächten und uns vorläsen . « Er stand am Pianino und schlug ein paar Akkorde an . » Was ist das ? « fragte Heinrich . » Ein Thema « , erwiderte Georg , » das mir für den zweiten Akt eingefallen ist . Es soll den Moment begleiten , in dem der merkwürdige Fremde auf dem Schiff erscheint . « Heinrich schloß das Fenster , Georg setzte sich nieder und begann weiterzuspielen . Da klopfte es an die Tür , und unwillkürlich rief Heinrich » herein « . Eine junge Dame trat ein , in lichtem Tuchrock mit roter Seidenbluse , ein weißes Samtband mit einem kleinen Goldkreuz um den Hals . Ein Florentinerhut , rosengeschmückt , beschattete breitkrämpig das kleine , blasse Gesicht , aus dem zwei große , schwarze Augen blickten . » Guten Tag « , sagte die fremde Dame mit einer dunkeln Stimme , die zugleich trotzig und verlegen klang . » Verzeihen Sie , Herr Bermann , ich wußte nicht , daß Sie Besuch haben . « Und sie sah Georg , der sie gleich erkannt hatte , neugierig an . Heinrich war blaß und hatte Falten auf der Stirn . » Ich habe allerdings nicht vermutet ... « , begann er , dann stellte er vor und sagte zu der Dame : » Wollen Sie nicht Platz nehmen ? « » Danke « , erwiderte sie unwirsch und blieb stehen . » Ich komme vielleicht später wieder . « » O bitte « , fiel Georg ein . » Ich war eben daran , mich zu verabschieden . « Er sah , wie der Blick der Schauspielerin im Zimmer umherirrte , und fühlte ein seltsames Mitleid mit ihr , wie man es manchmal im Traum mit Toten fühlt , die nicht wissen , daß sie gestorben sind . Dann sah er noch den Blick Heinrichs auf diesem blassen , kleinen Gesicht mit unbegreiflicher Härte ruhen und ging . Er erinnerte sich jetzt sehr deutlich , wie er sie auf der Bühne gesehen hatte , mit dem rotblonden Haar , das in die Stirn fiel , und den irrenden Augen . So sehen Wesen nicht aus , dachte er , die dazu bestimmt sind , nur einem zu gehören . Und das sollte Heinrich nie gefühlt haben , der sich auf seine Menschenkenntnis so viel zugute tat ? Was wollte er nun eigentlich von ihr ? Eitelkeit war es , die in seiner Seele brannte , nichts anderes als Eitelkeit . Auf der Straße schritt Georg wie durch trockene Gluten . Die Häusermauern warfen den eingetrunkenen Sommer in die Luft . Georg fuhr mit der Pferdebahn den Hügeln und Wäldern entgegen und atmete freier , als er auf dem Lande war . Langsam spazierte er zwischen Gärten und Villen weiter , dann , am Friedhof vorbei , nahm er eine allmählich ansteigende , weiße Straße , die mit einem ihn freundlich anmutenden Namen Sommerhaidenweg hieß und zu dieser sonnigen Spätnachmittagsstunde von Menschen kaum begangen war . Von dem bewaldeten Höhenzug zur Linken kam noch kein Schatten , nur ein mildes Wehen von Lüften , die in den Blättern geschlafen hatten . Zur Rechten senkte der grüne Hang sich abwärts , gegen das länglich dahinziehende Tal , wo zwischen Ästen und Wipfeln Dächer blinkten . Drüben , hinter Gartenzäunen strebten Weinberge und Äcker auf , zu Wiesen und Steinbrüchen , über denen durchglitzertes Gestrüpp und Buschwerk hing . Im Gelände oft verloren , zog als schmale Linie der Weg , den Georg an andern Tagen manchmal zu wandern pflegte , und sein Auge suchte die Stelle am Waldesrand , wo seine Lieblingsbank stehen mochte . Wiesen und Waldeshöhen hielten am Talesende den Blick auf , und im Spiegel der Luft ließen abendliche Fernen mit neuen Tälern und Hügeln sich ahnen . Dieser Landschaft fühlte Georg sich wunderbar vertraut , und der Gedanke , daß Beruf und Wille ihn in die Fremde rief , webte um seine einsamen Spaziergänge schon in diesen Tagen oft Stimmungen des Abschieds , die freilich von Sehnsucht schwerer waren als von Trauer . Zugleich aber regte sich in ihm ein Vorgefühl reichern Lebens . Es war ihm , als bereite sich in seiner Seele manches vor , das er nicht mit sorgenvollen Sinnen aufstören dürfte ; und in den Untergründen seiner Seele , wo heute schon hineinzuhören ihm nicht gegeben war , rauschte es von Melodien kommender Tage . Auch war er nicht müßig geblieben , um die äußern Umrisse seiner Zukunft klar zu ziehen . Nach Detmold hatte er einen höflichdankenden Brief geschrieben , in dem er sich mit Vorbehalt dem Intendanten für den kommenden Herbst zur Verfügung stellte ; auch den alten Professor Viebiger hatte er aufgesucht , ihm seine Pläne eröffnet und ihn gebeten , sich bei vorkommenden