rotbraun das kahle Geäst ; schon stieg darin der Saft des neuen Lebens . Und als Josefine den Wagen verließ , begrüßte sie auf dem lehmigen Eisenbahndamm die kleinen , goldgelben , feinstrahligen Sonnen des Huflattichs , die sich überall zwischen den Steinen hervordrängten , mit denen die Böschung belegt war , in kleinen Trupps , die rotbraunen Knospenknöpfchen dreist und hoch zwischen den aufgeblühten Sonnchen . Wäre doch mein Rösli hier , dachte die Mutter , und sie atmete tief den frischen , feuchten Hauch der sprossenden Erde , und dann bückte sie sich zu den frühen Blumen , dem Huflattich und dem zarten Ehrenpreis , der am naßglitzernden Feldrain dicht über dem Boden seine kleinwinzigen Blauäugelein aufsperrte . Aber sie pflückte sie nicht . Und wieder beschwichtigte sie ihre Angst mit der Hoffnung , daß Rösli ein Talent entwickeln würde , eine musikalisch-dichterische Begabung . Sie ist noch Kind , tröstete sie sich , und Kinder sind Egoisten . Sie wird über sich hinauswachsen , und allmählich wird in ihre kleine Versmusik eine Seele einströmen . Meine weiße Hyazinthe im Keller , meine seltene Blume , dachte sie zärtlich . Sie trat auf den Dorfweg , und die köstliche Frische des Frühlingstages kühlte ihr die Stirn . Wie ein Hort des Friedens lag das saubere , behäbige Dorf mit seinen großen , weiß oder rosa getünchten Häusern , eingebettet in die weiten Felder , zwischen denen der Pfad hinführte . Überall ragten die grünen Spitzen der Saat aus der leichten Schneebedeckung , einladend wand sich links ein schmaler Fußsteig in den Wald , einen lichten Buchenwald , voll dunkelgrünen Efeus am Boden und an den weißgrauen Stämmen hinauf . Josefine hielt den kleinen Plan aus Fischers Brief in der Hand . Sie blickte darauf von Zeit zu Zeit und fand ihn wunderbar genau , jedes Haus , jede Straßenkrümmung war darauf verzeichnet . Still und feiertäglich , mit blanken Fenstern und blühenden Geranien und knospendem Goldlack dahinter lagen die Häuser . Die Scheuern waren geschlossen , kein Ackerwagen stand im Wege , die Dungstätten waren sorgfältig aufgeschichtet , die Stalltüren standen halb geöffnet , um Luft und Sonnenschein zu den friedlich wiederkäuenden Tieren einzulassen . Aus dem roten Kirchlein , an dem Josefine vorüberkam , erklang des Pfarrers skandierende Stimme ; das stattliche , steinerne Schulhaus trug in breiten , weißen Buchstaben auf rotem Grundbande die Inschrift : Wissen ist Macht . Am Gasthaus » Zum Hirschen , « dessen Fenster aus neubemalten , rotbraunen Rahmen wie dunkle Augen blitzten , trat der Wirt unter die Tür und prüfte den Eindruck des Geweihschmuckes an seiner Mauer auf die Vorübergehende . Dann war das schnelle , glatte , grüne Flüßchen da , mit spielenden Kindern an den grasigen Hängen ; die Kinder boten ihre schmutzigen Händchen dar und lispelten ein scheues , verwundertes » Grüeß Sie . « Dann kam die Linde , kurzstämmig , mit einer mächtigen , halbkugeligen Krone , die sogar laublos einen großen , netzartigen Schatten warf über den hellgetrockneten Weg und das glatte , gleitende , grüne Flüßchen , und aus der es in klaren , sonnenblitzenden Tropfen regnete . Und dann war links ein niederes Häuschen mit grünen Fensterrahmen und braunem Fachwerk auf weißgetünchter Wand , und das kleine Haus hatte ein schmales , abgegriffenes , lose angelehntes Türchen über drei ausgetretenen Steinstufen . Josefine sah nochmals auf die kleine Bleistiftskizze : dies war das Haus . Sie schlug das Türchen nach innen und befand sich auf einem schmalen Gange , wo es nach Heu roch und ganz dunkel zu sein schien , aber das war nur der Gegensatz gegen die Lichtfülle des Frühlingsmorgens , aus der sie kam . Im Türchen war ein Fenster , und auch die kleine Tür , auf die sie zuging , besaß ein Fensterchen . Sie tastete sich entlang und klopfte . Eine Stimme , die lauter Willkommen war , sagte » Herein ! « . Das braune Zimmerchen mit der niederen Balkendecke war hell durchsonnt . Und all das klare Frühlingssonnenlicht fiel auf ein weißes Bett und auf einen dunklen Kopf auf den Kissen , einen Kopf , der tief und unbeweglich fest liegen blieb , während die Stimme , die wie von fernher hallende Stimme eines Menschen , der im Wald nach seinem Freunde ruft , unsicher aufhorchend sagte : » Grüeß Sie Gott ... « Befangen , überrascht blieb Josefine an der Tür stehen . » Ich bin hier eingedrungen , « sagte sie , » verzeihen Sie doch , ich suche Einen , Namens Rudolf Fischer . « Der bleiche , dunkle Kopf unter dem dunklen Haar lag regungslos und tief wie zuvor , aber in die Wangen strömte es rot , und die seltsam ergreifende Stimme sagte : » Sie sind am rechten Ort . « Und plötzlich lauter rief er : » Ach , aber Sie kommen von Zürich ? Sie sind die Frau Josefine Geyer ? O , Mutter ! Mutter ! es freut mich ! aber es freut mich ! « » Sie sind der Rudolf Fischer , der mir geschrieben hat ? « Josefine kam an das Bett . Er bewegte die Hand ihr entgegen , aber zitternd , schwach , auf der Decke entlang . Josefine nahm sie in die ihre ; es war die heiße , überzarte , durchgeistigte Hand eines Schwerkranken . » Ich bin ' s , der Ihnen geschrieben hat , und so schnell sind Sie gekommen zu dem ganz Fremden , « sagte der unbeweglich auf dem Rücken Daliegende , ihre Hand fest drückend , und immer noch mit dem Rot der Erregung in dem feinen , scharfen Gesicht mit der breiten Stirn über den tief eingesenkten Augen . Das gleichmäßige , gelbliche Blaß war wie von einem inneren Feuer durchglüht , wie durchscheinender Marmor , hinter dem das Abendrot brennt . » O , ich danke Ihnen , daß Sie gekommen sind ! Ich danke Ihnen . « Und mit ein