Häupter lichtere Töne webten , welche mein Auge unausgesetzt auf sich zogen . Da deutete der Ustad empor und sagte : » Ich sehe , daß du hinauf zu unsern Bergen schaust . Wollte das Abendland doch stets dasselbe thun ! Aber es scheint nur unsere Thäler kennen zu wollen ! Wenn es von uns redet , so spricht es nur von unsern Tiefen , nicht von unsern Höhen ! Von unserm Alter , nicht von unserer Jugend ! Von unserer Vergangenheit , nicht von unserer Zukunft ! Von unserem Tode , nicht von unserm Leben ! Von unserer Ohnmacht , nicht von unserer Stärke ! Von unserm Verfall , doch nicht von unsern Hoffnungen ! Ich weiß nur einen einzigen Europäer , der anders und besser von uns denkt , und dieser Mann bist du , Effendi . « » Ich habe noch nicht mit dir hierüber gesprochen . Soltest du mich trotzdem kennen ? « fragte ich . » Ja . Wir haben nicht die Mittel des Verkehrs , die ihr besitzt ; aber der Ilahn83 ist ein schneller Reiter . Er eilt von Duar84 zu Duar , um zu verkünden was er sah und was er hörte . Er hat schon längst , schon längst von dir erzählt . Du warst wiederholt ein Gast der Haddedihn , und von ihnen bis herauf zu uns ist gar nicht weit . Du warst schon einigemal in den Bergen Kurdistans . Was da geschah , das haben wir erfahren . Ich habe geahnt , daß deine Seele dich auch zu uns führen werde , und darum sagte ich soeben , daß du von uns erwartet worden seist . Aber es giebt noch eine andere , bessere und zuverlässigere Quelle , aus deren reinem , klarem Wasser mir dein geistiges Angesicht entgegenblickte . Ahnest du vielleicht , wer diese Quelle ist ? « » Nein . « » Ihr Name ist Marah Durimeh . « » Sie ? Meine liebe , liebe Freundin und Beschützerin ? « fragte ich da schnell . » Kennst du sie ? « » Wahrscheinlich kennt sie keiner so gut , wie ich sie kenne . Doch , schweigen wir jetzt von ihr ! Es giebt noch eine andere Person , an die ich jetzt zu denken habe . Als ich am Morgen , nachdem man euch zu mir gebracht hatte , eure Waffen sah , fiel mir ein Chandschar85 auf , der bei dir gefunden worden war . « » Kennst du ihn ? « fiel ich rasch ein . » Ja . Es kennen ihn sehr viele . Ist er ein Geschenk ? « » Ja . « » Wo hast du ihn bekommen ? « » In Amerika . « » Bon wem ? Verzeih , daß ich dich frage ! Es ist nicht müßige Neugierde , die mich zu dieser Erkundigung veranlaßt . « » Von einem Perser , Namens Dschafar . « » Mirza Dschafar , der Sohn von Mirza Masuk ? « » Ja , von ihm . « » Er gab dir die Waffe mit der Versicherung , daß derjenige , der ihm diesen Chandschar vorzeige , sei er , was er sei , darauf rechnen könne , daß er alles für ihn thun werde ? « » So ist es . Also auch diese Worte sind dir bekannt ! « » Nicht nur sie und nicht nur alles , was Mirza Dschafar mit dir erlebte , sondern auch alles , was er mit dir gesprochen hat . Du siehst also , daß ich dich besser kenne , als du wohl ahnen konntest . Darum weiß ich ganz genau , wie du über das Morgenland und sein Verhältnis zum Abendlande denkst . Ich begreife , daß du näheres über Mirza Dschafar erfahren möchtest , bitte dich aber , mich jetzt nicht zu fragen . Du gehst ja noch nicht fort von mir , und wir haben also Zeit genug , über diesen mir so wichtigen Mann zu sprechen . Es liegt ein Geheimnis über ihm , und ich weiß jetzt noch nicht , ob ich es dir so weit , wie ich es kenne , enthüllen darf . « Er schwieg . Auch ich war still . Wie wunderbar die Fäden des menschlichen Lebens gesponnen werden ! So fern die Maschen von einander liegen , es kommt ganz unerwartet ein Faden , der sie eng vereinigt . Wer sind die Arbeiter , die an unsern Webstühlen sitzen ? Wir selbst ? Wer liefert uns das Garn ? Wer bringt es auf die Spule ? Wer legt die Kette um den drehenden Rahmen ? Wer legt die Muster auf ? Wer lenkt das unermüdliche Schiffchen Tag für Tag , Stunde für Stunde , vom ersten bis zum letzten Augenblicke unserer Erdenzeit ? Immer und immer nur wir selbst ? Wir armen armen , kurzsichtigen Thoren ! Es lag in diesem Gedankengange , daß mein Blick hinüber nach dem Blumentempel geführt wurde . Ich fragte den Ustad , was das für ein Gebäude sei . » Es ist unser Beit-y-Chodeh86 « , antwortete er . » Du kannst es auch Beit Allah nennen . Chodeh und Allah ist ja gleich . Ihr nennt ihn Gott ! « Da aber wendete er , der mir bisher die Seite zugekehrt hatte , sich plötzlich ganz zu mir herum und sagte : » Gott - Allah - Chodeh - welch eine Todsünde , zu behaupten , daß diese drei Worte nicht Verschiedenes bedeuten ! Ich sah einen englischen Missionar , welcher seinen Schülern befahl , den Schöpfer und Erhalter aller Dinge nur englisch God zu nennen ; Allah und Chodi seien ganz andere Götter ! Als ob der Ewig-Ewig-Eine von irgend einem sich überhebenden Menschenkinde gezwungen werden könne , für jede andere Sprache und für jede andere Art , in der die Sterblichen zu ihm lallen , auch ein anderes Wesen anzunehmen ! So ein Thor stellt sich hoch über Gott , indem er