saß der alte Mann , von allen verlassen , in seinem Kummer . Wie lange mochte er schon dagesessen haben ! Sie hätte ihm so gern etwas Liebes gesagt ; denn sie liebte und verehrte ihn wirklich , wenn auch bisher nur aus der Ferne . Aber es fiel ihr nichts ein , womit sie sein Herz hätte erfreuen können . Schließlich fragte sie mit stockender Stimme nach der Bäuerin . Im rauhen Tone erwiderte ihr der Bauer , das Weibsvolk sei oben in der Kammer . Pauline zündete erst noch die Lampe an , damit er doch wenigstens nicht im Dunklen sitzen solle , und lief dann die Treppe hinauf zum zweiten Stock , um die Bäuerin und Toni zu begrüßen . Auf der obersten Stufe der Holzstiege angelangt , hörte sie Töne , die der jungen Frau alles Blut zum Herzen trieben . Sie blieb mit zitternden Knien stehen und lauschte atemlos : dünnes , quäkendes Geschrei . Tonis Kind war angekommen . * * * Es war ein feuchtwarmer Aprilmorgen , an welchem die Sachsengänger aus Halbenau aufbrachen , zur Reise nach dem Westen . Ein Himmel wie Wolle . Hin und wieder matte Sonnenblicke wie verschlafen durch grämliche Nebel . Auf einem Leiterwagen kauerten sie beieinander , Männer und Weiber mit ihren Habseligkeiten . Die Mädchen saßen auf Laden und Federbetten , die Burschen hatten leichtere Bündel zwischen den Knien . Vorn beim Kutscher auf einem bevorzugten Platze saß Pauline , ihren Jungen im Schoße , neben ihr Ernestine . Gustav ging umher , die Uhr in der Hand und hielt besorgt Umschau . Drei von seinen Mädchen fehlten ihm ; sie waren in ihren Wohnungen nicht aufzufinden , wahrscheinlich hielten sie sich versteckt . Der Entschluß , in die Fremde zu gehen , mochte sie nachträglich gereut haben . Von einer hieß es , daß sie sich einem anderen Trupp angeschlossen habe , der bereits zeitiger die Fahrt nach den Rübengütern angetreten hatte . Der Aufseheragent hatte also recht behalten : es brannten immer einige durch . Gut , daß Gustav noch den fünften Mann gefunden hatte in der Person eines polnischen Arbeiters . Rogalla , so hieß er , saß jetzt mit unzufriedener Polenmiene , in einen Schafpelz gehüllt , mit langem , schwarzem Haupthaar und Schnurrbart , wie ein fremder Vogel unter den blonden Halbenauerinnen und kaute Tabak . Der frühen Stunde zum Trotze , hatte sich doch eine ganze Anzahl Leute aus dem Dorfe zusammengefunden , um Abschied von den Wanderern zu nehmen . Da wurde im letzten Augenblicke noch alles mögliche herbeigeschleppt : Kleidungsstücke , Bettzeug , Eßwaren . Auch einige junge Burschen hatten sich eingefunden , wohl ihrer Mädchen wegen , die in die Fremde gingen . Den meisten wurde der Abschied schwerer , als sie es sich anmerken lassen wollten . Wer konnte wissen , was ihrer da draußen wartete ! Und auch den Zurückbleibenden war das Herz schwer . Mancher junge Mann zagte , daß ihm die Geliebte , die er widerwillig ziehen ließ , in der Fremde die Treue brechen möchte . Manche Mahnung und Warnung wurde da noch durch Blick und Händedruck mit auf die Reise gegeben , ohne Worte , zu denen es keine Zeit mehr gab . Der einzige von der ganzen Gesellschaft , dem es leicht ums Herz zu sein schien , war Häschkekarl . Heute hatte er wieder seinen buntscheckigen Vagabundenanzug angelegt . Den Hut verwegen auf einem Ohre , ein rotes Halstuch statt eines Kragens , sah er einem Stromer verzweifelt ähnlich . Jetzt , wo es auf die Reise ging , fühlte er sich erst wieder wohl und behaglich . Und diesmal sollte er noch dazu in guter Gesellschaft walzen . Eine ganze Mandel » Schicksen « waren mit - so nannte er die Mädchen - da würde sich ' s schon leben lassen . Er summte ein Wanderlied vor sich hin . Als der kleine Gustav auf Paulinens Schoß unruhig wurde und zu schreien anfing , brachte er die » Quarre « durch eine seiner drolligen Grimassen schnell wieder zur Ruhe . Die Büttnerbäuerin war auch herausgehumpelt , ihrer Lähme zum Trotze . Zwei von ihren Kindern gingen ja mit hinaus in die Fremde . Gustav , ihr bester Sohn , und Ernstinel , ihre Jüngstgeborene . Die alte Frau hatte es bisher gar nicht recht glauben wollen , daß aus diesem abenteuerlichen Plane etwas werden solle . Zu so vielen Sorgen und Kümmernissen der letzten Zeit kam nun auch noch die Zersplitterung der Familie ! Das war zu viel ! Als sie den Wagen sah mit den Wanderern und dem Gepäck , drohten sie die Kräfte zu verlassen . Zum Abschied hatte sie nur ein sinnloses Gestammel : » Ne , ach Gutt ! Gustav ! Ne , ach Gutt , Pauline ! Paßt ack aufs Ernstinel uff . Ne , ach Gutt - ach , du lieber Herr Gutt ! - Ne , ne - was wern mer ack alles noch derlaben ! « Gustav mußte es den Frauen überlassen , von der Mutter zärtlichen Abschied zu nehmen . Er war ganz von der neuen Pflicht in Anspruch genommen , die schon wie eine schwere Verantwortung auf ihm lastete und ihn hart und ungesellig erscheinen ließ . Er glaubte , daß sie nun nicht länger warten dürften , wenn sie den Zug nicht versäumen wollten . Er schwang sich auf den Wagen und gab den Befehl zur Abfahrt . Die Peitsche des Kutschers hob sich , die Pferde zogen an . Noch ein Händedruck , ein Schluchzen , ein Winken , ein Mützeschwenken . Im Trabe ging ' s durchs Dorf . Vor den Häusern standen Leute , welche den Wanderern ein freundliches Wort zuriefen . Dann zeigte das letzte Gehöft des Dorfes , der Büttnersche Hof , seine Giebelseite . Gustav blickte noch einmal dort hinüber . Er hatte den Vater nicht gesehen vor der Abreise . Ganz in der Frühe heute wollte er noch zu