genähert , indem sie seinen nachlässigen Anzug musterte . » Was ist denn das ? « rief sie , » wie kannst du ohne Halstuch fortlaufen ? Und nicht einmal den Hemdkragen zuknöpfen ! Und am Sonntag mit dem alten Hut in der Stadt herumstürmen , pfui Teufel ! « Als sie aber die ratlose Verfassung seiner Gesichtszüge genauer sah , durchfuhr sie ein Schrecken . Sie wußte , daß er nicht um eine Kleinigkeit in einen Zustand geriet , den sie nie an ihm erlebt . » Was hat ' s gegeben , Jakob ? « fragte sie mit bleicher Furcht , da das Unbekannte , welches den sonst so ruhigen Mann aus dem Hause getrieben , ihr doppelt schreckhaft erschien . Er suchte seine feuchte Stirn zu trocknen , fand aber kein Tuch in der Rocktasche . Die Frau blickte umher und gewahrte das auf dem Tische liegende Kirchenbuch mit dem Schnupftuch . Sie schlug dieses auseinander und wischte ihm selber Stirn und Schläfen ab . Weidelich nahm ihr das Tuch aus der Hand ; etwas gefaßter ließ er sich nun vernehmen : » Unser Sohn Isidor ist in der Stadt - ich muß es in Gottes Namen sagen , er sitzt gefangen , in schwerer Untersuchung - sie haben ihn gestern abend gebracht . « Marie Salander suchte mit einem kleinen Schrei den Halt des nahen Fenstersimses ; sie sah nur die arme Tochter Setti , die verlassen und geängstigt im Lautenspiel sitzen mußte , vielleicht selbst gefangengehalten oder wenigstens bewacht . Isidors Mutter aber stand mit offenem Munde , den Mann anstarrend . Sie begriff nicht , was er sagte . » Was kann er denn angestellt haben ? « stotterte sie , » das wird eine schöne Dummheit sein , sie sollen sich in acht nehmen ! « » Es ist kein Spaß , du arme Frau ! « sagte Jakob Weidelich , der sich jetzt erhob und mit Gehen und Sprechen zu erleichtern suchte . » Es ist einer von den Behörden im Haus erschienen , sobald du fort warst , und hat mir das Unglück angezeigt . Ich hafte ja mit unserm Vetter und Gevatter Ulrich als Amtsbürge für beide Söhne . Drum befragte mich der Herr nach meiner Zahlungsfähigkeit und forderte mich auf , die Mittel auf alle Fälle bereitzuhalten ; aber nicht nur das , er wollte wissen , was ich darüber hinaus etwa zu leisten imstande wäre , obgleich es nicht danach aussehe , als ob eine gütliche Auskunft möglich ; denn es sei bei unserm Isidor eine große und böse Unordnung gefunden worden . Ich hab in Schrecken und Angst nichts zu sagen gewußt , als daß ich tun werde , was ich vermöge , wenn es helfen könne , und bin hieher gelaufen , um den Herrn Gegenschwäher um Rat zu fragen , was zum Schutz des Sohnes zu tun sei . Denn ich kann nicht glauben , daß er , wie soll ich sagen , daß er sich so vergessen habe ! In der Verwirrung hab ich nicht einmal das Nähere vernommen ! Ich hätte nie geglaubt , daß dergleichen an mich komme ! « Plötzlich schlug die Frau eine gellende Lache auf und tastete , wie wenn sie in einem dunkeln Raume ginge , mit vorgestreckten Händen nach dem kürzlich verlassenen Lehnstuhl . Dort schöpfte sie Atem , lachte dann nochmals stoßweise und rief bitter gegen den Mann hin : » Aber an mich kann es kommen ? Mir schadet es nicht , hab ' s am End verdient , gelt ? Dein Lebtag denkst du nur an dich ! Eine schöne Welt , ein wackerer Sonntag ! Zuerst heißt ' s , die Buben haben keine Seelen , dann werden sie eingekerkert und zu Schelmen gemacht ! Ach , ach , ach , wie weh ! « Ihre Worte verloren sich in einem erbärmlich klagenden Tone und dieser in erneuter Übelkeit , die sie befiel , indes Weidelich sich auch wieder gesetzt hatte und , die Hände auf die Knie gestützt , zu Boden starrte . Frau Marie Salander ergriff die bereits hervorgenommene Flasche mit altem Xeres und füllte für jedes der geschwächten Eheleute ein Kelchglas , obgleich ihr selbst schlecht zu Mut war . Und wie die Mutter Isidors in seiner Person beide Söhne zusammenfaßte und einseitig nur an diese zu denken vermochte , so dachte Marie Salander an beide Töchter , ohne von ihnen zu sprechen , da die bedrängten Gegeneltern ihre Aufmerksamkeit den jungen Frauen jetzt nicht widmen konnten . Amalie Weidelich trank einen guten Schluck von dem Weine und stellte das Glas weg , in die Luft , daß es zu Boden fiel . » Also der Isidor ist eingesperrt « , sagte sie , » und kann nicht mehr gehen , wo er will ! Bringt ihm denn jemand zu essen und zu trinken , wenn es ihn gelüstet und die gewohnte Zeit da ist , wie gerade jetzt ? Haben sie dort auch etwas Ordentliches für einen Landschreiber , einen Ratsherrn ? Für einen armen Menschen , der nicht weiß , was Hunger und Durst ist ? « » Soviel ich mich erinnere , « bemerkte Frau Salander , » können solche Gefangene , solange die Untersuchung dauert und bis sie verurteilt sind , auf ihre Kosten haben , was sie wünschen , so wie sie es ungefähr gewöhnt sind . « » Verurteilt sind ! Ein solches Wort will ich von niemandem hören ! Wenn ihm schlechte Teufel aller Art , mit denen er zu tun hat , Unkraut in seine Geschäfte gesät haben , wenn er manchmal nicht weiß , wo ihm der Kopf steht , so klärt er das gewißlich auf , und für seine Verfolger wird es ein schlechtes Ende nehmen ! Aber jetzt muß man sorgen , daß es ihm an nichts gebricht ! Warum ist seine Frau nicht mit ihm gekommen , über ihn zu wachen und in der Nähe zu sein ?