; aber sie konnte dies nicht voraussehen , ebensowenig als sie vorhersah , wie sie es ergreifen würde , denn seit jener Fahrt ins Ort lag es ihr wie Blei in den Gliedern , und sie hatte mehr keinen Fuß außer die Stube zu setzen vermocht . Nun war der einzige tot , von dem sie sich eine wahrhafte Abhilfe versprechen durfte , dessen selbsteigene Sache die ihre war , der den Willen haben mußte , dem Unfuge zu steuern , und auch das Recht und die Macht dazu besaß . Die eine Hälfte des argen Wunsches war den andern beiden in Erfüllung gegangen , und wie eine bange Ahnung befiel sie der Gedanke , wie bald vielleicht auch an sie die Reihe käme , gleichen Weges zu gehen ! Dieses Bangen vor dem Sterben , das sie zeitweilig durchschauerte , trat aber zurück gegen die unmittelbar sich aufdrängende Furcht vor dem , was sie nun wohl zu erleben haben werde ! Dieser Furcht gaben nur allzubald die Ereignisse recht . Da die Bäuerin , nachdem sie dem Herrgottlmacher die Augen geöffnet , mit jener Heimholung Tonis alles abgetan glaubte , so war bisher des Geschehenen halber kein Vorwurf über ihre Lippen gekommen , und der Bauer nahm keinen Anlaß , weder etwas abzuleugnen noch zu beschönigen ; beide schwiegen beharrlich und lebten , sich gegenseitig entfremdet fühlend , nebeneinander fort . Als aber kaum eine Woche nach der Beerdigung Kleebinders der junge Sternsteinhofer für dessen Witwe eine warme Anteilnahme bekundete und sich verlauten ließ , er habe vor , ein gutes Werk zu tun und Helene samt dem Kinde herauf auf den Hof zu nehmen , da fuhr die kranke Bäuerin , fast wild , empor . » Was ? Die ? Die wolltst du dahersetzen ? Hast du schon so weit kein Ehr mehr im Leib , daß d ' auch nimmer kein Schand fürchtst ? Aber , Gott sei Dank , da hab doch wohl ich noch ein Wörtl dreinzreden ! Niemal , sag ich dir , kommt die mir ins Haus ! « » Übernimm dich nit so bei deiner Schwächen « , sagte mit verletzender Gleichmütigkeit der Bauer . Das arme Weib lachte schrill auf und sagte , ihn mit einem giftigen Blicke messend : » Sorgst leicht um mich , du - ? Und als was , wenn mer fragen darf , als was nähmst denn dö Kreatur hrauf ? Zu was und wem soll die dienen ? « » Gleich erfahrst ' s « , erwiderte ruhig der Bauer . » Die alte Kathel kann mitm Hauswesen und ' m Krankenwarten zgleich nit aufkommen ; die Kleebinderin aber is die beste Wärterin , die ich mir z ' finden wußt , die soll dich pflegen . « » Die ? Mich ? Die ! « schrie die Bäuerin außer sich , dann verstummte sie und sah den Mann mit großen , angstvollen Augen an , sie rang die Hände ineinander und stammelte : » Das , das könntst du mir wirklich antun ? « » Sei nit dumm « , sagte er roh . » Ich will ' s , und so gschicht ' s ! Dich mit ihr zu vertragen , das steht dir zu , denn du hast eh a Unrecht gegn die arme Seel gutzmachen , dein unghörigs Einbilden - « » Einbilden ? ! « kreischte die Bäuerin , die geballten Fäuste gegen ihn emporreckend . » Leugnst du ? Laugnest du dein eigen Reden ? ! « Er zog den Mund breit und zuckte mit den Schultern . » Eigen Reden ! Freilich , gar ein eigen Reden , was eins im Schlaf angibt ! Wann d ' drauf was gibst , verruckts Weibsstuck , so müßtst ja auch am Morgen ' n Mond in meiner Taschen suchen , wann ich im Traum ausraun , ich hätt ' n eingsteckt ! « » Ob d ' hitzt hintnach Unsinn oder Gscheitheit redst , was ich ghört hab , das hab ich ghört , und aus dem , was du dir planst , wird nix ! « » Das werdn wir ja sehn « , sagte der Bauer . Er ging , die Türe hinter sich zuschlagend . Und nun ereignete es sich öfter , daß er oben aus der Stube stürzte , die Treppe hcrabgepoltert kam , was vom Gesinde in der Nähe sich aufhielt , unnütze Horcher schalt und an die Arbeit gehen hieß , und wenn er dann nach dem Krankengemache zurückgekehrt war und die Türe geschlossen hatte , so spielte sich hinter derselben eine jener Szenen voll quälender Bitterkeit und rücksichtsloser Gehässigkeit ab , welche unter sich ferne Stehenden unmöglich sind und womit sich nur Menschen , die das Leben einander ganz nahe gebracht , letzteres verleiden und vergiften können und wo es - für einen Teil wenigstens - besser gewesen , beide wären sich all ihre Tage fremd geblieben . Keines Menschen Seele verkehrt ganz ohne Hülle , ohne Schutzdecke mit der Welt , und es ist wohl gut so , denn wie makellose Schönheit des Körpers ist auch die seelische auf Erden selten ; dem Umgange mit der nackten Seele eines andern sich auszusetzen , ihn zu ertragen , wagt und vermag nur die Liebe und die Freundschaft , und wo diese fehlen , wirkt die seelische Nacktheit , wie rohe körperliche Entblößung , abstoßend , schamlos , entwürdigend und verderblich . Es bedurfte keiner langen Zeit , so trieb die Aufregung über den fortwährenden Hader die Kranke von dem Sorgenstuhle in das Bett . Ihr Widerstand war gebrochen und wurde immer schwächer . Welchem Ansinnen fügt sich der Mensch nicht , wenn es gilt , sich die Ruhe des Plätzchens zu sichern , auf dem er zu sterben gedenkt , und für seine letzten Tage ein bißchen Nachsicht und Teilnahme zu erkaufen ? ! Helene kam mit dem Kinde auf den Sternsteinhof und schien es mit der Krankenpflege sehr ernst nehmen zu