dieses Freiheitskredo ? Sie hätte vor dem Geliebten fliehen mögen bis an das Ende der Welt . Aber er zog sie an sein Herz , er küßte die eisigen Tropfen aus ihren Wimpern auf , hauchte die glühendsten Liebesworte in ihr Ohr , und als sie sich endlich seinen Armen entwand , da sagte sie lächelnd zu sich selbst : » Gefällt er sich denn nicht in Paradoxen ? Ist er nicht ein Poet ? Hat er mir nicht vor kaum einer Stunde die geheimnisvolle Operation klarzumachen gesucht , unter deren Bezauberung der Dichter , der Künstler seelische Vorgänge und Temperamentseigenheiten darstellt , die seinem persönlichen Verlangen und Erfahren die allerfremdesten sind ? Hat er nicht gesagt , man braucht kein Othello zu sein , um einen Othello zu spielen , kein Don Juan , um einen Don Juan zu schaffen ? Im Gegenteil : Passionen verwischen die reine Vorstellung der Passion ; Stimmungen , denen wir unterworfen sind , trüben die , welche wir unserem Bilde einhauchen möchten . Du mußt ihn nur besser verstehen , dich ihm akkommodieren lernen , wie er es nennt . Und endlich , Lydia , Hand auf das Herz ! du selbst , deren Grundgesetz die Treue und nicht die Freiheit ist , was ersehnst du denn heimlich und heiß , als sein zu werden , morgen , heute , diese Stunde noch und dann - für ewig ? Ist deine Liebe anderer Natur als die seine , als - alle Liebe ? « Tage , Wochen gingen hin ; je näher der entscheidende Termin rückte , um so ruheloser wurde der Propst , um so auffälliger seine Zerrüttung . Er glaubte sein Ende nahe und hätte sein Haus bis in das Kleinste ordnen mögen . Aber was wäre in dieser Ungewißheit zu ordnen gewesen ? Lydia mußte viel in seiner Nähe sein ; er ließ sie und Martin mündig sprechen , verpflichtete die erstere , auf die er bauen durfte , im umfassendsten Sinne als Obervormünderin ihrer jüngeren Geschwister ! Zum nominellen Vormund bestellte er seinen Freund und Schicksalsgenossen Hildebrand . Auch dieser hatte die Freiheit des Lehrens wiedergewonnen , aber leider wenig Schüler , die davon Segen zogen ; auch seine Manneskräfte waren in das Leere verpufft worden . Unter der Zucht dieses Getreuen sollte denn auch Philipp , jetzt dreizehnjährig , weitergebildet und gefestigt werden , sobald nur immer der Mutter die Trennung von ihrem Hätschelkinde zugemutet werden durfte . Der Knabe hatte leichtes Hartensteinsches Blut , allein der Vater hegte das stärkste Vertrauen in seine Befähigung . Bis zu seiner letzten Stunde träumte er von einer Säule des Protestantismus aus seinem Stamm , da er selbst als solche durch die Ungunst der Zeit gebrochen und verwittert war . Seinen Neffen sah er wenig . Dessen lebhaftes , zuversichtliches Gebaren war ihm unbehaglich , das zärtliche Bezeigen gegen seine Braut machte den Vater nahezu eifersüchtig , und - Max liebte Kranke so wenig , als er Tote liebte . Er kam daher häufig mit seiner Schwester und auch ohne diese in die Pfarre , die er die friedliche Pastorei von Wakefield nannte . » Ich schnappe nach einem frischen Atemzug wie ein Fisch nach Wasser , « sagte er . » Meine arme Lydia setzt kaum noch den Fuß aus dieser bedrückenden Siechenstube . Das muß ein Ende nehmen : der Vater ist dem Tode durchaus nicht so nahe , als er wähnt . Ich habe ein paar Semester eifrig medizinische Vorträge gehört . Was kann man auf der Universität nicht alles nebenbei betreiben ! Ihnen , Freund Dezimus , werden Exegese und Kirchengeschichte hinlänglich Zeit lassen , sich am Sternenhimmel umzutun . Ihr alter Chaldäer lebt ja wohl auch noch , nicht wahr ? Nun , den Mann gönne ich Ihnen . Ein Stückchen Faust steckt in jedem richtigen deutschen Studenten . So zog mich auch die Pathologie an und die des Herzens insbesondere , weil es das bis jetzt unerforschteste Fleckchen an unserem Leichnam ist und - das reinlichste . Ja , wäre die Sache ohne Patientenpraxis zu betreiben gewesen , wer weiß , ob sich nicht statt eines zurzeit höchst überflüssigen Doctor juris ein allezeit unentbehrlicher Doctor medicinae aus dem Ei der Wissenschaft geschält hätte . Das klingt wohl paradox , ist es aber keineswegs . « » Keineswegs , « bestätigte Mutter Blümel lachend . » Meine Rose blättert auch gern im Kochbuch nach süßen Speisen ; sich aber am Kochherd die Fingerchen schwarz zu machen , ist ihr äußerst fatal . « Max lachte gleichfalls . » Nun , was ich sagen wollte , « fuhr er darauf fort . » Der Vater leidet bekanntlich seit seiner Jugend am Herzen . Ein plötzliches Ende ist möglich , ein langsames , qualvolles Hinsiechen aber wahrscheinlicher . Dem muß Lydia entzogen werden um jeden Preis . Ich bin der Hüter ihrer Gesundheit , ihrer Schönheit , ihres Glücks . Noch in diesem Sommer wird sie mein , und ich entführe sie so weit , daß kein Krankengestöhn ihr Ohr erreichen kann . « Er kam wiederholt auf diesen Plan zurück ; ein Winteraufenthalt in Rom dünkte ihm die leichtest ausführbare Sache von der Welt . » Wer einmal in Rom gewesen ist , kann nirgend anderswo ganz unglücklich werden , sagt Schwester Sidi unserem Goethe nach . Ich aber sage : wer einmal in Rom gewesen ist , kann nirgend anderswo wieder ganz glücklich werden . Der Blick , den ich darauf geworfen , war leider nur ein Augenblick . Nun zieht es mich wie mit Ketten dahin zurück . Den Honigmond auf Capri , den Winter in Rom ! Mit diesem Gedanken wache ich morgens auf und lege mich abends nieder ! « Es war am Tage vor der Testamentseröffnung , daß Max diese Worte sprach . So war denn der letzte Johannistag gekommen , welchen Dezimus als Kind des Hauses in der Heimat feiern sollte . Die Schule wurde am Morgen für die sommerliche Ferienzeit