aber endlich der heilige Kampf sich erhoben hatte , mit welchem Festesjubel wurden da zum erstenmal die Prunkgemächer der Reckenburg geöffnet zu einer Pflegestätte für die Verwundeten , deren Großtaten den mir erreichbaren Bezirk erfüllten . Ja , ja , meine Freunde , die Helden Bülows und Yorks haben mit den altgräflichen Vorräten im Keller und Speicher reinen Tisch gemacht . Und so rühmte ich mich denn auch , als eine der wenigen meiner heimatlichen Standesgenossen , von der ersten Stunde an mit offenem Visier auf die Seite des befreienden Vorvolks getreten zu sein , rühme mich , daß niemand freudiger als ich sich einem Staate unterordnete , der sich beherzt zu Recht und Ehren wieder durchgekämpft hatte . Denn wer so emsig wie ich an seiner Heimat baut , der trachtet danach , sie unter der Hut eines starken Vaterlandes zu bergen . Nun aber galt es , mancherlei Verwüstungen auszuheilen , welche der Kriegstroß in meinem Bereich zurückgelassen hatte . Es galt nicht minder , mich selbst und die Meinen in die straffe , mancherlei harte Leistungen heischende neue Ordnung einzugewöhnen . Dann folgten die Hungerjahre von 1816 und 1817 , welche die Vorräte des Speichers und Säckels reichlich in Anspruch nahmen . Endlich aber trat eine Pause ein , in welcher das Geschaffene nur eben erhalten oder mäßig über seine Grenzen hinausgeführt zu werden brauchte . Ein ruhiger Überblick war gestattet . Da sah ich das Werk denn aufgerichtet , mit welchem mein Dasein gleichsam zu einem Wesen verwachsen war ; sah die fruchtbringende Flur und den Baum des Rechtes und der Ehre Wurzel schlagend in einem neuen Geschlecht . Mit Zuversicht blickte ich auf den Keimstock der Gemeinde , die sich heute rühmt , seit fast einem Menschenalter keinen Prozeß geführt und keinen Frevel gebüßt zu haben , keinen Spieler und Trunkenbold , kein Mädchen zu kennen , das ohne Kranz zum Altare getreten wäre ; eine Gemeinde , die ihre Rekruten ohne Murren stellt , ihre Waisen ohne Beihilfe innerhalb der Familie zur Arbeit erzieht ; keiner Witwe , keinem Greise den Altenteil verkümmert . Und ich sage ja und Amen zu diesem Ruhm . In der Tat , es war eine ehrsame und rechtschaffene , aber es war auch eine freude- und liebelose Kolonie . Freude- und liebelos wie die , welche sie gegründet hatte . Denn - was ist da zu vertuschen ? - das , was Ihr ein Herz nennt , meine Freunde , das war für nichts bei meiner Tat . Ich hatte einen Stoff bearbeitet , wie jeder berufene Handwerker - oder sei es Künstler - den seinen ; ich hatte meine Kräfte an einer und für eine Gesamtheit entfaltet - ich würde sie , und das dünkt mich das Kennzeichen der Liebe - , ich würde sie um keines einzelnen willen beschränkt haben . Mein Puls schlug nicht höher , noch matter bei dem Schicksale eines einzigen von denen , die ich die Meinen nannte ; ich trug die Neugeborenen zum Taufstein , geleitete die Bräute zum Altar , die Toten zur Gruft ; aber ich empfand wenig mehr dabei , als wenn ich meine Bäume pflanzen und fällen oder meine Äcker befruchten sah für einen neuen Trieb . Indem ich eine Bauernschaft zu bilden strebte , hatte sich in mir der echte , rechte Bauernsinn ausgebildet , der den Menschen als ein Produkt der Scholle nimmt , der Scholle , die ihn nährt , und die er wieder nährt . Das Werkzeug klapperte und auch die Kirchenglocken läuteten , wie sich gebührt : Sang und Klang aber schwiegen in der Reckenburger Flur . Wir tanzten nicht unter dem Maienbaum , wir jubelten nicht bei Hochzeit und Kindelbier . Kein Weihnachtslicht mahnte uns an die frohe Botschaft der Gotteserscheinung in einem hilflosen Kinde . Bursche und Dirne freiten nicht nach Neigung und Lust , sondern nach Vernunft und elterlichem Willen ; der Bettler schlug einen Bogen um die Reckenburg , denn er sah keinen Brosamen von des Reichen Tische fallen , und » arbeite wie wir , so wirst du dich wohl befinden wie wir , ein jeder sorge für das Seine , « schallte es ihm von der ungastlichen Scholle entgegen . In der Tat : wir waren eine sehr ehrsame , aber eine sehr lieblose Kolonie ! Die unbestimmte Empfindung von etwas Fehlendem in meinem Werk und Leben dämmerte mir zum erstenmal in jener Pause , wo ich mich des Gelingens hätte freuen sollen . Ich spürte keine Abspannung , aber eine Art unruhiger Langeweile , und es kamen Stunden , wo ich mir sagte , daß , wenn ich noch einmal zu leben anfangen sollte , ich nicht als Arbeitsbiene wieder anfangen möchte . Ich hätte Zerstreuungen suchen können , künstlerische Liebhabereien pflegen , und Gott weiß , was sonst noch alles reiche Leute können . Aber ich kannte mich hinlänglich , um zu wissen , daß das , was mir fehlte , nicht von außen in mich getragen , daß es aus dem Innern herauswachsen müsse . Was es aber war , das in mir nach einer Vollendung rang , dafür fand ich die Lösung nicht . Meiner Art gemäß tastete ich bei diesen Untersuchungen nicht nach dem Mond , sondern faßte die Sache , wo sie zunächst auch wesentlich lag . Ich näherte mich den Fünfzigern , und hatte ich bei Zwanzigern mich auch nicht rüstiger gefühlt , ich wußte , die stärksten Fäden sind es , die am raschesten reißen , und wenn der meine einmal jählings riß , was wurde dann aus dem Gewande meiner Reckenburg , das mit meinem Leibe schier verwachsen war , oder was wollte ich , daß aus ihm werde ? Zwar sah ich manches stolze Segel gebläht und manche Notflagge aufgehißt , um in den schützenden Hafen einzulaufen . Aber wie in den Tagen meiner Freierhetze , verdroß es mich auch heute , einer nimmersatten Begierde oder einem schamlosen Bedürfnis frönen zu sollen . Ich verlangte freie