halten . So lebe denn wohl für jetzt . Wir werden uns bald wiedersehen . Wenn du mir einen Gefallen erweisen willst , so sprich für jetzt daheim nicht von mir . Lebe wohl , Alter . « Hans ging und wäre jedenfalls an diesem Tage ein schlechter Lehrmeister gewesen ; aber glücklicherweise wurde seine Kunst nicht in Anspruch genommen ; Aimés Verdauungsbeschwerden gestatteten noch immer nicht die kleinste geistige Anstrengung . In seine Stube stieg der Präzeptor hinauf , schloß die Tür hinter sich ab und sann nach über den Lebensgang seines Freundes , des Moses Freudenstein , der sich jetzt Theophile Stein nannte und vom Judentum zur christlichen Kirche übergetreten war . In seine beängstigenden Gedanken mischten sich scharf die Töne von Kleopheas Stimme und Fortepiano . Die junge Dame sang mit großer Bravour eine italienische Arie ; aber der Gesang mißfiel dem Hauslehrer wie der Religionswechsel seines Jugendfreundes . Neunzehntes Kapitel Es blieb für die nächste Zeit alles , wie es war . Der Hauslehrer tat seine Pflicht so gut als möglich ; die gnädige Frau fand immer mehr heraus , daß er leider doch auch einen recht versteckten und heimtückischen Charakter besitze ; Kleophea fand einen neuen Namen für Franziska , nannte sie l ' eau dormante und zeichnete Karikaturen über Hans , von denen mehrere in seinen Besitz übergingen und die er stets sorglich unter den übrigen Gedenkblättern und Zeichen seines Lebens aufhob . Franziskas Schritt über den Boden blieb so unhörbar wie vorher , und ihr freundlich-sorgenvolles Gesicht wurde selten durch ein flüchtiges Lächeln erhellt ; von dem Leutnant kam weder Gruß noch Botschaft , er war und blieb verschwunden . Von dem Geheimen Rat war in des Geheimen Rates Hause am wenigsten die Rede . Hans beklagte ihn von Tag zu Tag mehr und beneidete den armen Mann nicht um die Grandezza , mit welcher er auf seinen armen Hauslehrer herabsah . Jean , der Bediente , war ein freierer Mann als sein Herr , der sich aus den Ketten der häuslichen Tyrannei nur in den jammervollsten , stupidesten Bürokratendünkel , der je von einer freien Seele verlacht wurde , flüchten konnte . Es sah um diese Zeit wunderlich aus in der Seele des Kandidaten der Gottesgelahrtheit Johannes Unwirrsch aus der Kröppelstraße . Inmitten des Getriebes , nach welchem er sich so gesehnt hatte , stand er ; niedergestiegen war er , und das große Brausen hatte sich aufgelöst in einzelne Stimmen und Töne , und mehr grelle und böse Stimmen als liebliche vernahm er um sich her . Er fühlte sich unbefriedigter als je , und sagen mußte er sich , daß er ein Verständnis für diese Welt noch nicht gewonnen habe . Er gehörte nun einmal zu jenen glücklich-unglücklichen Naturen , die jeden Widerspruch , der ihnen entgegentritt , auflösen müssen , die nichts mit einem Apage ! beiseite schieben können . Er hatte eben jenen Hunger nach dem Maß und Gleichmaß aller Dinge , den so wenige Menschen begreifen und welcher so schwer zu befriedigen ist und vollständig nur durch den Tod befriedigt wird . So saß er denn in seinem hochgelegenen Stübchen , dachte mit Seufzen seiner fernen , stillen Jugend und horchte den Disharmonien der Gegenwart . Mit Seufzen dachte er , wie er nun mitten in dem Nebel wandele , den er einst sah von seines Vaters Hause . Mit Seufzen dachte er , daß jeder Schritt vorwärts im Leben ihm nur erneute Enttäuschungen gebracht habe , daß er nicht glücklicher geworden sei mit den Jahren . Und zu seinen Füßen wogte der bunte Strom der Existenzen . Stundenlang konnte er hinabsehen auf die unbekannten Leute , die da vorübergingen und - fuhren , auch wohl vorüberhinkten und - krochen . Er hörte manch lautes Lachen und sah in manch fröhliches Gesicht ; doch der Gesamteindruck der Menge blieb ein trauriger . Einzelne Figuren wurden ihm allmählich bekannter , und er bemühte sich , ihr Schicksal aus ihrer Erscheinung zu lesen , wie sie vorüberglitten . Das waren Phantasien gefährlicher Natur für einen Charakter wie Hans Unwirrsch , der mehr zu der melancholischen Philosophie des Mannes von Ephesus als zu der heitern Lebensweisheit des Abderiten hinneigte . Es war fast ein Glück , daß sie ihn nur traurig , nicht verbissen und vergrillt machten . Die Einzelheiten , welche sich aus der Allgemeinheit abhoben , drängten letztere nicht so zurück , daß er sie aus den Augen verloren hätte , und das Allgemeine macht den denkenden Menschen unter keinen Umständen grillenhaft , sondern erweitert seine Seele selbst durch den Kummer . Und die Anzeichen des wiederkehrenden Frühlings mehrten sich . Der Himmel wurde blauer , das Gras um den Springbrunnen grüner ; auch über die Wipfel des Parkes lief ein freudiger Schein , und die Vögel wurden lustiger und lauter darob . Kleopheas Klagelieder über die Langweiligkeit und Nüchternheit des Winters schlugen um in Frühlingsbetrachtungen , die sich in mehr als einer Hinsicht von den Ergüssen der lyrischen Gedichtsammlungen unterschieden und nicht ganz zu den pensées musicales über das erste Veilchen paßten , die das Fräulein an ihrem Flügel so kunstfertig absang . Sie tadelte gern ; denn es ist viel leichter , geistreich zu tadeln , als geistreich zu loben . Zu allen andern Bedrängnissen hatte sich Hans sehr gegen den Zauber zu wehren , welchen das schöne Mädchen auf ihn ausübte . Franziska war stiller als je . Doktor Theophile Stein machte dem Hauslehrer des Geheimen Rates Götz seinen ersten Besuch . Von Tag zu Tag hatte ihn Hans erwartet ; doch er kam erst im Anfang des April , und Jean , der Bediente , hatte seine Karte erst in das Zimmer der gnädigen Frau gebracht , ehe er den Besuch zu dem Zimmer des Präzeptors geleitete . Hans empfing den Jugendfreund mit sehr gemischten Gefühlen aber seine Gegenwart übte bald den alten Einfluß aus und zerstreute die Wolken , die sich um das Bild jenes Moses aus der Kröppelstraße zusammengezogen hatten . Sehr