die Volksfreiheit alles Mißbehagen zu ersticken . In der dunkeln Lindenallee kehrte sich Florentin nach dem Schloß um , das mit seinen abendlichen Lichtern so friedlich und heimlich da lag , als ob weder Revolution noch Freischaren in der Welt wären ; und der schöne Löwe am Tor , gegen den so eben der grimmige Steinwurf geschah , ließ sich auch gar nicht stören auf seinem Pfeiler und hielt seine Wache fort . Da dies sich nun alles so entsetzlich aristokratisch ausnahm und Regina , das versöhnende Element , aus dem Bilde verschwunden war , so fühlte sich Florentin wieder in seinem Gleichgewichte , d.h. in seinem Haß gegen traditionelle Vorurteile , Kastengeist etc. und grimmig hob er einen Stein auf , um ihn seinerseits gegen einen der stolzen Löwen zu schleudern . Aber er ließ ihn fallen und murmelte für sich : Großtaten der Gassenbuben ? - pfui , Florentin ! - Am dritten Tage kam der Graf zur größten Freude der Seinen wieder aus dem Odenwalde zurück , beruhigt über das Befinden seiner Mutter - und ebenso über den Zustand der Besserung , worin er den Onkel Levin antraf . Natürlich wurde ihm gleich von allen Seiten der Freischarenbesuch mitgeteilt . » Wer weiß , ob ich mich so ruhig benommen hätte wie Regina , « sagte der Graf liebreich . » Drum hat es der liebe Gott gerade so gefügt ! « rief sie munter und küßte seine Hand . » Hattest Du denn gar keine Furcht dem wüsten Gesindel gegenüber , das Dich durch Wort oder Tat hätte beleidigen können ? « » Nein , gar nicht , « sagt sie . » Und hattest niemand , um Dich zu beschützen ? « » O doch ! « rief sie , zog ihren Rosenkranz hervor , küßte das kleine Kruzifix mit dem Partikel vom wahren Kreuz und setzte hinzu : » Im Schutz des Kreuzes bin ich gefeit . « » Das ist ein Glaube , der Berge versetzt , « sagte der Graf . » Und der die Welt überwindet , « bemerkte Ernest . - Das Befinden der Baronin Stamberg wurde besprochen , und als der Graf beklagte , daß sie keine andere Pflege als von Dienerinnen habe , erbot sich Regina sogleich , zur Großmama zu gehen . » Kind , Du bist allzu vollkommen , das ist auch eine Art von Unvollkommenheit ! « sagte der Graf unmutig , der durchaus nicht gewillt war , sich der Gesellschaft seiner Tochter zu berauben . » Um ' s Himmelswillen nicht ! « flehte die Baronin Isabelle . » Im Badischen hausen die Freischaren und könnten einmal Stamberg überfallen . « » Nun , wegen der bekannten Freischarenbravour könnten sie dort wohl bald ausgehaust haben , « bemerkte Ernest . » Vor der Hand ist nicht daran zu denken , « sagte der Graf . » Ich kann doch unmöglich ganz allein bleiben ? Die Buben sind fort - nun soll ich auch meine Regina fortschicken ? Nein , daraus wird nichts . « Die Buben , wie er sie nannte , machten freudig den Feldzug in der Lombardei mit . Uriel schrieb fleißig , und die Siegesnachrichten von jenseits der Alpen lichteten die trüben Zustände diesseits derselben . » Mailand hätten wir wieder ! « rief der Graf froh . » Jetzt nur auch bald Wien . « » Wird schon kommen ! « entgegnete Ernest zuversichtlich . » Ach , aber der heilige Vater ! « sagte Regina beklommen . » Das undankbare Rom mißhandelt sein mildestes Herz - und wer weiß , ob ihn die Revolution nicht verjagt oder Schlimmeres noch begeht . « » Daran sind die Stellvertreter Christi gewöhnt , « bemerkte Levin . » Vom ersten Apostelfürsten an , der auf dem Janikulus kopfabwärts gekreuzigt wurde und dessen dreizehn erste Nachfolger sämtlich den Martertod für den katholischen Glauben fanden - bis zur heutigen Stunde haben dem sichtbaren Oberhaupt der heiligen Kirche Schmach und Geißelung , Dornenkranz , Kreuzigung und Herzenswunde so wenig gefehlt , als einst dem Gottessohn selbst . Hörte die eine Art von Martertum auf , so brach die andere an : heidnische Verfolgung , Heimsuchung durch Barbaren , deutschrömische Kaiser , französische Könige , die furchtbarsten wildesten inneren Faktionen voll republikanischer Gelüste und Adelstyrannei , Schisma und Häresie haben sich seit achtzehn Jahrhunderten über und gegen Rom gewälzt und dem Stellvertreter Christi seinen reichlichen Anteil am bitteren Leiden des Herrn gebracht ; denn in der Siebenhügelstadt liegt mystischer Weise auch der Hügel Golgatha ; ja , er ist recht eigentlich das Fundament des Vatikans - und das haben die Stellvertreter Christi in so vollem Umfang begriffen , daß es dem bittersten Haß und der feindlichsten Scheelsucht nicht möglich ist , mehr als fünf oder sechs Päpste ausfindig zu machen , welche die Nachfolge Christi nicht angetreten hätten - also einer etwa in dreihundert Jahren , bei dem der natürliche Mensch den übernatürlichen besiegte ! Welche lange , lange , wunderbare Reihe von Heiligen , und wie selten wird sie unterbrochen durch einen armen Sünder ! « » Man bekommt eine Art von Grauen vor der Heiligkeit , « nahm der Graf das Wort , » wenn man sie immer und immerfort in einer Sündflut von Leiden und Bitterkeiten gewahr wird . « » O lieber Vater , sind das aber die Bedingungen zur Heiligkeit , wie gern müssen wir sie annehmen ! « rief Regina - und Levin sagte : » Das Auge des Glaubens nimmt die Dinge anders wahr , als das sinnliche und vom Irdischen befangene Auge . Leiden machen gottähnlich - sagt der fromme Heinrich Suso . Gottähnlich zu werden , das Ebenbild Gottes in der Seele herzustellen , ist die Aufgabe jedes Christen und ist das ersehnte und angestrebte Ziel jedes Gläubigen . Was ihm dazu behilflich ist , heißt er willkommen . Nichts adelt die Seele mehr , als ein mit frommer Ergebung und edler Geduld getragenes Leiden . Das