ihr manches in Erfahrung zu bringen , was sie und die Ihrigen betraf ? Es war gefahrvoll für die Stellung , die sie jetzt in der Gesellschaft einnehmen mußte , und doch hätte sie gern von diesem gehört und von jenem , vom Stadtamtmann , von Herrn Guthmann , von der bewußten Dame aus der Gesellschaft , von der bösen Buschbeck , von Oskar Binder , von der Heimat , vor allem von ihren beiden Brüdern . Sie wurde letzteres endlich Serlo schuldig , der ihr die Pflicht , sich um diese erst jetzt von ihm in Erfahrung gebrachten Geschwister zu bekümmern , als unerläßlich vorschrieb . Sie erwiderte : Warum gerade diesen Kelch , Serlo ? Wir sind ein Nest wilder Wasservögel gewesen ! Wir flogen aus und hatten keinen Trieb , zusammenzugehören ! An unserer Mutter lag ' s ! Wir liebten den Vater , haßten die Mutter , aber unserer aller Art war und ist dennoch nach ihr ! ... Wenigstens zu jener Frau versprach sie zu gehen , bei welcher ihre Schwester gestorben war . Hier erfuhr sie vielerlei . Der Stadtamtmann war aus politischen Gründen in den Zeiten einer ewigen Gährung beungnadet und versetzt worden ; die Frau Hauptmännin war aus der Stadt verschwunden und vielleicht an den Rhein gezogen , wo sie eine Schwester gehabt haben sollte . Der junge Commis , mit dem sie vor fünf Jahren in die Welt gegangen , verbüßte noch sein Verbrechen des Kassendiebstahls und der Wechselfälschung im Zuchthause ; der Kaufmann Guthmann hatte fallirt und war mit der bewußten vornehmen Dame , da er sich von seiner Frau , sie aber von ihrem Gatten hatten scheiden lassen , in die weite Welt gezogen ... Ihre eigenen Geschwister ? Die hatten nicht gutgethan . Von ihren Meistern kamen sie in eine neu errichtete Besserungsanstalt im Innern des Landes ... Bei allen diesen herzzerreißenden Mittheilungen trommelte es in den Straßen wie sonst und die Querpfeife schrillte und die Commandos der Wachparade hallten wider und die Brunnen gingen wie sonst und auf dem größten Platze der Stadt riefen die Kinder wie sonst ein berühmtes Echo wach und glänzende Carrossen rasselten aus den Gasthöfen heraus , weil in dem Lustparke des Fürsten , dem Schauplatze der ersten Triumphe des » Hessenmädchens « , heute , wie sonst , die berühmten Wasser sprangen . Lucinde kam zu Serlo und sagte : Ich bringe trockenes Reisig zum Einheizen ! Winterholz ! Ganz wie die alte Lene , die im Langen-Nauenheimer Forst frei sammeln durfte ! Sie erzählte dann . Serlo erwiderte : Das ist die Welt ! Der Tag kam heran , wo an den Straßenecken zu lesen war : » Die Jungfrau von Orleans . Romantische Tragödie von Schiller . Jeanne d ' Arc : Fräulein Konstanze Huber , als Gast . « Sie hatte , sie wußte selbst nicht warum , den Namen des Pfarrers von Eibendorf angenommen . Ihre Befangenheit steigerte sich am Morgen vor dem verhängnißvollen Tage bis zur zaghaftesten Furcht . Man hatte sie im Bureau und auf der Probe mit einer scheinbar zuvorkommenden , dem Erfolg aber jedenfalls mistrauenden Artigkeit behandelt . Daß man den Versuch überhaupt wagte , war eine Gefälligkeit gegen Serlo , der aus frühern bessern Verhältnissen unter dem Personal einige theilnehmende Freunde hatte . Lucinde brachte von der Probe keine erfreuliche Stimmung heim und erzählte , was sie aus dem Benehmen der Mitspielenden herausgefühlt . Serlo lag auf dem Sopha ausgestreckt ; gerade von Tag zu Tag wurde sein Befinden bedenklicher , - er sprach mit einer eigenthümlich peinlichen Aufregung : Nehmen Sie ' s doch , liebe Freundin , ganz so wie es ist ! Gerade da , wo man aus der Verstellung eine Kunst gemacht hat , läßt man sich im gewöhnlichen Leben ganz so gehen , wie man ist ! Es gönnt Ihnen eben niemand einen Erfolg , selbst die nicht , die Sie um meinetwillen protegiren ! Höchstens eine alte gutmüthige Person , die Sie ankleidet und dabei an ihr Trinkgeld denkt ! In dieser Laufbahn muß man sich eben alles selbst erobern ! Lucinde , sprach die Befürchtung aus , daß ihre frühern Verhältnisse hier bekannt geworden sein dürften und gegen sie sprechen würden ... Sie werden selber für sich sprechen , erwiderte Serlo , wenn Sie nur in Ihrer ersten Scene gefallen haben ! Man braucht ja in dieser Rolle nur laut und deutlich das zu sagen , was vorgeschrieben steht ! Lucinde war am Tage der Vorstellung in der Stimmung , die sie selbst mit der Erwartung verglich , hingerichtet zu werden . Hätte sie nicht den unabweislichen Zwang gehabt , schon auf die kleine Summe rechnen zu müssen , die sie für diesen Abend als Ehrensold zu erwarten hatte - Serlo bedurfte gerade jetzt wieder der sorgsamern ärztlichen Pflege und mancher bessern Auswahl in seiner Kost - , sie würde , wie sie sagte , diesen Kelch an sich haben vorübergehen lassen . Wie sie um vier Uhr sich rüstete , ihre Wäsche durch ein gemiethetes Mädchen ins Theater schickte und sich dann halb zögernd selbst auf den Weg machen wollte , war Serlo ein wenig eingeschlummert . Sie blickte aufs Sopha . Seine Augen waren geschlossen . Er athmete schwer . Der Husten , dem nachzugeben die Brust kaum noch Kraft hatte , machte sich nur in stoßweisen Krämpfen bemerkbar , wie bei den intermittirenden Athemzügen eines Sterbenden . Dieser Zustand beunruhigte sie nicht ... Sie hatte ihn schon oft erlebt , schon oft hatte man das Erlöschen der Lebensflamme ganz nahe geglaubt . Sie legte dem Schlafenden ein Kissen unter den Kopf , rückte einige Stühle dem Sopha näher und wollte jetzt gehen , so sehr ihr auch fast die Sinne schwanden . Da blickte der Kranke empor . Ich habe Sie ganz wohl gehört , gute Freundin ! hauchte er leise . Ich werde Sie doch so nicht gehen lassen - ohne meinen Segen ? Nun richtete er sich ein wenig auf und