, ihr mit einem Kusse auf die Lippen dankte , so herzlich und unbefangen , als wenn es eine Schwester wäre . Theobald erkannte in dem Krauskopf auf der Stelle einen Bildhauer , Raymund , den er öfters und namentlich bei dem Larkensschen Abschiedsschmause gesehen , ohne ihm irgend nähergekommen zu sein . Doch es war endlich Zeit zum Rückzuge , so schwer er sich von diesem Anblick trennen konnte , der ihm ebenso rührend und schuldlos deuchte , als er reizend und erhebend war . Kaum hat er die Tür hinter sich zugezogen und sich gefreut , daß der verräterische kleine Schelm nicht etwa wieder um den Weg war , um Zeuge seiner gestillten Neugierde zu sein - so streckt der Hofrat den Kopf aus dem Saale , und beide begrüßen sich mit merklicher Verlegenheit , die denn auch noch eine Weile fortdauerte , nachdem das Gespräch bereits in Gang gekommen . Theobald war durchaus zerstreut von seinem schönen Abenteuer ; auf seinem Gesicht , in seinen Augen lag eine ungewöhnliche Glut , deren Grunde der Alte schlau genug nachkam . » Ich merke , merke was ! « schmunzelte er und klopfte dem Freund auf die Achsel ; » nur lassen Sie ja sich sonst nichts anmerken ! es ist ein wilder Eber , der Raymund , und nicht mit ihm zu spaßen . « Nolten gestand offenherzig den sonderbaren Zufall . » Unter uns « , sagte der Hofrat , » Sie sollen wissen , wie alles zusammenhängt . Der junge Mann , furios in seiner Kunst so wie im Leben , verlangte von seiner Braut , an der er außer einem hübschen Wuchs lange keinen Vorzug mochte gekannt haben , daß sie ihm sitze , stehe , wie er ' s als Künstler brauche . Das Mädchen konnte sich nicht überwinden , es kam zum Verdruß , der bald so ernstlich wurde , daß Raymund das störrige Ding gar nicht mehr ansah . So dauert es ein halb Jahr und das Mädchen , sonst ein sanftes , verständiges Geschöpf , das ihn unbändig liebt , überdies armer Leute Kind ist , fängt an im stillen zu verzweifeln . Überdem bekömmt sie einen vorteilhaften Antrag , sich fürs Theater zu bilden , da sie sehr gut singen soll . Sie schlägt es standhaft aus , und diese wackere Resignation bringt den Trotzkopf von Bräutigam plötzlich auf ganz andere Gedanken von dem Werte des Mädchens , so daß er sie vor etlichen Tagen zum erstenmal wieder besuchte . Auf beiden Seiten soll die Freude des Wiedersehens ohne Grenzen gewesen sein , und gleich in der ersten Viertelstunde , so erzählt er mir , habe sie ihm die Gewährung seiner artistischen Grille freiwillig zugesagt . Da nun Raymund durch sein Zusammenwohnen mit einem andern Künstler um ein Lokal verlegen war , so fand er bei mir , der ich ihm auch sonst zuweilen nützlich zu sein suche , gerne den erforderlichen Raum . Heut ist die zweite Sitzung . Das Närrische dabei ist , daß er sich nicht entschließen kann , was er eigentlich machen soll . Er behauptet , wenn man eine Weile ins Blaue hinein versuche und den Zufall mitunter walten lasse , so gerate man häufig auf die besten Ideen . « » Er hat recht ! « sagte Theobald . » Er hat nicht unrecht « , versetzte der Alte ; » wenn mir aber solch ein Verfahren am Ende nur nicht gar zu dilettantisch würde ! So fängt er neulich einen Amor in Ton zu formen an , wozu er das Muster auf der Gasse unter den Betteljungen aufgriff , wirklich ein delikates Füllen , schmutzig , jedoch zum Küssen die Gestalt . Seitdem nun aber die Geliebte sich eingestellt , durfte der Liebesgott springen ; jetzt liegt ihm die aufdringliche Kröte , die sich gar gut bei dem Handel gestanden , tagtäglich auf dem Hals , und daß der Bursche nicht schon im Hemdchen unters Haus kömmt , ist alles ; neulich ward er gar boshaft und paßte der Braut mit einem Prügel auf ; recht ein Cupido dirus ! « » Ein Anteros ! « rief Theobald lachend . » Suchen Sie doch einiges Verhältnis zu Raymund « , fuhr der Hofrat fort , » es wird Ihnen leicht werden : er respektiert Sie höchlich , und das will bei dem stolzen Menschen schon etwas heißen . Sie finden das ehrlichste Blut in ihm und ein eminentes , leider noch wildes Talent . Es ärgert manches an ihm , Kleinigkeiten vielleicht , die indessen doch einen Mangel an Bildung verraten , genug , mich indignieren sie ; nur ein Beispiel und Sie werden mir beistimmen . Man traut mir billig zu , daß ich kein Pedant bin mit archäologischer Vielwisserei , insofern sie dem Künstler nichts hilft . Stellt mir einer eine lobenswerte Ariadne hin , so frag ich den Henker darnach , ob er wisse , daß die Gemahlin des Bacchus auch Libera heißt . Macht es einen Mann aber nicht lächerlich , wenn er von Göttern und Halbgöttern nur eben wie ein Dragoner spricht ? Werden es ihm diejenigen vergeben , die auf den ersten Blick unmöglich wissen können , daß dieser Mensch , so gut als einer , Charakteristik der Mythen versteht und plastischen Sinn genug in Aug und Fingern sitzen hat ? Nun stellen Sie sich vor , neulich abends im Spanischen Hofe , es waren lauter gründliche Leute da , kömmt auf ein paar Kunstwerke die Rede , Raymund fällt in seinen begeisterten Schuß und sagt wirklich vortreffliche Dinge , aber er spricht statt von Panen und Satyrn , mir nichts dir nichts , und in vollem Ernste immer von Waldteufeln ! Ist so was auch erhört ? Ich saß wie auf Nadeln , schämte mich in sein Herz hinein , trat ihm fast die Zehen weg und wollt ihm helfen ; nichts da ! ein Waldteufel um den andern ! und merkte das Lächeln nicht einmal