Der Geächtete ! « fragte Georg staunend , » wie kann er es wagen noch bei Tag hier zu sein ? ist er krank geworden ? « » Nein ! « antwortete Marie , indem von neuem Tränen in ihren Wimpern hingen ; » nein ! es muß in dieser Stunde noch ein Bote von Tübingen anlangen , und diesen will er erwarten . Wir haben ihn gebeten , beschworen , er möchte doch vor Tag hinabgehen , er hat nicht darauf gehört ; hier will er ihn erwarten . « » Aber könnte denn der Bote nicht auch in die Höhle hinabkommen ? « warf Georg ein , » er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr aus . « » Ach , du kennst ihn nicht , das ist sein Trotz , wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat , so geht er nicht mehr davon ab ; und nur zu leicht wird er mißtrauisch ; deswegen konnten wir ihm nicht sehr zureden , wegzugehen ; er hätte glauben können , wir tun es nur wegen uns . Sein Hauptgrund zu bleiben ist , daß er sich gleich mit dem Vater beraten will , sobald er Nachricht bekommt . « Sie waren während dieser Reden an die Türe der Herrenstube gekommen , Marie schloß so leise als möglich auf , und trat mit Georg ein . Die Herrenstube unterschied sich von dem großen Gemach im oberen Stock nur dadurch , daß sie kleiner war . Auch sie hatte die Aussicht nach drei Seiten , durch Fenster mit kleinen runden Scheiben , durch welche sich die Morgensonne in vielfarbigen Strahlen brach . Decke und Wände umzog ein Getäfer von schwarzbraunem Holz mit farbigen Hölzern kunstreich ausgelegt . Einige Ahnenbilder der Lichtensteiner schmückten die Wand , welche kein Fenster hatte , und Tische und Gerätschaften zeigten , daß der Ritter von Lichtenstein ein Freund alter Sitten und Zeiten sei , und seinen Hausrat , wie er ihn vom Großvater empfangen hatte , auch auf die Tochter vererben wolle . Vor einem großen Tisch in der Mitte des Zimmers saß der Herr des Schlosses . Er hatte sein Kinn und den langen Bart auf die Hand gestützt , und schaute finster und regungslos in einen Becher , der vor ihm stand . Die Weinkannen und Deckelkrüge auf dem Tisch , der Becher vor dem alten Herrn machte , daß man ungewiß war , ob er die Nacht beim Becher zugebracht habe , oder er so frühe am Tage sich durch einen guten Trunk Kräfte sammeln wolle . Er grüßte seinen jungen Gast , als dieser an den Tisch zu ihm getreten war , durch ein leichtes Neigen des Hauptes , indem ein kaum bemerkliches Lächeln um seinen Mund zog . Er wies auf einen Becher und an einen Stuhl zu seiner Seite ; Marie verstand den Wink , schenkte einen Becher voll und kredenzte ihn dem Geliebten mit jener holden Anmut , die allem was sie tat , einen eigentümlichen Stempel aufdrückte . Georg setzte sich an die Seite des Alten und trank . Dieser rückte ihm näher und flüsterte ihm mit heiserer Stimme zu : » Ich fürchte , es steht schlimm ! « » Habt Ihr Nachricht ? « fragte Georg ebenso heimlich . » Ein Bauer sagte mir heute frühe , gestern abend haben die Tübinger mit dem Bunde gehandelt . « » Gott im Himmel ! « rief Georg unwillkürlich aus . » Seid still und weckt ihn nicht ! er wird es nur zu frühe erfahren « ; entgegnete ihm jener , indem er auf die andere Seite der Stube deutete . Georg sah dorthin . An einem Fenster der Seite , die gegen den jähen Abgrund liegt , saß der geächtete Mann . Er hatte den Arm auf den Sims gestützt , die sorgenvolle Stirne , das von Wachen müde Auge lag in der tapferen Hand - - er schlummerte . Sein grauer Mantel war über die Schulter herabgefallen , und ließ ein abgetragenes , unscheinbares Lederkoller sehen , in das die kräftige Gestalt gehüllt war . Sein krauses Haar fiel nachlässig um die Schläfe , und einige Büsche des gerollten Bartes quollen unter der Hand hervor . Zu seinen Füßen lag sein großer Hund ; er hatte seinen Kopf auf den Fuß seines Herrn gelegt , seine treuen Augen hingen teilnehmend an dem Haupt des Geächteten . » Er schlaft « , sagte der Alte , und zerdrückte eine Träne in den Augen ; » die Natur fordert die Schuld an den Körper , und umhüllt die Seele mit einem wohltätigen Schleier . Er atmet leicht ; o daß es beruhigende Träume wären , die ihm vorschweben ; die Wirklichkeit ist so traurig , wer sollte ihm nicht wünschen , daß er sie im Traume vergißt ! « » Es ist ein hartes Schicksal ! « erwiderte Georg , indem er wehmütig auf den Schlafenden blickte . » Vertrieben von Haus und Hof , geächtet , in die Wüste hinausgejagt ! sein Leben jedem Buben preisgegeben , der in der Ferne seinen Bolz auf ihn anlegt bei Tag unter der Erde , bei Nacht wie ein Dieb umherschleichen zu müssen ; wahrlich es ist hart ! Und dies alles , weil er seinem Herrn treu war , und jene Bündler nach seinen Gütern gelüsteten . « » Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben « , sprach der Ritter von Lichtenstein mit tiefem Ernst ; » ich habe ihn beobachtet seit den Tagen seiner Kindheit bis zu dieser Stunde ; ich kann ihm das Zeugnis geben , er hat das Gute und Rechte gewollt . Zuweilen waren die Mittel falsch , die er anwandte , zuweilen verstand man ihn nicht , zuweilen ließ er sich von der Hitze der Leidenschaft hinreißen - aber wo lebt der Mensch , von dem man dies nicht sagen könnte . Und wahrlich , er hat es grausam gebüßt ! « Er hielt inne ,