noch wieder sein « ; ferner ein Blatt aus dem Haushaltungskalender , auf welchem ein Tag unterstrichen war , daneben stand mit Bleistift : » Dieser Tag sei mir dreimal gesegnet , weil ich dem Grafen dreimal begegnet « ; endlich ein Kranz mit der Inschrift : » Den gab mir der Graf am frühen Morgen , ich sollt ihn an die Gräfin besorgen , und gestern hat er mich fortgeschickt , als sie ihn so zärtlich angeblickt , es tät mir so weh , als ich ihn gebracht , die Gräfin hat den Kranz nicht geacht , sie hat ihn im Vorsaal liegen lassen , da tät ich armer Junge ihn fassen , und heb ihn auf in Ewigkeit , da bin ich von meinem Grafen nicht weit . « - Hier konnte der Graf nicht weiter lesen , Tränen überliefen seine Wangen ; er hatte dem Kleinen alles Gute getan , hätte er aber diese heimliche Zuneigung , diese phantastische Leidenschaft gewußt , wie hätte er ihn oft mit Zuspruch , mit kleiner Gabe erfreuen können , und nun war es zu spät . - Er packte den kleinen Schrank als seinen kostbarsten Schatz selbst ein , und besuchte noch in der Nacht das Grab des Kleinen ; mancher Gedanke zu einem recht bedeutenden Denkmale ging vor ihm über , aber seine Wehmut erstickte sie alle und diese ist das schönste Denkmal der tatenlos verschwundenen Jugend . Der Morgen der Abreise war unruhig angebrochen , mancherlei kleine Geschäfte nahmen dem Abschiede einen Teil des Schmerzlichen , doch bleibt es immer Gewohnheit in solcher Trennung von einer , wenn gleich nicht ausgezeichneten , doch unter besonderen Verhältnissen verlebten Zeit , mehr zu fürchten , als zu erwarten , » Ob ich je diese Seen , diese Wälder wieder sehe ? « fragte Dolores ganz wehmütig den Grafen , » die Glocken läuten zur Frühmesse , jetzt beten alle Menschen und wir reisen ; was bedeutet mir das ? Gewiß sterbe ich im Kindbette und werde hier beigesetzt zu allen deinen Voreltern und du führst eine andre in diese Zimmer ein , als deine Frau ! « - » Nimmermehr du Einziggeliebte ! « rief der Graf , » mit dir lebt ewig mein ganzes Leben , ob du sichtbar bei mir bist , wie bei unsrer Ankunft der Frühling in jenem Walde , den er mit grünem Kranze bedeckt hatte , oder ob ich entlaubt stehe wie er , einsam in Regen und Wind : ruhig traurend , werde ich an deinem Grabe dann eines höheren Frühlings warten - da wird dich Traugott mir entgegenführen - in Zeit und Ewigkeit bleibst du mir unverloren ! Doch wozu so traurige Gedanken ? « - Der Gräfin schauderte jetzt vor dem Gedanken des Todes , den sie so leichtsinnig ausgesprochen hatte ; ihr war zu Mute wie der leichtsinnigen Furcht , welche Mittags unter vielen Menschen andre mit Gespenstergeschichten erschreckt , die sie einsam in der Mitternacht gern vergessen möchte . Dritte Abteilung Schuld Erstes Kapitel Rückkehr des Grafen Karl und der Gräfin Dolores nach der Stadt Wochenbett . Taufe Als ich einmal an einem grauen Tage einsam und gleichgültig meinen Weg wanderte , um mein verhageltes Feld zu besehen , und von einem Hügel zum andern blickte , und so bedachte , wie bald ich auf dem andern , und dann auf dem dritten , und dann - und dann vor dir stehen könnte , du treue Seele , zu der ich am liebsten spreche unter allen in der ganzen Welt , und der ich am wenigsten zu sagen habe , weil du mich gleich verstehst und alle meine Worte in Liebe mehrest und deutest ; da wurde mir allmählich so freudig , daß ich rings umher alles mit anderem Auge ansah , als lernte ich jetzt erst sehen und müßte jetzt nachgenießen , was ich den Tag über in Gleichgültigkeit , Ärger und ferner Träumerei versäumt und übersehen hatte . Ich griff nach dem Steine , den ich neben mir zur Wegebesserung mit frischem schwarzglänzendem Bruche zerschlagen fand , und erkannte ihn als einen gültigen Zeugen größerer Weltbegebenheiten , als die ich erlebt hatte ; ich nahm einen Grashalm auf , der zum Futter abgemäht , am Wege verloren gegangen , zu meinen Füßen lag , und fand in ihm einen Zeugen des Frühlings , der uns beide beglückte , und in mir schlug das Herz als ein Zeuge der Liebe , die ich untergegangen wähnte . O wie selten wird uns die Gegenwart ! Mitten in meiner Freude tönte meine Klage über verlorene Zeit : Für die Liebe zu zart , Für die Gedanken zu schnelle , Eilest du Gegenwart , Nahende , fliehende Welle ; Alles sich spiegelt in dir , Dir nach sehen wir sehnend von hier , Stürzten uns gerne dir nach ; Dich erreichet kein Ach ! Dich erreicht nur die Lust , Strebend dir nach in der schwimmenden Brust , Dich erreicht sie im Meer ; Ach wer dort nur erst wär , Wo viel tausend der Wellen Sich in der Sonne gesellig erhellen . Das Leben ist uns ewig offen , daß wir uns schauend mit seiner Allgegenwart erfüllen , aber wir selbst stehen uns im Lichte mit toter Vorsicht , wie mancher große Mann gähnend einem Kinde im Lichte steht , bei dem Festaufzuge , der das Kind entzückt hätte ; könnten wir uns nur überzeugen , daß nichts alt und nichts neu in der Welt , nichts abgetan sei , und nichts erschöpft . - In diesen Gedanken sah ich umher und es fuhren mehrere Wagen an mir vorüber ; aus dem einen lachten und winkten mir neckend viel fröhliche Mädchen , und trieben den Kutscher , daß er schnell fahre ; im anderen , der sehr bestäubt war , saß ein ernsthaftes und doch jugendliches Paar : ein junger Mann und eine wunderschöne Frau ; ohne Betrübnis schienen sie doch beide ganz in sich versunken , und sprachen nicht