er jeden kleinsten Umstand , und so erfährt Charlotte , was begegnet , was die Lage so sonderbar verändert , was die Gemüter aufgeregt . Sie spricht aufs liebevollste mit ihrem Gemahl . Sie weiß keine andere Bitte zu tun als nur , daß man das Kind gegenwärtig nicht bestürmen möge . Eduard fühlt den Wert , die Liebe , die Vernunft seiner Gattin ; aber seine Neigung beherrscht ihn ausschließlich . Charlotte macht ihm Hoffnung , verspricht ihm , in die Scheidung zu willigen . Er traut nicht ; er ist so krank , daß ihn Hoffnung und Glaube abwechselnd verlassen ; er dringt in Charlotten , sie soll dem Major ihre Hand zusagen ; eine Art von wahnsinnigem Unmut hat ihn ergriffen . Charlotte , ihn zu besänftigen , ihn zu erhalten , tut , was er fordert . Sie sagt dem Major ihre Hand zu auf den Fall , daß Ottilie sich mit Eduarden verbinden wolle , jedoch unter ausdrücklicher Bedingung , daß die beiden Männer für den Augenblick zusammen eine Reise machen . Der Major hat für seinen Hof ein auswärtiges Geschäft , und Eduard verspricht , ihn zu begleiten . Man macht Anstalten , und man beruhigt sich einigermaßen , indem wenigstens etwas geschieht . Unterdessen kann man bemerken , daß Ottilie kaum Speise noch Trank zu sich nimmt , indem sie immerfort bei ihrem Schweigen verharrt . Man redet ihr zu , sie wird ängstlich ; man unterläßt es . Denn haben wir nicht meistenteils die Schwäche , daß wir jemanden auch zu seinem Besten nicht gern quälen mögen ? Charlotte sann alle Mittel durch , endlich geriet sie auf den Gedanken , jenen Gehülfen aus der Pension kommen zu lassen , der über Ottilien viel vermochte , der wegen ihres unvermuteten Außenbleibens sich sehr freundlich geäußert , aber keine Antwort erhalten hatte . Man spricht , um Ottilien nicht zu überraschen , von diesem Vorsatz in ihrer Gegenwart . Sie scheint nicht einzustimmen ; sie bedenkt sich ; endlich scheint ein Entschluß in ihr zu reifen , sie eilt nach ihrem Zimmer und sendet noch vor Abend an die Versammelten folgendes Schreiben . Ottilie den Freunden » Warum soll ich ausdrücklich sagen , meine Geliebten , was sich von selbst versteht ? Ich bin aus meiner Bahn geschritten , und ich soll nicht wieder hinein . Ein feindseliger Dämon , der Macht über mich gewonnen , scheint mich von außen zu hindern , hätte ich mich auch mit mir selbst wieder zur Einigkeit gefunden . Ganz rein war mein Vorsatz , Eduarden zu entsagen , mich von ihm zu entfernen . Ihm hofft ich nicht wieder zu begegnen . Es ist anders geworden ; er stand selbst gegen seinen eigenen Willen vor mir . Mein Versprechen , mich mit ihm in keine Unterredung einzulassen , habe ich vielleicht zu buchstäblich genommen und gedeutet . Nach Gefühl und Gewissen des Augenblicks schwieg ich , verstummt ich vor dem Freunde , und nun habe ich nichts mehr zu sagen . Ein strenges Ordensgelübde , welches den , der es mit Überlegung eingeht , vielleicht unbequem ängstiget , habe ich zufällig , vom Gefühl gedrungen , über mich genommen . Laßt mich darin beharren , solange mir das Herz gebietet . Beruft keine Mittelsperson ! Dringt nicht in mich , daß ich reden , daß ich mehr Speise und Trank genießen soll , als ich höchstens bedarf . Helft mir durch Nachsicht und Geduld über diese Zeit hinweg . Ich bin jung , die Jugend stellt sich unversehens wieder her . Duldet mich in eurer Gegenwart , erfreut mich durch eure Liebe , belehrt mich durch eure Unterhaltung ; aber mein Innres überlaßt mir selbst ! « Die längst vorbereitete Abreise der Männer unterblieb , weil jenes auswärtige Geschäft des Majors sich verzögerte . Wie erwünscht für Eduard ! Nun durch Ottiliens Blatt aufs neue angeregt , durch ihre trostvollen , hoffnunggebenden Worte wieder ermutigt und zu standhaftem Ausharren berechtigt , erklärte er auf einmal , er werde sich nicht entfernen . » Wie töricht , « rief er aus , » das Unentbehrlichste , Notwendigste vorsätzlich , voreilig wegzuwerfen , das , wenn uns auch der Verlust bedroht , vielleicht noch zu erhalten wäre ! Und was soll es heißen ? Doch nur , daß der Mensch ja scheine , wollen , wählen zu können . So habe ich oft , beherrscht von solchem albernen Dünkel , Stunden , ja Tage zu früh mich von Freunden losgerissen , um nur nicht von dem letzten , unausweichlichen Termin entschieden gezwungen zu werden . Diesmal aber will ich bleiben . Warum soll ich mich entfernen ? Ist sie nicht schon von mir entfernt ? Es fällt mir nicht ein , ihre Hand zu fassen , sie an mein Herz zu drücken ; sogar darf ich es nicht denken , es schaudert mir . Sie hat sich nicht von mir weg , sie hat sich über mich weg gehoben . « Und so blieb er , wie er wollte , wie er mußte . Aber auch dem Behagen glich nichts , wenn er sich mit ihr zusammenfand . Und so war auch ihr dieselbe Empfindung geblieben ; auch sie konnte sich dieser seligen Notwendigkeit nicht entziehen . Nach wie vor übten sie eine unbeschreibliche , fast magische Anziehungskraft gegeneinander aus . Sie wohnten unter Einem Dache ; aber selbst ohne gerade aneinander zu denken , mit andern Dingen beschäftigt , von der Gesellschaft hin und her gezogen , näherten sie sich einander . Fanden sie sich in Einem Saale , so dauerte es nicht lange , und sie standen , sie saßen nebeneinander . Nur die nächste Nähe konnte sie beruhigen , aber auch völlig beruhigen , und diese Nähe war genug ; nicht eines Blickes , nicht eines Wortes , keiner Gebärde , keiner Berührung bedurfte es , nur des reinen Zusammenseins . Dann waren es nicht zwei Menschen , es war nur Ein Mensch im bewußtlosen