Mühe , mir das Bild des gewaltsam sterbenden Sokrates und das Gefühl meiner Undankbarkeit gegen ihn erträglich zu machen , ist vergeblich . Niemals , niemals werd ' ich mir verzeihen können , daß ich die heiligste der Pflichten einer phantastischen Leidenschaft und selbstsüchtigen Weichlichkeit aufzuopfern fähig war ! Und daß ich es nicht könne - daß die Zeit , die alle andern Seelenschmerzen heilt , nur für die meinigen keinen Balsam habe , dafür hat Plato gesorgt . Dieser Tage wird mir ein Buch von Athen zugeschickt , Phädon betitelt , worin Plato diesen Eleaten seinem Freunde Echekrates erzählen läßt , wie Sokrates am Tage seines Todes sich noch mit den Seinigen unterhalten und überhaupt bis zum letzten Augenblick sich benommen habe . Dem Buche war ein kleines Stück Papier beigefügt , worauf nichts als das einzige furchtbare Wort Lies ! mit großen Buchstaben geschrieben stand . - Unmöglich könnt ' ich dir beschreiben , wie mir beim ersten Anblick dieser Rollen zu Muthe war . Es währte eine gute Weile , bis ich nur die Buchstaben zu unterscheiden vermochte ; mehr als Einmal ergriff ich das Buch mit zitternder Hand , und mußt ' es immer wieder bei Seite legen . Aber , wie ich endlich die Augen wieder gebrauchen konnte , und bis zu der Stelle gekommen war , wo Phädon alle Athener , die sich an diesem traurig feierlichen Tage um ihren dem Tode geweihten Freund und Vater versammelt hatten , aufzählt , und Echekrates fragt : waren auch Auswärtige dabei ? und Phädon den Simmias , Cebes und Phädondes von Theben , und den Euklides und Terpsion von Megara nennt , und dann auf die Frage : wie ? waren denn Aristipp und Kleombrot nicht auch da ? die Antwort gibt : nein , es hieß sie wären zu Aegina - fiel mir das Buch aus der Hand , mir ward finster vor den Augen und ich sank zu Boden . Von diesem Augenblick an sind mir die schrecklichen Worte : » es hieß sie wären in Aegina , « nicht aus den Gedanken gekommen ; sie erklingen immer in meinen Ohren , und stehen allenthalben mit kolossischen Buchstaben geschrieben , wo ich hin sehe . Aber von diesem Augenblick an stand es auch fest und unerschütterlich in meiner Seele , was mir noch allein übrig sey . - Beneidenswürdiger Aristipp ! Dir that das verleumderische Gerücht Unrecht ; dich hatte die Pflicht nach Cyrene abgerufen ! Aber ich Unglückseliger , ich war zu Aegina ! - In wenigen Stunden konnt ' ich zu Athen seyn - wußte alles was vorgefallen war - hatte vierzig Tage um zur Besinnung zu kommen , und ließ mich , bald durch falsche Scham , bald durch die unmännliche Furcht , ich würde den Anblick des geliebten Sterbenden nicht ertragen können , bald durch die thörichte Hoffnung daß seine Freunde Mittel finden würden ihn zu befreien , zurückhalten , die schönste , dringendste , heiligste der Pflichten zu erfüllen ! - Nein , Aristipp ! muthe mir nicht zu , daß ich mit dieser Furienschlange im Busen , mit diesem in meinem Innern wühlenden Bewußtseyn , länger leben soll ! Daß ich leben soll , um in jedem Auge , das mich anblickt , die Worte zu lesen : er war in Aegina ! - O Sokrates ! wenn noch ein Mittel ist deinen zürnenden Schatten zu versöhnen , so ist es dieß allein ! Wenn noch ein Mittel ist , meine Seele von diesem schwarzen Flecken zu reinigen , so ist es dieß allein ! Und wär ' es ( wie du sagtest ) allen andern Menschen unrecht , eigenmächtig aus dem Leben zu gehen , ich bin ausgenommen ! Mir ist es Pflicht , dich im Hades , im Elysium , im unsichtbaren Reiche der Geister , überall wo du auch seyn magst , aufzusuchen , und so lange zu deinen Füßen zu liegen bis du mir vergeben hast ! - Wähne nicht ich schwärme , Aristipp ! Meine Sinnen sind in diesem Augenblick reiner , meine Seele freier als jemals - die Stunde ist da - ich höre den dumpfen Ruf der Unterirdischen - was säum ' ich länger ? Lebe wohl , Aristipp ! - Lais ! - Musarion ! - Lebet wohl ! Vergeßt mich ! ich bin nicht würdig in euern Herzen fortzuleben.150 54. An Lais . Der arme Kleombrot - gute Laiska ! - doch , du hast eine starke Seele , meine Freundin , ich schone dich nicht . Hier ist sein Abschiedsbrief , und hier das Buch , das ihm den letzten Stoß gegeben hat - den Stoß , der ihn von einem Felsen des Ambracischen Ufers in die Wellen stürzte . Der arme Jüngling ! Er war eines bessern Schicksals werth , und verdiente diesen kaltblütigen hämischen Dolchstoß von der Hand eines ehmaligen Freundes nicht ! - Ich gestehe dir , Lais , ich bin aufgebracht über diesen stolzen Abkömmling Poseidons.151 » Es hieß sie wären in Aegina . « - Und wo war denn er ? - Plato war krank , sagt ' er . - Sonderbar genug ! Er mußte also sehr krank , schlechterdings unvermögend seyn , sich von seinem Lager zu erheben , oder er hätte kommen sollen , und wenn er sich auch , gegen das Verbot seines Arztes , in einer Sänfte nach dem Kerker hätte tragen lassen müssen . Oder war er etwa nur krank , um desto mehr Freiheit zu haben , den sterbenden Weisen sagen zu lassen was ihm beliebte ? Wirklich kann man sich eines solchen Argwohnes kaum erwehren , wenn man sieht , wie er den ehrlichen Sokrates noch in seinen letzten Stunden seine Freunde in den verschlungensten Irrgängen der subtilsten Dialektik herumtreiben läßt , und welche Mühe der gute alte Mann sich geben muß , die simpelsten Dinge in unauflösliche Knoten zusammenzudrehen , bloß damit der scharfsinnige Sohn des Ariston152 sich den Spaß machen könne , sie