Bonaventura stieg aus - ... Seine Caudatarien mußten ihm aus dem Wagen helfen ... Ambrosi kannte Hubertus von ihrem Zusammenleben im Kloster San-Pietro in Montorio her ... Nicht auffallen durfte es , wenn auch er wünschte , solange zu einem der Gefangenen gelassen zu werden ... Hubertus war ein Mitglied des Ordens , dem er selbst angehörte ... Der Prälat erklärte , daß Hubertus und Paolo Vigo versprochen hätten , sich bis auf weiteres nach San- in Montorio zu begeben - aber der Aelteste der Gefangenen , Frâ Federigo , wäre bedenklich erkrankt und schiene seinem Ende nah ... In Ambrosi ' s Antlitz zuckte es schmerzlich auf - er wollte die vielleicht letzte Begegnung zwischen Vater und Sohn nicht stören ... Obschon selbst von mächtigster Sehnsucht nach seinem alten Lehrer ergriffen , ließ er Bonaventura den Vortritt ... Der Prälat führte seinen hohen Besuch über den Hof eine Stiege hinauf , wo sich die Cardinäle trennen mußten ... Noch geleitete Ambrosi den halb ohnmächtigen Freund bis vor die Zelle , die er bat für diesen aufzuschließen ... Ueber ihr standen die grausamen Worte aus dem 109 . Psalm : » Der Satan muß stehen zu deiner Rechten ! « 4 ... Wie auch die Jesuiten alles aufboten , die Dominicaner zur Ausübung ihrer alten Gerechtsame zu zwingen , doch konnte man sagen : Der Katholicismus dieser Form ist todt und das Al-Gesú kann und wird ihn nicht wieder lebendig machen ... Die Thür steht offen ! sprach der Prälat ... Zwei Väter sind beschäftigt , dem Unglücklichen die letzten Tröstungen zu geben ... Aerzte hat er abgelehnt ... Doch sind deren in der Nähe ... Sie geben keine Hoffnung - ... Die letzten Tröstungen ! - sprach für sich Ambrosi und setzte laut hinzu : Ueberlaßt die Vorbereitung seinem Oberhirten ! ... In der Stille der Einsamkeit wird die Seele des Armen seinen Mahnungen zugänglicher sein ... Der Prälat , einverstanden und verbindlich sich verbeugend , öffnete ohne Argwohn die Thür ... Zwei weißgekleidete Mönche saßen in einem dunklen Vorgemach und lasen mit lauter Stimme im Brevier ... Der Prälat winkte ihnen aufzuhören und ihm zu folgen ... Sie traten mit ihm hinaus ... Bonaventura ' s Seele drohte den Körper zu verlassen ... Bewußtlos hob er den Fuß über die Schwelle - Die Thür wurde leise hinter ihm angelehnt ... Hinter dem dunklen Vorgemach folgte ein Zwischenzimmer ... Es wurde durch eine Lampe erhellt , die in einem dritten Raum , in einem Alkoven stand ... Noch konnte der athemlos und zitternd Stehende nicht das Lager entdecken , wo jener ihm nun endlich zugängliche - Begriff lag , der einen Augenblick nach dem Gruß der Liebe und des Erkennens vielleicht für immer aus dem Leben schied ... Ein Begriff - ? ... Wenn die Person , die ihn erfüllte , dennoch eine andre war - ? ... Eine Weile verharrte Bonaventura in einer unbeweglichen Stellung ... Alle Lebensströme schienen in diesem Augenblick ihm zu stocken ... Eine unendliche Freude und ein unendlicher Schmerz stritten um die Herrschaft in seinem Innern ... Qui - viene ? ... erscholl es jetzt mit einem Ton , der dem Lauschenden durch die Seele schnitt und der ihm nicht bekannt war ... Bonaventura schritt näher ... Jetzt sah er , daß in einem Winkel des Alkovens ein Bett stand , auf welchem eine Gestalt in einem braunen , warmwollenen Büßerkleide lag ... Er sah nur die langen weißen Haare des ihm abgewandten Hauptes ... Auch eine erwärmende Decke lag auf dem ausgestreckten Körper ... Siete - voi , miei - cari - figliuoli ? ... fragte die Stimme und setzte die Anwesenheit der Mönche voraus ... Die Stimme durchschnitt des Sohnes Herz ... Nun war es doch wie ein Klang , den er kennen mußte - ein Klang wie die Erinnerung eines Weihnachtliedes der Jugendzeit ... Legite dunque ! ... La vostra lettura - non mi dispiace ... sprach der Greis mit matter Stimme - Die Bewegung , welche die Rede unterbrach , schien von Fieberfrost zu kommen ... Bonaventura trat einen Schritt vor und fragte , mit leiser Stimme und in deutscher Sprache : Habt Ihr es kalt , mein - Vater - ? ... » Kalt « und » caldo « die beiden Sprachen Gegensätze ... Bonaventura sprach so leise , daß vernehmbar nur das Wort » kalt « von seinen Lippen kam ... Caldo ! Caldo ! sprach der Greis mit Misverständniß und deutete mit beruhigtem Ton an , die Wärme der Decke genüge ihm .... Bonaventura sah nun vollkommen die langausgestreckte Gestalt - die sich ein wenig wandte , da der Schatten , welchen der Angekommene auf die weißgetünchte Wand fallen ließ , den Greis zu befremden und aufzuregen schien ... Caldo - nahm Bonaventura , sich jetzt ein Herz fassend , das Wort wieder auf und setzte in italienischer Sprache die verhängnißvolle , den Moment der Erkennung , wenn es sein Vater war , entscheidende Frage hinzu : Caldo come sotto una coperta di neve - ! ... Auf dies Wort : » Warm wie unter einer Schneedecke ? « - folgte erst eine Todtenstille ... Dann richtete sich der Greis auf , sank , da die Kraft nicht ausreichte , auf seine beiden Arme zurück , die sich gegen das Lager anstemmten , und richtete die mit weißen Brauen umbuschten Augen weit aufgerissen auf die im Glanz ihrer Cardinalswürde vor ihm stehende Gestalt ... Er mochte denken : Kommt ihr endlich - und bist du Ambrosi oder mein Sohn ? ... Nun sah Bonaventura das von den Spuren des Alters , des Kummers und der nahenden Auflösung zerstörte Angesicht , sah Züge , die nur mühsam aus dem weißen Barte , aus dem langhinflutenden Haare zu erkennen waren - aber - es war sein Vater ... Hatte ihm der Ton der Stimme schon die volle Bestätigung gegeben , jetzt bedurfte es keiner weiteren Versicherung ... Langsam sank Bonaventura zur Erde nieder und beugte sein Haupt vor dem